Metzgermeister Klaus Heymann schlachtet das Schweinefleisch selbst, das er in seinem Laden in Niedertiefenbach verkauft.
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Metzgermeister Klaus Heymann schlachtet das Schweinefleisch selbst, das er in seinem Laden in Niedertiefenbach verkauft.

Corona-Skandal bei Fleischverarbeiter

Billigfleisch gegen Qualitätsware: Profitieren die Metzger vom Tönnies-Skandal?

  • Stefan Dickmann
    vonStefan Dickmann
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Der Corona-Skandal beim Fleischverarbeiter Tönnies schlägt noch immer hohe Wellen. Das sagen die Vorstandsmitglieder der Fleischer-Innung Limburg-Weilburg dazu.

Limburg-Weilburg - Der Name des Unternehmers Tönnies steht für massenhaft hergestelltes Schweinefleisch in Nordrhein-Westfalen, das bei Discountern billig verkauft wird und zum großen Teil von Arbeitern in riesigen Fabriken zerlegt wird, die geringe Löhne bekommen und während der Corona-Pandemie offenbar nicht ausreichend vor dem Virus geschützt worden sind.

Wie gehen die heimischen Metzgerei-Betriebe damit um? Profitieren sie vielleicht von der Empörung über Tönnies, weil wieder mehr Verbraucher den Metzger von nebenan entdecken? Mit welchen Problemen kämpfen kleinere Metzgereien, die unter ganz anderen Bedingungen Fleisch produzieren, und welche Erwartungen haben sie an die Politik?

Darüber sprach Stefan Dickmann mit drei Vertretern der Fleischer-Innung Limburg-Weilburg - mit Obermeister Ewald Stath aus Haintchen, seinem Stellvertreter Dietmar Laux aus Niederbrechen und Vorstandsmitglied Klaus Heymann aus Niedertiefenbach.

Die Öffentlichkeit und Teile der Politik scheinen überrascht zu sein, unter welchen Bedingungen Menschen bei Tönnies arbeiten. Sie auch?

EWALD STATH: Für mich ist das nichts Neues. Das Problem gibt es leider schon seit 30 Jahren.

KLAUS HEYMANN: Häufig werden in industriellen Fleischerbetrieben wie bei Tönnies nicht ausgebildete Arbeiter eingesetzt, die auch schlechter bezahlt werden als Fachkräfte. Im Schnitt verdienen diese Arbeiter rund zehn Euro weniger in der Stunde.

DIETMAR LAUX: Das Schlimme ist, dass alle in unserer Branche über einen Kamm geschert werden. Die Bedingungen in kleineren Handwerksbetrieben wie unseren sind anders: Wir produzieren nicht auf Masse, sondern legen Wert auf gute Fleischqualität und bezahlen unsere Mitarbeiter auch anständig.

STATH: Im industriellen Fleischbereich wird zum Beispiel mit Werkverträgen gearbeitet. Die Arbeit machen ausländische Arbeitnehmer, die nicht nach unserem höheren Tarif in Deutschland entlohnt werden. Und die Voraussetzungen dafür sind von der Politik geschaffen worden.

Werden die Verbraucher künftig bereit sein, für das Wohl der Tiere und das Wohl der Arbeiter in diesen Betrieben mehr Geld für Fleisch auszugeben?

HEYMANN: Ich bin da skeptisch. Es ist ja nicht der erste Skandal in der industriellen Fleischbranche. Nach einigen Wochen essen die meisten wieder Hamburger in Fastfood-Läden, als ob nichts geschehen sei. Oder die Menschen kaufen direkt nach einem Skandal eine Zeit lang ihr Fleisch beim Metzger nebenan, aber nach ein paar Wochen kaufen sie es doch wieder beim Discounter.

STATH: Wir haben nun mal mündige Verbraucher. Sie haben es selbst in der Hand. Wenn es vielen Verbrauchern vor allem auf den Preis ankommt und sie in erster Linie billige Lebensmittel wollen, dann gibt es diese Auswirkungen. Um billiges Fleisch anzubieten, muss überall gespart werden. Die Folge sind Dumpingpreise. In unseren Handwerksbetrieben setzen wir auf hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Dementsprechend muss ich sie auch bezahlen. Das schlägt sich auf den Preis für Fleisch aus, das wir in unseren Metzgereien anbieten. Italiener, Spanier und Franzosen legen beim Essen viel Wert auf Genuss und geben mehr Geld für gute Lebensmittel aus, in Deutschland ist die Bereitschaft dazu geringer.

LAUX: Vor 30 Jahren gab es in vielen Haushalten nur einmal in der Woche Fleisch, heute erwarten viele Verbraucher jeden Tag Fleisch auf dem Tisch. Das muss aber gar nicht sein. Wer weniger Fleisch konsumiert, kann sich auch höhere Preise leisten, weil dann auch die Qualität stimmt.

Mit welchen Problemen kämpfen kleinere Handwerksmetzger noch?

HEYMANN: Wir werden ständig mit neuen Auflagen konfrontiert, die auf EU-Ebene festgelegt werden. Ich habe zum Beispiel meine Metzgerei im Jahr 2005 übernommen und musste zwei Jahre später auf einmal 70 000 Euro investieren, weil die EU festgelegt hatte, dass Tiere in einem Raum nicht gleichzeitig geschlachtet und zerlegt werden dürfen; es müssen getrennte Räume sein. Dabei haben wir auch schon zuvor penibel auf die Hygiene nach der Schlachtung geachtet und den Raum sauber gemacht, bevor das Fleisch zerlegt wird.

