Ein Foto mit verschiedener Symbolkraft: Ein kleines Schild am Zaun des Parkplatzes der Kreishandwerkerschaft erinnert an die dort ermordete Sana. Im Prozess geht es nun darum, wie lange der Täter hinter Gitter verbringen muss. Foto: Joachim Heidersdorf
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Ein Foto mit verschiedener Symbolkraft: Ein kleines Schild am Zaun des Parkplatzes der Kreishandwerkerschaft erinnert an die dort ermordete Sana. Im Prozess geht es nun darum, wie lange der Täter hinter Gitter verbringen muss. 

„Axtmörder-Prozess"

Limburger „Axtmörder“:  Verteidiger gibt Anwalt indirekt Mitschuld an der Tat

Verteidiger Wolfgang Stahl gibt einem Kollegen zumindest indirekt die Mitschuld an dem schrecklichen Verbrechen in der Limburger Weiersteinstraße.

  • „Axtmörder“-Prozess in Limburg
  • Verteidiger mit Seitenhieb auf die "schwerfällig arbeitende Justiz"
  • Verteidiger kritisiert die aus seiner Sicht fatale Untätigkeit und Unfähigkeit des Rechtsbeistands von Imad A

Limburg -  "Die tragische Fehlberatung eines Rechtsanwalts hat zu einem noch tragischeren Ergebnis geführt ", sagt der Koblenzer am Dienstag im Prozess gegen den sogenannten "Axtmörder" vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts.

Der 48-Jährige kritisiert damit in scharfer Form die aus seiner Sicht fatale Untätigkeit und Unfähigkeit des Rechtsbeistands von Imad A. Wenn dieser die Rechte des Vaters durchgesetzt gehabt hätte, so Stahl, wäre es möglicherweise nicht zu der Bluttat gekommen. "Es fällt mir schwer, mich zusammenzureißen. Aber was hier passiert ist, ist eine vollkommene Katastrophe." Der Anwalt habe dem aufgrund der Trennung von den Kindern immer mehr verzweifelten Vater fast drei Monate lang nur geraten, abzuwarten und ruhig zu bleiben, statt ihm den gewünschten und berechtigten Umgang mit Sohn und Tochter zu ermöglichen.

Limburger „Axtmörder“: „Schwerfällig arbeitende Justiz"

Stahl kann sich in diesem Zusammenhang auch einen Seitenhieb auf die "schwerfällig arbeitende Justiz" nicht verkneifen. Der Hintergrund: Das Sorgerechtsverfahren vor dem Familiengericht in Andernach war mehrfach verschoben worden; zuletzt auf den 29. Oktober 2019. Vier Tage vorher schoss der Angeklagte mit einem Mietwagen seine Frau Sana auf dem Gehweg absichtlich ab. Anschließend schlug er mit einer Axt und einem Küchenbeil 18 mal mit voller Wucht auf Kopf, Hals und Nacken des leblosen Körpers ein.

Der von seiner Verschwiegenheitspflicht entbundene Rechtsanwalt aus Andernach berichtet, dass Imad A. am 26. August ohne Absprache mit ihm einen Sorgerechtsantrag gestellt hat. Der letzte Termin für die Vorbereitung der Verhandlung hätte am 25. Oktober um 9 Uhr sein sollen und sei am Vortag auf 14 Uhr verschoben worden. Um 8.22 Uhr war Sana tot und Imad ein Mörder.

Der Jurist kennt den Deutschen mit tunesischen Wurzeln schon viele Jahre, beschreibt ihn als "ruhig, zuverlässig und sehr präzise". Nachdem ihn seine Frau Ende Juli mit den damals drei und zwei Jahre alten Kindern verlassen habe, sei Imad "sehr traurig und aufgelöst" gewesen. Sein Mandant habe diesen Schritt nicht verstanden, erläutert der 57-Jährige. Seine Frage nach häuslicher Gewalt habe er entschieden verneint.

Limburger „Axtmörder“: „Sehr verzweifelt und narzisstisch gekränkt"

Eine Psychotherapeutin und Allgemeinmedizinerin aus Montabaur berichtet von zwei Gesprächen mit dem Angeklagten wenige Tage vor der Bluttat. "Ich habe einen sehr verzweifelten Mann erlebt, der sehr gekränkt war, dass seine Frau ihn verlassen hat", sagt die 51-Jährige, die sich auf Vermittlung der Kassenärztlichen Vereinigung um Patienten in Krisensituationen kümmert. Der Angeklagte habe ihr Bilder von seiner Frau und seinen Kindern gezeigt und erklärt, warum er die Trennung nicht verstehe. "Ich habe sie nach Deutschland geholt und ihr hier alles geboten, Haus und Ausbildung. Sie hat mir alles zu verdanken", sagte ihr Imad. "Das war alles sehr emotional. Ich war zunächst auf seiner Seite", so die Ärztin.

