Voll besetzt waren die Klassenräume schon länger nicht mehr. Für die zwei Wochen vor den Ferien wird sich dies nun an Grund- und Förderschulen ändern. Das gefällt nicht jedem.
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Voll besetzt waren die Klassenräume schon länger nicht mehr. Für die zwei Wochen vor den Ferien wird sich dies nun an Grund- und Förderschulen ändern. Das gefällt nicht jedem.

Bildung in Corona-Zeiten

Limburg: Wenn die Klassenräume wieder voll werden

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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  • Petra Hackert
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In den letzten beiden Wochen vor den Sommerferien ist in den Schulen wieder alles anders. Der Übergang zum Präsenzunterricht für Grund- und Förderschulen hat Für und Wider.

Limburg -Desinfektionsspender, Abstandslinien, kleinere Klassen, Homeschooling und Präsenzunterricht, ein ausgeklügeltes Betreuungssystem - die Schulen sind stark gefordert, um dem Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus gerecht zu werden. Zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien wird wieder alles anders. Grund- und Förderschulen sollen von Montag an voll besetzt arbeiten, alle Schüler dort wieder im Präsenzunterricht sein.

Der Kreisvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Limburg kritisiert diese Entscheidung des Hessischen Kultusministeriums, reagiert darauf "mit vollständigem Unverständnis und Entrüstung", wie es in einer Mitteilung heißt. "Offensichtlich will man auch in Hessen in den wenigen Tagen vor den Ferien Erfahrungen sammeln, wie sich die Aufhebung der Abstandsregeln auswirkt", so die GEW. Die Ferien dienten dann als Sicherheitspuffer. Viel wichtiger als die symbolische Öffnung der Schule an zehn Unterrichtstagen sei eine verantwortungsvolle und verlässliche Planung für das nächste Schuljahr.

Die Ankündigung von Kultusminister Alexander Lorz (CDU), an den Grundschulen und Grundstufen der Förderschulen im Regelbetrieb zu unterrichten - bei Aufhebung aller bisher geltenden Abstandsregelungen, konterkariere die bisherigen Maßnahmen. Die ersten, zweiten und dritten Klassen seien gerade einmal seit dem 2. Juni überhaupt wieder in der Schule, somit erst seit einigen Tagen an die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln herangeführt worden. Das verlange von den Lehrkräften großes Einfühlungsvermögen und Hartnäckigkeit. "Und jetzt sollen diese von einem Tag auf den anderen in der Schule, in Gruppen von bis zu 25 Kindern, die bis zu fünf Stunden in engen, schlecht zu lüftenden Räumen sitzen, nicht mehr gelten?", fragt die GEW und nennt dies. "Wasser auf die Mühlen all derer, die alle Vorkehrungen sowieso für Mumpitz halten".

Gruppen sollen

konstant bleiben

Noch im Erlass vom 7. Mai zur Öffnung der Grundschulen habe der Kultusminister ausdrücklich geschrieben, dass alle Regelungen zunächst bis zu den Sommerferien Bestand haben sollten. Dass es nun doch anders kommt, hänge mit einer Studie aller vier Universitätskliniken in Baden-Württemberg zusammen, erklärt Dirk Fredl, Sprecher des Staatlichen Schulamtes für den Kreis Limburg-Weilburg. Diese Studie komme zu dem Ergebnis, dass Kinder nicht nur seltener an Covid-19 erkranken, sondern sich auch seltener mit dem Virus infizieren als Erwachsene.

Andere Experten hätten herausgefunden, dass die derzeit gültigen Abstandsregelungen im Schulbetrieb für das Infektionsgeschehen keine entscheidende Rolle spielten. "Dabei sei zum einen die nachhaltige Konstanz der jeweiligen Gruppe und zum anderen die Vermeidung von Durchmischungen für die weitere Entwicklung des Infektionsgeschehens entscheidender als die individuelle Gruppengröße und die Kontakte innerhalb einer Gruppe", so Dirk Fredl. Deshalb sei die Abstandsregel auch nur in der konstant zusammengesetzten Klasse aufgehoben. Auf dem Pausenhof oder in den Fluren müssten weiter 1,50 Meter Abstand gehalten werden.

Deshalb werde der Stundenplan so gestaltet, dass jede Klasse entweder nur von der Klassenlehrkraft oder von einem festen Personalteam unterrichtet werde. "Nur in absolut unvermeidbaren Situationen kann davon abgewichen werden - unter der Prämisse, dass möglichst wenige Lehrerinnen und Lehrer in Kontakt mit unterschiedlichen Gruppen oder anderen Lehrkräften kommen." Er wisse, dass es für die Schulen eine Herausforderung sei, wenn sich die Bedingungen ständig änderten, sagt Fredl. "Was da geleistet wird, ist beachtenswert und lobenswert."

Für die notwendigen hygienischen Voraussetzungen ist der Kreis als Schulträger verantwortlich. "Wir tun alles, damit es in einem schwierigen Umfeld so optimal wie möglich funktioniert", sagt Landrat Michael Köberle (CDU). Innerhalb der Schulen habe der Kreis umfangreiche Hygienemaßnahmen getroffen, um Infektionen zu verhindern. "In den Schulen wurden Desinfektionsspender, schwerpunktmäßig in den Eingangsbereichen, installiert. Sowohl Desinfektionsspender als auch die Waschbecken in Klassenräumen und Sanitäranlagen werden durch die Schulhausverwalter regelmäßig kontrolliert, Seife, Papierhandtücher und Desinfektionsmittel zeitnah aufgefüllt", so Köberle. Zum normalen Reinigungsturnus werden zusätzlich täglich sogenannte Kontaktstellen, etwa Türklinken, gereinigt.

