Lkw-Fahrer fährt in fünf Pkw. Zeugen sagen vor Gericht aus. Ein terroristischer Akt wird von Polizei ausgeschlossen.
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Lkw-Attacke in Limburg: Zum Prozessauftakt sprechen die Zeugen.

Erste Zeugen sagen aus

Lkw-Attacke in Limburg: „Ich habe gehört, wie der Fahrer Vollgas gegeben hat“

  • Stefan Dickmann
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Im Prozess um die mutmaßliche Lkw-Attacke in Limburg sind die Zeugenaussagen nicht eindeutig. Ein terroristischer Hintergrund wird aber ausgeschlossen.

  • Nach der mutmaßlichen Lkw-Attacke in Limburg werden am ersten Prozesstag die Zeugen gehört.
  • Sie schildern das Verhalten des Angeklagten unmittelbar nach dem Vorfall.
  • Einen terroristischen Hintergrund hatte die Polizei ausgeschlossen.

Limburg – Der junge Mann, der in Deutschland vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Syrien Schutz suchte und der sich seit gestern vor dem Landgericht Limburg wegen des versuchten Mordes in mehreren Fällen verantworten muss, trägt ein kurzärmeliges Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Seine Rückennummer ist die 13, darüber steht der Nachname des früheren Kapitäns Michael Ballack. Elf Monate nach der mutmaßlichen Lkw-Attacke auf der Schiede werden am ersten Prozesstag die Zeugen gehört, die am Unfall direkt beteiligt waren. Laut Anklageschrift wurden 18 Menschen überwiegend leicht verletzt und zehn Fahrzeuge zum Teil erheblich beschädigt. Von den 14 gestern befragten Zeugen hat zwar die große Mehrheit keine bleibenden körperlichen und seelischen Schäden davongetragen, aber am Nachmittag gaben drei Zeugen an - eine Frau und zwei Männer -, bis zum heutigen Tag unter dem Unfall psychisch zu leiden.

Lkw-Attacke in Limburg: Staatsanwaltschaft geht von voller Absicht aus

Der heute 33-jährige Angeklagte hatte im Rückstau auf der Diezer Straße in Limburg einen Lkw-Fahrer aus dessen 17,5 Tonnen schweren Fahrzeug gezogen, sich ans Lenkrad gesetzt, war kurz darauf links auf die Schiede stadtauswärts abgebogen und auf mehrere Fahrzeuge aufgefahren. In Höhe des Landgerichts kam er zum Stehen.
Aus Sicht der Staatsanwaltschaft tat er dies in voller Absicht. Sie geht davon aus, dass er den Tod von mehreren Menschen billigend in Kauf genommen hat. Weil der Angeklagte kurz vor der Tat erhebliche Mengen an Marihuana konsumiert hatte, geht sie aber von verminderter Schuldfähigkeit aus.

Der Angeklagte ist nicht sehr groß. Schmale Statur, kurze schwarze Haare, dunkler Teint, sein Kopf ist meistens gesenkt. Er ist in Homs geboren, der Hochburg der syrischen Rebellen, fand in der hessischen Gemeinde Langen im Landkreis Offenbach eine Wohnung und weilte nach Informationen dieser Zeitung regelmäßig in Limburg, um Verwandte und Bekannte zu besuchen. Zwei seiner Cousins arbeiten nicht sehr weit von der Unfallstelle entfernt.

Zunächst war der Angeklagte in Frankfurt in Untersuchungshaft, anschließend wurde er in die JVA nach Limburg verlegt. In seiner Zelle ist er damit nur wenige Schritte von dem Unfallort entfernt, dessen Ereignisse am Montag, 7. Oktober 2019, mitten im frühabendlichen Berufsverkehr an bislang acht geplanten Verhandlungstagen vor Gericht rekonstruiert werden sollen. Ein Dolmetscher übersetzt dem Angeklagten während des Prozesses auf Arabisch. Sein Mandat werde sich im Verfahren äußern, sowohl zur Sache als auch zu seiner Person, kündigt sein Anwalt Bernward Kullmann (Mainz) nach der Verlesung der Anklageschrift von Staatsanwalt Johannes Jacobi von Wangelin (Frankfurt) an.

Zum Auftakt des Prozesses in Limburg melden sich die Zeugen zu Wort

Zum Auftakt des Prozesses im Gerichtszelt im Offheimer Gewerbegebiet spricht als erster Zeuge ein 72 Jahre alter Rentner aus Limburg. Er war mit seinem älteren Mercedes unterwegs und der erste Autofahrer, der vom Angeklagten mit dessen geraubtem Lkw gerammt worden. Als er in den Rückspiegel geschaut habe und den weißen Lkw auf einmal groß sah, „dachte ich, der steht mir im Kofferraum“. Zunächst habe der Lkw-Fahrer zwar abgebremst, doch dann sei er aufgefahren. Er sei rechts ausgeschert und zum Stehen gekommen. „Ich bin dann raus aus meinem Auto und habe gehört und gesehen, wie der Fahrer Vollgas gegeben hat.“ Kurz darauf sei der Lkw gegen mehrere Autos gefahren, die vor der roten Ampel am Landgericht standen.

