Immer noch warten viele Senioren aus der ersten und zweiten Priorisierungsgruppe auf die Impfung. Die Impfsituation im Landkreis Limburg-Weilburg sei geprägt vom Impfstoffmangel für das Impfzentrum, sagt Pressesprecher Jan Kieserg.
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Immer noch warten viele Senioren aus der ersten und zweiten Priorisierungsgruppe auf die Impfung. Die Impfsituation im Landkreis Limburg-Weilburg sei geprägt vom Impfstoffmangel für das Impfzentrum, sagt Pressesprecher Jan Kieserg.

Impfzentrum in Limburg

Corona-Impfpriorisierung durcheinander: "Senioren werden frustriert zurückgelassen"

  • vonTobias Ketter
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Chaos bei der Terminvergabe - Lob für die Arbeit im Impfzentrum. In Limburg-Weilburg bleiben Impfungen bei Menschen der Prioritätsgruppe I und II aus. 

Limburg-Weilburg - Die Impfkampagne im Kampf gegen das Coronavirus schreitet voran. Auch im Impfzentrum des Landkreises Limburg-Weilburg werden täglich viele Dosen verabreicht. Doch die Impfstrategie des Landes Hessen stößt auch auf Kritik. Besonders bei der Terminvergabe und bei der Einhaltung der Priorisierung gibt es Schwierigkeiten.

Peter Böcher und Alexandra Böcher-Speck sind verärgert. Die Organisation der Impfkampagne laufe völlig chaotisch, sagt das Ehepaar aus dem Selterser Ortsteil Münster. Böcher-Speck hatte sich Ende Februar um Impftermine für ihre Eltern bemüht. Zehn Tage nach der Registrierung erhielt sie Termine im Impfzentrum des Landkreises für ihren Vater. Die Erstimpfung sollte am 7. Mai stattfinden, die zweite Dosis drei Wochen später verabreicht werden. "Nachdem dann die Möglichkeit zur Vereinbarung von Partner-Terminen gegeben war, konnte meine Frau die Impfungen für ihre Mutter zu den Terminen ihres Vaters hinzu buchen", erinnert sich Böcher.

Limburg-Weilburg: Impftermine werden „aus unerfindlichen Gründen gestrichen“

Am vergangenen Samstag erhielt die Familie dann eine Hiobsbotschaft. "Die bisherigen Termine meiner Schwiegermutter wurden aus unerfindlichen Gründen gestrichen und durch neue ersetzt", so Böcher. Darüber hinaus seien die Registrierungs-Accounts der beiden Senioren plötzlich gesperrt gewesen. Daraufhin kontaktierte Alexandra Böcher-Speck die Impfhotline. "Zunächst bekamen wir die Info, dass ein neues Release aufgespielt wurde und seitdem das System spinnt", sagt ihr Ehemann. Noch während des Telefonats mit dem Sachbearbeiter sei dann der Server, auf dem die Impftermine registriert werden, abgestürzt. Letztlich gelang es Böcher-Speck, einen neuen Partner-Impftermin für ihre Eltern, die beide über 70 Jahre alt sind und Vorerkrankungen aufweisen, zu vereinbaren. Sie bekommen nun am 6. Mai und am 17. Juni die Spritzen. "Damit liegt der zweite Impftermin 20 Tage hinter dem ursprünglichen Termin", sagt Peter Böcher. Dadurch werde die vollständige Immunisierung verzögert. Dies habe zu großer Aufregung und Verunsicherung geführt.

Das chaotische Vorgehen beweist laut dem Münsterer, dass die Hessische Verwaltung mit dem Impfprozess überfordert sei und die Priorisierungen der Ständigen Impfkommission bewusst missachtet würden. "Das Bundesland Hessen möchte durch die Ausweitungen der Abstände zwischen den Impfterminen ihre katastrophale Impfstatistik beschönigen", sagt Böcher. Außerdem seien besonders ältere Personengruppen mit Vorerkrankungen einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Senioren aus Limburg-Weilburg: Statt Impftermin "Hinhalteschreiben" erhalten

Aufgrund der Erlebnisse hat Böcher nun eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen das Hessische Innenministerium sowie gegen die Kreisverwaltung Limburg-Weilburg eingereicht. "Die vorübergehende Absage des Impftermins schlägt dem Fass den Boden aus", so Böcher. Er freue sich für jeden, der die Impfung erhalte. Aber es falle vermehrt auf, dass bereits viele jüngere Personen ihre Erstimpfung bekommen haben, während "zahlreiche Senioren frustriert zurückgelassen werden".

