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Limburg: Zahl der Kirchenaustritte ist alarmierend

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Stadt-Mitarbeiterin Bettina Philippi sitzt am Express-Schalter des Info-Points bei der Limburger Pusteblume. Sie erlebt fast täglich Kirchenaustritte.
Stadt-Mitarbeiterin Bettina Philippi sitzt am Express-Schalter des Info-Points bei der Limburger Pusteblume. Sie erlebt fast täglich Kirchenaustritte. © Anette in Concas

Bischof Dr. Georg Bätzing sieht den Grund in den vielen Skandalen

Limburg -Eine Entwicklung, die vor vielen Jahren begonnen hat, spitzt sich zu. Schon seit Jahren treten immer mehr Menschen aus der katholischen Kirche aus. Auch das Bistum Limburg ist davon betroffen. Die neueste Statistik berichtet: Am 31. Dezember 2021 lebten im Bistum Limburg insgesamt 560 777 Katholikinnen und Katholiken. Das sind 18 910 Personen weniger als zum Jahresende 2020 (579 687). "Erheblich beeinflusst ist die Statistik von den Auswirkungen der Corona-Pandemie, die sich vielfach auf das kirchliche Leben ausgewirkt hat. Gottesdienste konnten nicht wie geplant gefeiert werden, es mussten Abstände und Zugangsbeschränkungen eingehalten werden. Die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher sank von 33 554 im Jahr 2020 deutlich um 10 939 auf 22 615 im Jahr 2021", so das Bistum.

"Die Zahlen sind alarmierend," weiß Bischof Dr. Georg Bätzing, sagt aber im gleichen Atemzug. "Es gibt nichts schönzureden und ich bin zutiefst erschüttert über die extrem hohe Zahl von Kirchenaustritten". Es sei festzustellen, dass mittlerweile nicht nur Menschen austreten, die den Kontakt zur Kirche schon über einen längeren Zeitraum verloren hatten, sondern auch die, die bislang engagiert waren. Dies gehe aus zahlreichen Rückmeldungen hervor. "Der Aufbruch, den wir mit dem Synodalen Weg gehen, ist hier in der Kommunikation mit Gläubigen offenbar noch nicht angekommen. Insgesamt zeigt diese dramatische Zahl: Es gibt keine Selbstverständlichkeiten mehr für uns als katholische Kirche. Wir müssen uns neu erklären, erläutern was wir tun und warum wir es machen", so der Bischof von Limburg und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Es sei ebenso keine Selbstverständlichkeit, zur Kirche zu gehören und schon gar nicht, in ihr aktiv mitzuwirken. Einen Grund für die hohen Austrittszahlen sieht der Bischof in den vielen Skandalen, die es innerkirchlich gebe und die "in erheblichem Maße" selbst zu verantworten seien.

Vielen Menschen geht es einfach ums Geld

Wer sich mal umhört und mit Ausgetretenen spricht, hört aber noch viele andere Gründe. Den meisten Menschen scheint es ums Geld zu gehen. "Die Kirchensteuern sind viel zu hoch", murren etliche Befragte. Manchmal fällt auch ein Begriff wie "goldene Badewanne", (die es übrigens nicht gibt und nie gegeben hat, Anmerkung der Redaktion). Gerade junge Leute weisen darauf hin, dass alles so teuer geworden ist - "da brauche ich das Geld für meine Kinder und meine Familie", sagt Sabine Friedrich. "Und ich kriege ja auch nichts geboten", meint Peter Müller. Ihm ist aufgefallen, dass viele Kirchen inzwischen verschlossen werden und dass oft keine Ansprechpartner für ein geistliches Gespräch da sein.

"Auch ein Bischof muss vor allen für den Glauben und die Gläubigen da sein", meint ein Elzer, der gerade ausgetreten ist. "Der Bischof war bis heute noch nicht mal in Elz. Und unser Pfarrer geht jetzt auch weg!"

Persönliche Enttäuschung spielt bei dem einen oder anderen natürlich auch mit. Ein anderer Christ aus einem Limburger Ortsteil, der aber häufig bei der Domgemeinde zu Gast war, ist vor kurzem ausgetreten. Der Domberg in Limburg entwickele sich ja jetzt zum Musikberg, nur, damit hier persönlicher Ehrgeiz gestillt werden könne. Und die Zusammenlegung der Pfarreien sei mehr als unglücklich. Dass künftig ein Großteil der Kirchenarbeit von Laien übernommen werden soll, gefällt ihm auch nicht. Er motiviert gerade seine Frau, ebenfalls die Kirche zu verlassen.

Früher Amtsgericht, heute Bürgerbüro

Das Austreten geht schnell. Früher mussten die Bürger zum Amtsgericht, heute gehen sie zum Infopoint der Stadt. Hier sitzt Bettina Philippi, Mitarbeiterin des Bürgerbüros. Sie nimmt den Personalausweis entgegen, ein Dokument wird ausgefüllt, und das war's schon. Bettina Philippi fragt niemanden, warum er aus der Kirche austreten möchte, sie hält sich da ganz zurück. Das eine oder andere bekommt sie natürlich manchmal mit. Schlimm ist es, wenn Menschen so enttäuscht sind", sagt sie.

Trotz aller Missstände und der erschreckenden Zahlen ist der Bischof überzeugt: "Die Botschaft des Evangeliums hat Kraft, die wir mit allen, die der Kirche angehören, zur Entfaltung bringen und ins Leben übersetzen können. Das ist nicht einfach, aber ich bin zuversichtlich, dass wir mit dem Synodalen Weg als Impuls zur inneren Reform und Erneuerung wichtige Schritte in die richtige Richtung setzen", sagt er.

Er lädt ein, von dem Guten zu sprechen, das in Pfarrgemeinden, in Verbänden und Vereinen, im Bildungsbereich, in der Caritas, in der Notfallseelsorge und im weltkirchlichen Engagement geschehe. "Ich möchte nichts schönreden. Aber ich möchte dafür werben, das Mehr, den Gewinn, das Plus von Kirche zu sehen. Ohne die vielen Angebote von Gottesdiensten und Glaubensvermittlung würde unser menschliches Miteinander an Tiefe verlieren. Ohne unsere Caritas wäre die Gesellschaft ärmer, ohne unsere tausenden von Bildungsangeboten wäre unser Land ärmer, ohne das große Engagement für die Menschen an den Rändern, besonders die Geflüchteten und die vom Krieg Betroffenen, wäre die Welt noch trauriger", so Bätzing. Die vielen Ehren- und Hauptamtlichen in der Kirche seien für ihn eine Ermutigung, dass es sich lohne, den Weg einer Kirche an der Seite der Menschen zu gehen.

Wer mehr darüber wissen will, wie sich das kirchliche Leben vor Ort in den jeweiligen Pfarreien entwickelt hat, kann einen Blick in den Limburger Bistumsatlas werfen. Die interaktive Karte zeigt genaue Zahlen und Grafiken, nicht nur über Aus- und Eintritte, sondern auch über die Nutzung der kirchlichen Angebote wie Taufe oder Trauung. Der Bistumsatlas findet sich unter limburg.bistumsatlas.de/statistik.

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