Sie erläutert der Kammer ihre Diagnose, spricht von einer narzisstischen Kränkung, einem Anpassungssyndrom und einer depressiven Phase, die sich in Traurigkeit, Hilfs- und Hoffnungslosigkeit ausgedrückt habe. "Seine Gedanken drehten sich nur noch um dieses Thema." Imad habe seine Not mit Alkohol betäuben wollen.

Beim zweiten Termin am 22. Oktober, drei Tage vor der Tat und eine Woche vor dem geplanten Sorgerechtsverfahren, sei es fast nur noch um diesen Gerichtstermin gegangen. "Er wollte sich um seine Kinder kümmern", sagt die Medizinerin. "Er hatte ganz große Sehnsucht nach ihnen." Sie habe den Eindruck gehabt, dass Imad selbst nach Lösungsmöglichkeiten suchte und "nicht annähernd" Suizidgedanken registriert.

Limburger „Axtmörder“: Zeugin weint - sie sollte lügen

Eine Musikpädagogin und Erzieherin weint hemmungslos im Zeugenstand. "Ich mache mir große Vorwürfe", sagt sie. "Wir haben Sana Hilfe angeboten, aber sie hat uns nichts gesagt." Die 44-jährige hatte die Frau und die Kinder von August 2018 bis Juni 2019 in ihrem Kurs, in dem unter anderem gesungen, gespielt und getanzt wurde. Alles war gut - bis zum letzten Tag. "Die haben alles mitgemacht und waren ein schöner Teil der Gruppe", erläutert die Frau aus Andernach. "Sana war gut integriert und hat gut Deutsch gesprochen. Eine ruhige, zurückhaltende Person. Die Kinder waren liebevoll geführt, sehr offen und fröhlich."

Doch am letzten Tag des Kurses, am 24. Juni 2019, fehlten die Drei. Die Leiterin rief Sana zu Hause an, Imad erfuhr vom "Schwänzen". Abends meldete sich Sana und behauptete, sie sei doch da gewesen und habe hinten in der Ecke gesessen. "Als klar war, dass dies nicht stimmte, hat Sana mehrfach angerufen und mich angefleht, für sie zu lügen", sagt die Zeugin. Als Grund habe die Frau angegeben, ihr Mann sei wütend. "Sie hatte große Angst, das war spürbar". Die Musikpädagogin, die die Mutter und die Kinder regelmäßig gesehen hat, widerspricht anderen Zeuginnen in einem Punkt: "Es gab keine Anhaltspunkte dafür, dass der Junge mal traurig oder gar verletzt war".

Limburger „Axtmörder“: „Mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen"

"Der Mann soll der Frau mehrfach mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen und ihr ins Gesicht gespuckt haben", sagt die Polizeioberkommissarin, die nach der Aufnahme im Frauenhaus die Anzeigen von Sana wegen Körperverletzungen aufgenommen hat. Später kamen zwei weitere Strafanzeigen hinzu: wegen Verstößen gegen das Kontaktverbot und weil Imad auf dem Facebook-Account Beiträge im Namen von Sana gepostet hatte. "Die Frau hatte Angst und fühlte sich bedroht", sagt die 49-Jährige.

Der Ermittlungsführer berichtet von der Auswertung der Videoaufnahmen vor dem Verbrechen ("Es hatte den Anschein, als hätte er sie observiert. Im Kreisel ist der Wagen mit hoher Geschwindigkeit losgefahren") und der Konto-Unterlagen. "Einen Monat vor der Tat hat der Angeklagte eine Axt bestellt, drei Tage vorher eine Perücke und einen falschen Bart sowie Pfefferpatronen für eine Schreckschusswaffe gekauft, einen Tag vorher den Audi gemietet.", erläutert der Kriminalbeamte. Und er weist darauf hin, dass in dem Wagen eine Vielzahl von Messern und ein unbenutztes Beil sichergestellt wurden.

Im Landgericht Limburg fällt nach über einem Montag Verhandlungen das Urteil gegen den "Axtmörder".

Von Joachim Heidersdorf

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