Auch Manfred und Renate Enold aus Elz hatten zunächst Schwierigkeiten, einen Impftermin zu ergattern. "Wir haben uns Ende Februar registriert und bekamen zunächst keine Rückmeldung", sagt Manfred Enold. Am 17. März erhielt das Ehepaar dann ein "Hinhalteschreiben". Darin wurde erklärt, dass aufgrund der geringen Impfstoffmengen bislang kein Termin angeboten werden konnte. Die beiden Elzer haben sich daraufhin für den zweiten Sonderimpftag im Impfzentrum des Landkreises angemeldet und einen Termin bekommen. Während der Sonderimpfungen wurden übrig gebliebene Vakzine von Astrazeneca verabreicht.

Limburg-Weilburg: 73-Jähriger erhält Impfung - "Es ist wie eine Erlösung"

"Wir sind sehr froh, dass wir nun zum ersten Mal geimpft wurden", sagt Enold. Er sei aber nach eigenen Angaben auch etwas verärgert darüber, dass die Wartelisten bei dem ersten Sonderimpftag nicht berücksichtigt worden seien. Darüber hinaus befürchtet Enold, dass Menschen mit einem Alter von über 70 Jahren nun weiter hingehalten werden, da sich mittlerweile auch Personen, die zwischen 60 und 70 Jahren alt sind, registrieren können. "Der Topf wird erweitert und dadurch könnte die Einhaltung der Priorisierung schwieriger werden." Mit dem Vorgehen im Impfzentrum des Landkreises Limburg-Weilburg ist Manfred Enold zufrieden. "Die Mitarbeiter haben kompetent gehandelt und die Impfung hat gut geklappt", sagt er. Der Elzer und seine Ehefrau erhalten die zweite Dosis im Juli. "Der Termin wurde uns bei der Anmeldebestätigung für den Sonderimpftag direkt mitgeschickt."

Auch der 73-jährige Josef Friedrich aus Lindenholzhausen bekam seine erste Dosis während des Sonderimpftages. "Es ist wie eine Erlösung. Ich fühle mich jetzt sicher", berichtet er. Das Team an Ort und Stelle sei freundlich gewesen und ein Arzt habe ihn vor der Impfung gut beraten. Die Anmeldung für die "normale Impfung" hat der Mann aus Lindenholzhausen storniert. "Jeder Bürger, der einen Termin beim Hausarzt oder für die Sonderimpftage erhält, sollte dies auch tun, damit die normalen Termine nicht unnötig blockiert werden", betont der 73-Jährige.

Nicht so zufrieden wie Josef Friedrich ist eine Frau aus Waldbrunn, die anonym bleiben möchte. Sie selbst wurde zwar laut eigenen Angaben bereits regelkonform geimpft, allerdings bemängelt die Frau, dass im Impfzentrum des Landkreises die Impfreihenfolge nicht immer eingehalten werde. "Mir wurde zugetragen, dass einige Begleitpersonen geimpft werden, die noch lange nicht an der Reihe sind." Jan Kieserg, Sprecher des Landkreises Limburg-Weilburg, widerspricht der Aussage: "Die spontane Impfung von Begleitpersonen, die keinen Impftermin vorweisen können und zu keiner freigegebenen Priorisierungsgruppe gehören, ist im Impfzentrum in Limburg nicht zugelassen." Darüber hinaus seien alle angelieferten Impfdosen in der hessischen Terminvergabeplattform mit einem Impftermin hinterlegt, so dass es keine nicht verplanten Impfdosen gebe.