„Ich war stinksauer“, sagt der Zeuge, der zu Beginn angegeben hatte, schwerhörig zu sein. Er sei zu Fuß bis zur Unfallstelle gelaufen, die vielleicht 100 Meter entfernt gewesen sei. „Ich wollte das Nummernschild fotografieren.“ Er habe gesehen, wie der Fahrer aus dem Lkw gesprungen sei. Dann sei er auf ihn zugelaufen, habe ihn am T-Shirt gepackt und ihn angebrüllt: „Was soll dieser Scheiß!“ Der Lkw-Fahrer habe auf ihn erschrocken gewirkt, habe aber nichts gesagt.
Etwas verwundert angesichts der Schwerhörigkeit des Zeugen will der Verteidiger wissen, wie er gehört haben wolle, dass sein Mandant Vollgas gibt. Nun, entgegnet der, er habe das Aufheulen des Motors „nicht laut, aber deutlich“ gehört. Der Verteidiger erwidert, ein Motor lasse sich auch im Leerlauf aufheulen.

Limburg: Angeklagter habe hilfsbereite Joggerin attackiert

Das Verhalten des Angeklagten direkt nach dem Unfall steht auch im Mittelpunkt der Befragung von fünf jungen Bundespolizisten in der Ausbildung im Alter von 17 bis 27 Jahren. Sie saßen gemeinsam in einem schwarzen BMW, hatten gerade Dienstschluss und wollten in ein Fitnessstudio, als es hinter ihnen krachte und sich der Lkw schließlich seitlich an ihnen vorbeischob. Der 27 Jahre alte BMW-Fahrer bemerkte direkt nach dem Unfall einen sehr aufgeregten Mann, der auf ihn zugeeilt sei. Auf halb Russisch und halb Deutsch habe er erklärt, dies sei sein Lkw, er sei aus der Fahrerkabine gezerrt worden. Mehrere Zeugen wollen zudem beobachtet haben, wie der Angeklagte eine junge Joggerin, die nur versucht habe, dem durch den Unfall verletzten und blutenden Angeklagten zu helfen, attackiert und an deren Schal gezogen habe.

Der Fahrer des BMW und einer seiner Mitfahrer sagten aus, der Angeklagte habe nach dem Unfall versucht, einen silbernen Mercedes anzuhalten und sei dabei mit dessen Fahrer in einen handgreiflichen Streit geraten. Außerdem haben er und seine Mitfahrer beobachtet, wie der Angeklagte auf eine Frau mit Kopftuch zugegangen und mit dieser gesprochen habe. Die Zeugen aus dem BMW hatten den Eindruck, der Angeklagte küsse der Frau die Füße und wolle beten. Einer der Zeugen aus dem BMW, der eine Koranschule besucht hatte, will gehört haben, wie der Angeklagte aus dem Koran einige Zeilen zitiert habe, die er selbst kenne.

Lkw-Attacke in Limburg: Zeugenaussagen vor Gericht stimmen nicht überein

Für Juristen wenig überraschend gibt es einige Unterschiede zwischen dem, was die Zeugen kurz nach dem Unfall bei der Polizei zu Protokoll gaben und nun - elf Monate später - vor Gericht aussagen. Der Fahrer des BMW sagte aus, er habe gehört, wie der Angeklagte nach dem Unfall mehrfach „Allahu akbar“ (Gott ist am größten) gesagt habe. Der Vorsitzende Richter Dr. Andreas Janisch weist den Zeugen darauf hin, bei der Polizei habe er gesagt, nur den Ausdruck „Allah“, also Gott, gehört zu haben. Dann werde das wohl stimmen, sagt der Zeuge. Ein Mitfahrer im BMW wird später vor Gericht umgekehrt aussagen: Vor der Polizei gab er an, „Allahu akbar“ gehört zu haben, in seiner Zeugenvernehmung gestern sprach er nur von „Allah“.
Einen terroristischen Hintergrund hatte die Polizei nach wochenlangen Ermittlungen einer Sonderkommission allerdings ausgeschlossen. Das Motiv für den seltsamen Verkehrsunfall bleibt weiterhin unklar.

Deutlich wurde in den Zeugenvernehmungen auch, dass sich zwar alle Befragten durch den Unfall leicht verletzt hatten, aber weder bleibende körperliche noch seelische Schäden davon getragen haben. Ärgerlich scheint für einige Betroffene bis heute die Schadensregulierung zu sein: Der junge BMW-Fahrer berichtet, er warte noch immer auf das Geld der Versicherung und befinde sich mittlerweile in einem Rechtsstreit, weil die für den Lkw zuständige Versicherung noch immer nicht bereit sei für den Totalschaden an seinem BMW und einem Netto-Schaden von rund 14 000 Euro zu zahlen. Der Prozess wird am Freitag, 25. September, fortgesetzt. (Von Stefan Dickmann)

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