LAUX: Für die Industrie ist es sehr viel leichter, solche Auflagen zu erfüllen als für kleinere Handwerksbetriebe.

Woher beziehen Sie Ihr Schweinefleisch, dass Sie verkaufen?

LAUX: Ich bekomme mein Schweinefleisch nicht von Tönnies, sondern von einer Genossenschaft aus Mainz; dabei handelt es sich um Schweine aus Hessen.

HEYMANN: Ich schlachte in meinem Betrieb selbst. Bevor ich Schweine schlachte, die ich hier direkt aus der Region beziehe, achte ich darauf, dass die Tiere, nachdem sie angeliefert worden sind, noch eine Nacht im Stall bleiben, damit sie sich wieder beruhigen. Das dient sowohl dem Wohl der Tiere als auch dem der Verbraucher, weil das Fleisch ohne ausgeschüttete Stresshormone besser schmeckt. Bei der industriellen Schlachtung wird darauf keine Rücksicht genommen.

Die Zahl der Metzger vor Ort geht kontinuierlich zurück. In ganz Waldbrunn gibt es zum Beispiel nur noch einen einzigen Metzger. Wie reagiert die Fleischer-Innung Limburg-Weilburg darauf?

STATH: Wir wollen mit der Innung Wiesbaden-Rheingau-Taunus fusionieren. Durch die Corona-Krise hat sich das bisher verzögert. Dieser Schritt ist unausweichlich. Vor 40 Jahren gab es im Landkreis Limburg-Weilburg noch rund 80 Metzgereien, heute haben wir nur noch 23 aktive Betriebe. Bei unseren Kollegen, mit denen wir fusionieren, ist die Lage noch dramatischer. Dort sind es gerade noch elf Betriebe. . .

HEYMANN: Nachwuchs zu finden, ist unserer Branche ein sehr großes Problem. Metzger müssen früh aufstehen, viele junge Leute wollen das aber nicht. Ich könnte jedes Jahr in meinem Betrieb in Niedertiefenbach einen Metzger und eine Fleischereifachverkäuferin ausbilden. Mittlerweile ist es aber leider normal für mich und meine Kollegen, dass wir zwei bis drei Jahre gar keine Auszubildenden finden. Immerhin haben jetzt zwei meiner Auszubildenden ihre Gesellenprüfung bestanden. Einer hat sich bewusst für diese Ausbildung entschieden, weil er nicht den ganzen Tag vor dem Computer sitzen wollte.

LAUX: Ich habe gerade einen jungen Mann in meinem Betrieb in Niederbrechen ausgebildet, der ein IT-Hochschulabsolvent war und sich bewusst für einen Beruf als Metzger entschieden hat. So etwas gibt es auch, aber es ist die Ausnahme.

STATH: Bei Berufsmessen interessiert sich kaum ein Schüler für eine Ausbildung im Fleischerhandwerk. Die fehlende Akzeptanz für unseren Beruf ist ein großes Problem. Fleisch essen wollen viele, aber es fehlt das Bewusstsein, woher das Fleisch kommt, es fehlt der Bezug zum Tier.

Was muss passieren, damit es den Handwerksmetzgern wieder besser geht?

HEYMANN: Weniger Pflichten zur Dokumentation würde uns sehr helfen. Ich sitze am Nachmittag nach meiner eigentlichen Arbeit als Schlachter und Metzger immer länger im Büro und muss alles Mögliche dokumentieren: die Temperatur in den Kühlräumen, den Stromfluss bei der Elektrozange zur Betäubung der Tiere oder die Reinigungsintervalle. Dabei hat jeder Metzger ein hohes Interesse daran, dass die Tiere nicht sehr leiden, und dass das Fleisch, das er selbst verkauft und für das er vor seinen Stammkunden gerade stehen muss, auch richtig gekühlt ist und eine einwandfreie Qualität hat.

STATH: Ich sehe eine Möglichkeit darin, dass kleinere Fleischereibetriebe keine EEG-Umlage mehr zahlen müssen. Schon jetzt ist es doch so, dass Industriezweige, die einen hohen Stromverbrauch haben, diese Umlage zur Finanzierung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien nicht bezahlen müssen. Das Fleischerhandwerk kann sich davon nicht befreien lassen. Deshalb lautet eine Forderung des Deutschen Fleischer-Verbands, kleine und große Unternehmen bei der EEG-Umlage gleich zu behandeln, wenn sie am gleichen Markt als Wettbewerber operieren. Das wäre gerecht.

LAUX: Es ist schwierig, das Rad der Produktionsbedingungen in der Fleischindustrie zurückzudrehen. Bessere Arbeitsbedingungen in industriellen Fleischbetrieben wären aber ein wichtiger Baustein, weil höhere Löhne sich automatisch im Preis beim Fleisch niederschlagen. Das würde uns Handwerksmetzgern helfen. Den Preis für Fleisch pauschal zu verteuern, wie es die Bundesagrarministerin vorschlägt, bringt kleineren Betrieben nichts, weil das industriell hergestellte Fleisch dann noch immer billiger ist. (Von Stefan Dickmann)

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