Impftermine in Limburg-Weilburg: Zuteilung nach dem Zufallsprinzip

Generell sei die Impfsituation im Landkreis geprägt vom Impfstoffmangel für das Impfzentrum. "Die Auslastung der Impfstraßen beträgt immer noch weniger als 50 Prozent", sagt Kieserg. Die Anmeldung über die zentrale Terminvergabe des Landes Hessen sei noch optimierungsfähig. Die "Task Force Impfen" des Hessischen Innenministeriums habe dem Kreis mitgeteilt, dass aufgrund der geringen Impfstoffmengen noch nicht allen registrierten Personen der Priorisierungsgruppen 1 und 2 ein Impftermin zugeteilt werden konnte. "Die Zuteilung erfolgt nach dem Zufallsprinzip innerhalb der zugelassenen Priorisierungsgruppen und nicht nach der zeitlichen Reihenfolge des Eingangs der Registrierung", so der Kreissprecher.

Die Akzeptanz für den Impfstoff von Astrazeneca habe laut Kieserg deutlich nachgelassen und viele Menschen der Priorisierungsgruppen 1 und 2 verweigerten sich diesem Impfstoff. In den vergangenen Wochen wurden laut Kieserg rund 15 Prozent der täglich gebuchten Impftermine nicht wahrgenommen. Die Gründe dafür seien vielfältig. "Bei der zentralen Terminvergabe-Organisation des Landes Hessen gab es Schwierigkeiten bei der Terminbenachrichtigung", berichtet der Kreissprecher. Außerdem seien zwischenzeitlich Impfberechtigte durch den Hausarzt geimpft worden, ohne ihren Termin im Impfzentrum abzusagen. "Darüber hinaus haben sich manche Personen mehrfach angemeldet und dadurch mehrere Impftermine bekommen in der Hoffnung, irgendwann doch noch den gewünschten Impfstoff zugeteilt zu bekommen", so Kieserg.

Laut dem Hessischen Innenministerium stehe das Bundesland "in der Impfkampagne gut da". "Rund 22 Prozent der Hessinnen und Hessen haben bis einschließlich 26. April bereits die Erstimpfung erhalten", sagt Sprecher Michael Schaich. Allen registrierten Personen der Priorisierungsgruppen 1 und 2, die in den zurückliegenden Wochen und Monaten kein Termin bekommen haben, sei in den vergangenen Tagen ein Terminangebot gemacht worden oder dies werde zeitnah geschehen. "Grundsätzlich bleibt das Ziel bestehen, möglichst allen Impfberechtigten der Gruppen 1 und 2 die Möglichkeit für Erstimpfungen im Mai anzubieten", so Schaich.

Limburg-Weilburg: Auch Hausärzte beteiligen sich bei den Corona-Impfungen

Auch in den Hausarztpraxen des Landkreises Limburg-Weilburg werden seit einigen Wochen Bürgerinnen und Bürger geimpft. "Auf der einen Seite ist es gut, dass nun endlich die Hausärzte impfen können und dadurch das Impftempo steigt", sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Ab der kommenden Woche gebe es auch Corona-Impfungen durch Fachärzte. Auf der anderen Seite stehe viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung. "Die Praxen könnten viel mehr leisten und wollen dies auch", so Roth. Da die geplanten Impfstofflieferungen für die jeweils folgende Woche meist erst freitags, bei manchen Apotheken auch erst montags kommuniziert werden, könne kaum verlässlich vorausgeplant werden. Roth hofft, dass zukünftig den Impfungen in den Arztpraxen eine höhere Priorität zukomme. "Aus unserer Sicht braucht es die Impfzentren nicht mehr. Die niedergelassenen Ärzte agieren nah am Patienten, flexibler, schneller und mit einer Infrastruktur, die nicht noch extra und teuer bezahlt werden muss", sagt der Sprecher.

Wie viele Menschen des Landkreises Limburg-Weilburg die Corona-Impfung in Arztpraxen erhalten haben, weiß die Kassenärztliche Vereinigung nicht. "Die Zahlen werden nicht regional erfasst", erklärt Roth. Laut Robert-Koch-Institut wurden bisher bundesweit mehr als 3,7 Millionen Dosen in den Arztpraxen injiziert. Wie viele Hausärzte im Kreis derzeit Corona-Impfungen durchführen, ist der Kassenärztlichen Vereinigung ebenfalls nicht bekannt. (tob)

Erst kürzlich wurden im Landkreis Limburg-Weilburg die Corona-Variante aus Südafrika nachgewiesen.

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