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Der Bad Camberger Musiker Peter Reimer hat alles getan, um seinen Beruf in der Zeit der Pandemie weiter auszuüben, wie hier bei einem Online-Konzert aus der Stockheimer Kulturhalle im März.

Schließungen wegen Corona

Limburg-Weilburg: Musiker klagt: "Ich darf nicht arbeiten"

Teil-Lockdown: Von fehlender Wertschätzung bis Bauernopfern

Limburg-Weilburg -Er sieht die Alarmstufe Rot: "Vielen Dank dafür, dass wir in den vergangenen Monaten Hygienekonzepte entwickelt, Abluftanlagen installiert sowie viel Mühe und Geld investiert haben, damit die Theater jetzt wieder als Superspreader behandelt werden. Vielen Dank auch für die neuerliche Absage und Umbuchungswelle, die uns wieder viel Zeit und Kraft kostet!" Das kommuniziert Mike Bauersachs , der die Zehntscheuer Amorbach betreibt. Die war zuletzt einer der wichtigsten Auftrittsorte des Bad Camberger Profi-Musikers Peter Reimer . Er gehört zu den vielen Betroffenen aus Kultur, Veranstaltungsbranche und Gastronomie des Teil-Lockdowns, der von Montag an gilt.

Seit mehr als 30 Jahren macht der 56-Jährige Musik. Konzerte mit 15 bis 20 Prozent der normalen Sitzplätze und Eintritte: "Kein Veranstalter und kein Künstler kann damit Geld verdienen", sagt der Sänger und Gitarrist zu den bisherigen Auftritten unter Pandemie-Bedingungen. Deshalb hatte Peter Reimer schon im Juli einen Brief an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien geschrieben und Alarm geschlagen. Jetzt wiederholt er: "Ich finde es unangemessen, an ALG II verwiesen zu werden. Ich bin weder arbeitslos noch habe ich ein schlechtgehendes Geschäft. Ich darf nicht arbeiten."

"Abgesagte Konzerte, gefühlte Ungerechtigkeit, das Messen mit zweierlei Maß, die Missachtung gegenüber der drittgrößten Branche der deutschen Volkswirtschaft und wirtschaftliche Existenzängste liegen mittlerweile schwer auf der Seele", sagt Reimer. Und er ergänzt: "Wenn ich schon nicht auftreten darf, dann hätte ich dafür gerne einen finanziellen Ausgleich, mit dem ich kalkulieren kann, so wie Angestellte aus den verschiedensten Branchen Kurzarbeitergeld bekommen."

Hoffen, dass es bald weitergehen kann

"Kultur ist ein Lebensmittel", sagt Gabriele Droste von der Kulturvereinigung Limburg . Und bei diesem herrsche seit Monaten Knappheit, die sich jetzt noch einmal verschärfen wird. "Wir machen, was wir machen dürfen." Zuletzt durften nur 85 Gäste in den Saal der Stadthalle, der unter anderen Bedingungen 1301 Plätze bietet, kommen - nun im November niemand mehr. Für Dezember hat die Kulturvereinigung das Programm schon prophylaktisch ausgesetzt. Das Kindertheater soll im Mai 2021 nachgeholt werden. Das traditionelle Silvesterkonzert fällt aus. "Wir hoffen darauf, dass es im Januar weitergehen kann."

Finanziell attraktiv war es schon zuletzt nicht, sagt Droste. Aber immerhin: "Wir tun was!" Das sei wichtig gewesen für die Kultur und für die Künstler, die sich danach sehnen würden, endlich wieder auf der Bühne zu stehen. Mit welcher staatlicher Unterstützung die Kulturvereinigung in diesem neuerlichen Lockdown rechnen könne, werde derzeit geprüft. Bislang jedenfalls habe sich das Engagement während der Corona-Pandemie "nicht gerechnet, aber wir konnten den Menschen etwas bieten", sagt Gabriele Droste.

Eventmanager und Geschäftsführer von Diamond Media-Events Eric Schröder aus Elz will sich seine Zuversicht bewahren. "Wir müssen das Beste aus dem machen, was wir haben." Dass das Veranstaltungsprogramm erneut zusammenschnurren würde, sei vorhersehbar gewesen, sagt Schröder, der sich in den vergangenen Monaten auf Sitzplatzkonzerte unter freiem Himmel und Videoproduktionen verlegt hatte. Auch die sind nun nicht mehr möglich. Denn Videos zu drehen, wenn nur Personen aus zwei Haushalten beteiligt sein dürfen, "wird schwierig". Es werde allmählich eng für sein Branche. "Unsere Probleme müssen in der Politik endlich mehr Gehör finden." Er könne mit seiner Eventfirma noch bis Jahresende durchhalten und setzt zudem auf staatliche Unterstützung.

