Nur mit Mund-Nasen-Bedeckung dürfen Kinder am Unterricht in der Klasse teilnehmen. Ausnahmen gibt es bisher keine.
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Nur mit Mund-Nasen-Bedeckung dürfen Kinder im Kreis Limburg-Weilburg am Unterricht in der Klasse teilnehmen. Ausnahmen gibt es bisher keine.

Limburg-Weilburg

Trotz Attest: Mädchen darf nicht in die Schule – Eltern verzweifeln

  • Rolf Goeckel
    VonRolf Goeckel
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Eine Neunjährige aus dem Kreis Limburg-Weilburg hat ein Attest. Sie darf keine Maske tragen – und deswegen auch nicht in die Schule.

Limburg – Olivia (Name von der Redaktion geändert) ist ein fröhliches neunjähriges Mädchen, das gerne in die dritte Klasse einer Grundschule im Oberlahngebiet geht. Eigentlich. Denn während die übrigen Kinder ihrer Schule längst wieder vom Homeschooling in den Wechselunterricht zurückgekehrt sind, wird Olivia seit Wochen ausschließlich zu Hause unterrichtet. Der Grund: Die Neunjährige darf aus medizinischen Gründen keine Maske tragen, sondern lediglich ein Visier.

Während die Eltern von einer Stigmatisierung ihrer Tochter sprechen, verweist das Staatliche Schulamt Weilburg auf die Möglichkeit einer separaten Betreuung innerhalb der Schule. Die Eltern des Mädchens wollen nun per Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden durchsetzen, dass ihre Tochter auch ohne Mund-Nase-Bedeckung zusammen mit ihren Mitschülern zur Schule gehen darf. Zumal dies von Anbeginn der Corona-Pandemie bis zu den Osterferien auch möglich gewesen sei.

Limburg-Weilburg: Ansteckungsrisiko so gering wie möglich halten

Olivias Mutter Sonja P. (Name geändert) weiß es noch genau: Am 21. April erhielt sie einen Anruf der Schulleitung, wonach sie auf Anordnung des Staatlichen Schulamtes in Weilburg von den übrigen Schülern "separiert" werden soll. Begründung: Olivia ist von der Maskenpflicht befreit, weil sie seit früher Kindheit unter Neurodermitis leidet - eine Krankheit, die in ihrem Fall zu chronischen Entzündungen im Mundbereich geführt hat. Alle drei Monate erhält das Mädchen ein ärztliches Attest, wonach sie keine Mund-Nase-Bedeckung tragen darf.

Laut einer Landesverordnung, so Dirk Fredl, Sprecher des Staatlichen Schulamts Weilburg, müssen Kinder, die keine Maske tragen können, von den übrigen Kindern getrennt unterrichtet werden, um das Ansteckungsrisiko für die übrigen Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrer so gering wie möglich zu halten. Dies werde üblicherweise so organisiert, dass die Schule dem betroffenen Kind einen eigenen Raum zur Verfügung stellt, in dem es betreut wird. Sollte diese Möglichkeit nicht gegeben sein, bleibe nichts anderes als "Distanzunterricht", sprich zu Hause. "Der Schutz aller anderen Kinder muss berücksichtigt werden."

Mutter im Kreis Limburg-Weilburg: „Aussortierung ist unmöglich“

Fredl weist allerdings darauf hin, dass die Schule den Eltern von Olivia angeboten habe, ihr einen eigenen Raum zur Verfügung zu stellen - sowohl während der Phase der Notbetreuung, als sich sämtliche Kinder noch im Homeschooling befanden, als auch nach der Rückkehr zum Wechselunterricht. Von einem solchen Angebot wisse sie nichts, sagt Sonja P., zumindest nicht für den Wechselunterricht. Die Schulleitung habe ihr vielmehr mitgeteilt, dass für eine Betreuung ihrer Tochter in einem separaten Raum weder die räumlichen noch die personellen Ressourcen vorhanden seien, so dass nichts anderes übrig bleibe, als dass Olivia zu Hause bleibt.

