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Senioren im Straßenverkehr

Gefahr im Straßenverkehr

Fahrtauglichkeitsprüfung für Senioren: Wann ist man zu Alt zum Autofahren?

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Wenn die Augen schlechter werden und die Reaktionszeit länger, ist das Verantwortungsgefühl gefragt: In Deutschland müssen nur Lkw- und Busfahrer regelmäßig zur Nachprüfung, alle anderen brauchen Einsicht und Vernunft, wenn sie nicht zur Gefahr im Straßenverkehr werden wollen.

Limburg-Weilburg - Wann ist es Zeit, den Führerschein abzugeben? Wann ist man so gebrechlich, dass man eine Gefahr für andere wird – zumindest als Autofahrer? Schwierige Fragen, ein heikles Thema. So heikel, dass die alte Dame, nennen wir sie Ilse Meier, ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Dabei gehört sie zu den Guten, zu denen, die ihren Führerschein bei Zeiten abgegeben haben – bevor etwas passiert. Und zwar ganz freiwillig, obwohl sie in den fast 50 Jahren, die sie den Führerschein hatte, keinen einzigen Unfall verursacht hat. Und das, obwohl sie „eine leidenschaftliche Autofahrerin“ war und eine, die viel gefahren ist, in ganz Europa unterwegs war.

Aber Ilse Meier ist eben nicht mehr die Jüngste, und sie ist vernünftig. Dass der Verstand nicht immer siegt, wenn es um das Autofahren geht, zeigen die Zahlen: Senioren (Menschen über 64 Jahre) waren schuld an mehr als zehn Prozent der Unfälle, die die Polizei in den vergangenen drei Jahren im Landkreis aufgenommen hat, damit sind sie eine größere Gefahr als die Fahranfänger, die einen so schlechten Ruf haben. Meist waren es Blechschäden, aber einige waren tödlich.

Fahrtauglichkeitsprüfung für Senioren: Im benachbarten Ausland schon lange normal

Und immer dann, wenn publik wird, dass ein Rentner zu spät reagiert, zu wenig gesehen oder die Vorfahrt genommen hat, werden reflexartig die Rufe nach einer regelmäßigen Fahrtauglichkeitsprüfung für Senioren laut, so wie sie es im benachbarten Ausland schon lange gibt. Aber passiert ist nichts. Gerhard Leist, zuständig für das Sicherheitstraining – auch das Senioren-Sicherheitstraining – bei der Verkehrswacht Limburg-Weilburg, weiß, woran das liegt: „So lange nur alte Leute Politik machen, wird es keine gesetzliche Regelung geben“, sagt er. Denn dann müssten auch die meisten Politiker alle paar Jahre zeigen, dass sie noch Herr ihrer Sinne sind. „Und außerdem brauchen wir ja auch Leute, die die ganzen Autos fahren. Und Leute, die die Autos kaputt fahren.“

Bruno Reuscher, Vorsitzender der Verkehrswacht, ist ein bisschen diplomatischer: „Das lässt sich gesetzestechnisch nicht so einfach regeln, ohne jemanden zu benachteiligen“, sagt er. Schließlich sagten die ganzen Unfall-Statistiken überhaupt nichts aus, wenn der Vergleich fehle. Jeder wisse, dass Senioren in der Regel vorausschauend und vor allem nicht zu schnell fahren – aber niemand wisse, wie viel sie überhaupt fahren. Und man dürfe ja auch niemanden stigmatisieren. „Deshalb halten sich die Politiker raus.“

Und eines müsse man auch bedenken: Die beste Führerscheinprüfung helfe nichts, wenn sich jemand nicht an die Verkehrsregeln halten wolle. Und auch nichts, wenn er sein Auto nicht beherrsche. „Wer den Führerschein macht, lernt ja nicht, in Extremsituationen zu reagieren.“ Aber das lerne man beim Fahrsicherheitstraining. Er würde sich wünschen, dass mehr Menschen regelmäßig üben, wie man auf glatter Straße fährt, wie wichtig der Schulterblick ist und was das Auto macht, wenn man mit ganzer Kraft auf die Bremse steigt, sagt Reuscher. Und dann vielleicht nach einem Training entscheiden, dass sie keine guten Autofahrer mehr sind. „Eigentlich müsste jeder Senior selbst erkennen, wann er es lieber seinlassen sollte.“