"Wir werden zum Freizeitbereich gerechnet, aber der Gesundheitsbereich völlig außer Acht gelassen", sagt Ulrike Farke , die mit ihrem Mann Thomas Büker das Fitfun in Limburg betreibt. Diese Wertschätzung fehle angesichts des wichtigen Leistungsspektrums. "Fitness ist die größte Sportart in Deutschland, mehr noch als Fußball." Als eines der größten Fitnessstudios in der Region musste sich das Fitfun im März umstellen, bot Online-Sport und öffnete anschließend wieder unter Pandemiebedingungen. Das heißt: Ständige Desinfektion, Abstand, Masken auf den Wegen zu den Trainingsplätzen und -geräten, teilweise Sport im Freien. Jetzt ist wieder das komplette Programm auf Eis gelegt, sie arbeiten wieder an Online-Kursen. Nur: "Das letzte Mal hatten wir mehr Zeit, es hatte sich ja angedeutet", sagt Farke. Mit diesem schnellen Schritt habe man jetzt nicht gerechnet. Die 49-Jährige zeigt Verständnis angesichts der aktuellen Coronazahlen. Bitter sei etwas anderes: Dass diejenigen, die sich an die Regeln hielten, jetzt darunter leiden müssten. "Wir haben in eine neue Lüftungsanlage investiert", sagt die Geschäftsfrau und Sportlerin. Sie hoffe, dass es bei den vier Wochen bleibe.

Auch der Wildpark "Tiergarten" Weilburg ist von der Schließung der Freizeitparks betroffen, berichtet Forstamtsleiter Werner Wernecke . Ein Schritt, der bei ihm auf ein gewisses Unverständnis stößt. Schließlich sei der Wildpark mit seinen 93 Hektar wohl kaum der Ort, an dem ein großes Infektionsgeschehen drohe, zumal Abstandsregeln und Maskenpflicht auf dem gesamten Gelände gelten. Allerdings ist die Besucherbilanz des Wildparks laut Wernecke schon jetzt mehr als zufriedenstellend. "Wir hatten trotz der verkürzten Zeit 15 Prozent mehr Besucher als im Vorjahr, also etwa 150 000", so der Forstamtschef. Da falle die Schließung im November kaum noch ins Gewicht.

Weniger gut lief es in der zurückliegenden Saison im Lahn-Marmor-Museum Villmar , wie Stiftungsvorsitzender Hermann Hepp berichtet. Wegen vieler abgesagter Veranstaltungen und zahlreicher Einschränkungen habe es ein Fünftel weniger Besucher gegeben als im Vorjahr. Ein Minus, das angesichts eines finanziellen Polsters aber verkraftbar sei. Kleiner Trost: Das Museum schließt ohnehin zum 31. Oktober.

Antje Helbig vom Rosenhang-Museum Weilburg sieht die Situation eher entspannt, wenn auch bedauerlich: "Es ist schade, vor allem für die Künstler, aber wir können es nicht ändern", sagt sie. Die beiden Musiktheater-Vorstellungen am 26. und 27. November müssten nun angesagt werden. Von den fest Angestellten des Museums werde aber niemand nach Hause geschickt, versichert Helbig, die auf eine "überaus positive Saison" zurückblickt.

"Nur weil sich andere nicht an die Regeln halten, werden kulturelle Einrichtungen und die Gastronomie wieder geschlossen." Thomas Scheffler vom Kreml Kulturhaus in Zollhaus ärgert sich über den zweiten Lockdown in diesem Jahr. "Bei uns im Kino sitzen ohnehin nur sieben Personen, die sich über den gesamten Raum verteilen und mindestens fünf Meter Abstand zueinander haben", erklärt er. Erst vor kurzem hätte die Kultureinrichtung mit Hilfe von Fördergeldern die Lüftungsanlage umgebaut. Ab Montag gibt es die Speisen des Kreml-Cafés nur noch zur Abholung und der Waldkindergarten bleibt auf. Das war es. "Wir halten alle Regeln ein und sehen uns nicht als Spreader", sagt Scheffler frustriert.

Berg- und Talfahrt verunsichert Bürger

Zwar falle das Kulturhaus in die 75-Prozent-Regelung und werde finanziell entschädigt, aber der Image-Schaden sei groß. "Wenn die Berg- und Tal-Fahrt so weiter geht, dann verunsichert das auch die Bürger", erklärt Scheffler. Er befürchtet, dass die Besucherzahlen weiter sinken werden, weil die Menschen die Lust auf Kultur verlieren würden. Außerdem mache es die Programmgestaltung schwieriger. Das Kreml-Kulturhaus habe nun alle November-Veranstaltungen auf die Monate Januar und Februar 2021 verschoben.

Für Georg Sawatzki vom Cineplex Limburg kommt der Teil-Lockdown nicht überraschend. "Wir fühlen uns nicht gut behandelt. Für die Politik sind wir Bauernopfer", sagt er. Dabei sei weltweit kein einziger Corona-Fall in einem Kino bekannt. "Wir haben eine hohe Luftwechselrate, ständige Frischluftzufuhr und nur 25 Prozent Belegung." Die vier Wochen Schließung wirken sich laut Sawatzki länger aus. "Denn die Filme, die im November nicht erscheinen, können wir nicht einfach in den Dezember verlegen. Dafür sind lange Vorbereitungszeit und Marketing erforderlich", erklärt er. Und auch die Dezembertermine seien in Gefahr, da nicht sicher ist, ob der Lockdown Ende November auch wirklich endet. "November und Dezember sind für uns die umsatzstärksten Monate", so Sawatzki. Nun würde die Mitarbeiter in die Kurzarbeit geschickt. Und auch für die 40 bis 50 Aushilfen gäbe es intern eine Lösung. abv/goe/na/pp

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