Ohnehin hält es die Mutter für ein Unding, dass Kinder von ihren Mitschülern "separiert" werden sollen. "Diese Form der Aussortierung finde ich unmöglich", sagt Sonja P. Deshalb würde sie ein solches Angebot auch ablehnen. Sie möchte nicht, dass ihre Tochter, die unter ihrer Krankheit schon genug zu leiden habe, "stigmatisiert" wird. Auch sehe sie sehe gar kein Problem darin, warum die Neunjährige nicht in einem Klassenzimmer sitzen soll, in dem während des Wechselunterrichts sowieso nur die halbe Klasse anwesend ist. "Sie könnte ja etwas abseits, zum Beispiel am Fenster sitzen", schlägt Sonja P. vor. Als Mutter wäre sie auch einverstanden damit, dass ihre Tochter häufiger als die üblichen zwei Mal pro Woche auf Corona getestet würde.

Kein Schulbesuch ohne Maske in Limburg-Weilburg: „Auf dem Rücken eines Kindes“

Bei allem Verständnis für den Pandemieschutz, den Sonja P. und ihr Ehemann nach eigenem Bekunden ansonsten unterstützen, dürfe es nicht sein, dass die Corona-Bekämpfung "auf dem Rücken eines Kindes" ausgetragen werde. "Muss meine Tochter denn einer solchen extremen psychischen Belastung ausgesetzt werden?", fragt die Mutter. Sonja P. appelliert daher an die Verantwortlichen, sich in die Situation eines neunjährigen Kindes hineinzuversetzen. "Was bedeutet das denn für ein Kind, wenn es während des Unterrichts und in der Pause in einem eigenen Raum isoliert sitzen muss, als ginge von ihm eine Gefahr aus?"

Schulamtssprecher Fredl bedauert, dass wegen der Corona-Pandemie nicht alle Kinder am Präsenzunterricht teilnehmen können. Er verweist aber auf das Bemühen der Verantwortlichen um Lösungen für diese Schüler. "Auch wenn kein klassischer Präsenzunterricht möglich ist, so bemühen sich die Schulen sehr, pädagogisch, aber auch sozial die Schülerinnen und Schüler eng zu begleiten, so dass sie den Anschluss nicht verlieren und weiter in ständigem Kontakt und Austausch mit der Schule stehen", versichert Fredl.

Schulbehörde in Limburg-Weilburg: Unterricht in vollem Umfang so bald wie möglich

Der Vorsitzende des Kreisschulelternbeirats, Björn Jung, verweist ebenfalls auf das Schutzinteresse aller anderen Kinder vor einer möglichen Ansteckung. Schule und Schulamt sollten den betroffenen Kindern aber eine "Perspektive anbieten, wie es Kontakt mit ihren Klassenkameraden halten kann". Zumal derzeit völlig unklar sei, wie lange die Maskenpflicht an Schulen noch gelten soll.

Das weiß auch die Schulbehörde nicht, wie Fredl einräumt. "Das Thema wird aber sicherlich in den Vorbereitungen des neuen Schuljahres erneut diskutiert werden", erklärt er. Ziel aller an Schule Beteiligten und selbstverständlich auch des Hessischen Kultusministeriums sei es, den Unterrichtsbetrieb sobald wie möglich wieder "in vollem Umfang und ohne Einschränkungen herstellen zu können", so der Schulamtssprecher.

Kreis Limburg-Weilburg: Erhöhte Testfrequenz „kein adäquater Ersatz“

"Die pandemiebedingten erforderlichen Einschränkungen tragen jedoch nachweislich dazu bei, dass die Folgeinfektionen in Schulen deutlich reduziert stattgefunden haben und stattfinden. Je schneller die Infektionszahlen sinken, desto eher können die Einschränkungen, die für viele Familien eine enorme Herausforderung dargestellt haben und darstellen, zurückgenommen werden." Die von Olivias Eltern vorgeschlagene Erhöhung der Testfrequenz könne das Infektionsrisiko nur bedingt lösen, "wäre also kein adäquater Ersatz für das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung", sagt Fredl.

Olivias Eltern indes drängen auf eine schnelle Lösung des Problems und nicht erst nach den Schulferien. Sie befürchten, dass die Maskenpflicht noch lange aufrechterhalten wird, zumal die jüngeren Kinder voraussichtlich erst in der zweiten Jahreshälfte geimpft werden können. "Dann sitzt unsere Tochter schlimmstenfalls bis Ende des Jahres alleine zu Hause." (Rolf Goeckel)

Nach sechs Monaten Distanzunterricht konnten die Schülerinnen und Schüler im Kreis Limburg-Weilburg vor Kurzem endlich wieder in Präsenz Unterrichtet werden.

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