Der Landkreis habe außerdem an alle Schüler und Lehrkräfte kostenlos jeweils drei Einweg-Mund-Nasen-Bedeckungen sowie eine Stoffmaske verteilen lassen. Insgesamt seien es rund 100 000 Masken. Diese seien auch bei der durch den Landkreis organisierten Schülerbeförderung von Bedeutung, so Köberle.

Kinder brauchen

soziale Kontakte

Und was sagen die Eltern? Das Meinungsbild sei heterogen, sagt Kreiselternbeirat Björn Jung. "Es gibt keinen Riesenaufschrei, aber auch große Bedenken bei einem nicht geringen Teil der Eltern." Die Mehrheit, so die Reaktionen, die beim Kreiselternbeirat ankommen, befürworteten die nun gefundene Lösung. "Es ist gut und wichtig, dass es wieder Präsenzunterricht gibt, besonders für die Kleinen. Die Kinder brauchen die sozialen Kontakte, die Lehrer, sonst nehmen sie in ihrer Entwicklung Schaden. Und man nimmt so auch Druck aus den Familien heraus."

Es gebe auch Stimmen die sagen, das Ganze sei zu riskant, um es in den letzten beiden Wochen vor den Ferien durchzuziehen, so Jung. Für die Schüler, die im Homeschooling blieben, fehle Kapazität zur Betreuung. "Sie werden im Vergleich zu den anderen weiter zurückfallen. Das ist für zwei Wochen vielleicht nicht so dramatisch, aber wir müssen überprüfen, welche Erkenntnisse uns diese Zeit bringt." Die ersten Klassen seien mit teils 17, 18 Schülern nicht so groß wie spätere Jahrgänge. Das erleichtere die Situation.

Die große Herausforderung stehe an mit Blick auf die Wechsel ins erste Schuljahr, in die fünfte Klasse, auch in die siebte. "Für die Erstklässler ist das die wichtigste Zeit für ihre künftige Entwicklung. Es schadet, wenn sie keine Kontakte zu den neuen Klassenkameraden haben", sagt Jung. Dies stelle Schule, Lehrer, Eltern vor große Herausforderungen. Positiv überrascht habe ihn, wie flexibel die Schulämter reagieren. "Wir fühlen uns auf Kreisebene gut vertreten." Die Vorgehensweise sei transparent. Man erfahre mehr als zuvor.

Eine Herausforderung

für die Schulen

Corona ist eine Herausforderung. Vor allem eine logistische. Nicole Reeh, Leiterin der Herzenberschule in Hadamar, formuliert es so: "Wir müssen flexibel und spontan sein. Und dann reagieren, wenn es so weit ist." Es habe sich nicht bewährt, vorher alles genau zu planen und dann alle Pläne wieder über den Haufen werfen zu müssen. Und das gelte auch für die Zukunft: "Niemand weiß, was in acht Wochen ist." Niemand weiß, ob es nach den Sommerferien an den Grundschulen oder vielleicht an allen Schulen wieder im Regelbetrieb weitergeht, wenn auch mit versetzten Pausen und Maskenpflicht auf dem Schulhof.

Nächste Woche gilt jedenfalls: Wer sich bewegt, muss die Maske tragen, wer ruhig auf seinem Platz sitzt, darf sie ausziehen - muss aber nicht. Diese Regel galt auch schon den vergangenen Wochen, genau wie die Pflicht, regelmäßig die Hände zu waschen und das Gebot, nur alleine auf die Toilette zu gehen. "Neu ist nur, dass die Abstandsregeln nicht mehr gelten", sagt Reeh. Zumindest nicht in den Klassenräumen. Und der Stundenplan ist auch wieder neu: Mathe, Deutsch und Sachunterricht, die Hauptfächer, stehen auf dem Plan. "Alles andere ist ein Bonbon obendrauf", sagt Reeh. Sport und Musik sind aus Sicherheitsgründen tabu, zudem sei ja eine Menge Stoff aufzuholen.

Die meisten ihrer Kollegen seien jedenfalls froh, dass die Schule wieder beginnt. Einige hätten ein ungutes Gefühl. So ähnlich seien auch die Rückmeldungen, die sie von den Eltern bekomme, sagt Nicole Reeh. Die meisten seien froh, dass zumindest ihre Grundschulkinder wieder regelmäßig und verlässlich von denen beschult würden, die dafür ausgebildet seien. Und die anderen hätten ja die Möglichkeit, ihre Kinder zu Hause zu lassen.

Und das werden wohl auch einige Eltern tun, sagt Judith Lehnert, Leiterin der Freiherr-von-Stein-Schule in Dauborn. Man wisse nicht, was passiert, wenn die Abstandsregeln in den Klassenräumen nicht mehr gelten. Das Ganze sei ein Experiment. "Und ich hoffe wirklich, dass die Wissenschaftler, die das Kultusministerium beraten, Recht behalten." Und dass es dann nach den Ferien so weitergehen kann. Vor allem für die künftigen Erstklässler sei es eine Katastrophe, wenn sie nur ein paar Stunden in der Woche in Kleingruppen in die Schule könnten. "Die kommen ja nie an." Schon die Vorbereitung auf die Schule habe in diesem Jahr nicht so funktioniert wie geplant - mit Schnupperunterricht und all den anderen Maßnahmen, die den Kindern die Angst vor der Schule nehmen sollen. Und dann noch die Angst vor Corona. Natürlich nähmen die Kinder das Virus als Bedrohung wahr. Und es sei nicht immer einfach, den Kindern zu erklären, warum jetzt erlaubt ist, was die ganze Zeit tabu war. "Aber wenn das Experiment gelingt, können wir nach den Ferien wieder ganz anders arbeiten."

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