Frau gibt ihren Führerschein freiwillig ab – Vermisst ihre Mobilität

Ilse Meier hat das vor einem Jahr erkannt, kurz vor ihrem 90. Geburtstag. Schon in den vergangenen Jahren war sie nicht mehr gerne so weite Strecken gefahren, hatte sich immer Parkplätze gesucht, auf denen wirklich genug Platz für ihren Audi A4 war. „Man muss seine Grenzen kennen“, sagt sie. Aber dann habe sie eines Tages lange an einer Kreuzung in Hadamar gestanden, weil sie warten musste, bis sie abbiegen konnte. Und auf einmal habe sie nicht mehr gewusst, wo sie eigentlich hinfahren wollte. Das ist ihr kurze Zeit später wieder eingefallen, aber die Geistesabwesenheit ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. 

Dann kamen ihre Kinder: „Wenn Du so anfängst, höre lieber auf zu fahren“, hätten die gesagt. Und das hat sie gemacht: Ilse Meier hat ihren Nachbarn gebeten, den Führerschein bei der Führerscheinstelle entwerten zu lassen; das war ihr wichtig, „damit ich nicht in Versuchung komme“. Irgendwann hat sie auch ihren Audi verkauft, aber vorher hat sie sich noch manchmal hineingesetzt und im Leerlauf Vollgas gegeben. Inzwischen habe sie sich damit abgefunden, dass sie kein Auto mehr hat, sagt Meier. Aber ihre Mobilität vermisst sie immer noch. „Ich habe sehr viele Kontakte verloren.“

Ohne Auto von Bus, Familie und Nachbarn abhängig

Auch Maria Müller will ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen; auch sie denkt, dass es niemanden etwas angeht, warum sie nicht mehr fahren will, auch sie vermisst ihr Auto. Ein Bild, auf dem sie Abschied von ihm nimmt, hängt jetzt in ihrem Schlafzimmer. Maria Müller hat ihr Auto am 28. November 2018 auf den Schrottplatz gebracht, „schweren Herzens“. Der TÜV war sowieso abgelaufen, und die Versicherung war so teuer geworden. Maria Müller war bei den Beiträgen auf 100 Prozent hochgestuft worden „wie ein Anfänger“ – und das, obwohl sie 64 Jahre Fahrpraxis hatte und keine Unfälle. Nur in den vergangenen beiden Jahren hatte es dreimal gekracht. Immer nur Kleinigkeiten, weil sie Probleme beim Rückwärtsfahren hatte. 

Sie hätte ihr Auto aber sicher noch behalten, wenn Versicherung und Reparaturen nicht so teuer geworden wären, sagt die 88-Jährige. Denn sie wohnt auf dem Land, in einem Stadtteil von Hadamar, und sie hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass sie nun vom Bus, ihrer Familie oder Nachbarn abhängig ist, wenn sie einkaufen oder etwas unternehmen will.

Ältere Autofahrer alle drei Jahre zur Fahrprüfung schicken?

Da hat es Wolfgang Kerner einfacher: Er wohnt in Limburg, mittendrin. Er würde sich auch heute noch zutrauen, Auto zu fahren, sagt der 86-Jährige, zumindest tagsüber und in der Stadt. Aber seine Tochter habe ihm ins Gewissen geredet, als sie merkte, dass seine Augen immer schlechter werden: „Wenn Du nicht mehr schreiben und lesen kannst, dann kannst Du auch kein Auto mehr fahren“, hatte sie zu ihm gesagt.

Wolfgang Kerner gab nach. Auch wenn ihm sein Augenarzt nie gesagt habe, dass er nicht mehr fahren sollte. Er bereue es aber nicht, dass das Auto weg ist, sagt Wolfgang Kerner. „Ich bin auch so mobil.“ Und er weiß, dass die Fahrtauglichkeit nicht vom Alter abhängt, aber von den Fähigkeiten – und die seien ganz individuell. Er würde ältere Autofahrer alle drei Jahre zur Prüfung schicken, sagt Wolfgang Kerner. „So ab 75 Jahren.“ 

Von Sabine Rauch

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