Bierladen in Limburg

Wie ein Limburger Bier-Spezialist großen Brauereien den Kampf ansagt

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Hopfen und Malz gibt der Limburger Bier-Spezialist Andreas Schulz (54) noch lange nicht verloren. Im Gegenteil: Mit mehr als 600 Biersorten, die er in seinem Laden in der Diezer Straße verkauft, hat er vor zwei Jahren den Kampf gegen den „industriellen Einheitsgeschmack“, wie er ihn nennt, aufgenommen. Mit Erfolg: Seine Kunden nehmen zum Teil weite Wege in Kauf, um erlesene Gerstensäfte aus aller Herren Länder zu probieren.

Mehr als 100 Liter Bier trinkt laut Statistik jeder Deutsche pro Jahr. „Davon ist der größte Teil geschmacklich kaum noch voneinander zu unterscheiden“, klagt Andreas Schulz. Verantwortlich für diese trostlose Lage ist seiner Meinung nach die seit Jahren andauernde Konzentration auf dem internationalen Biermarkt. „Den beherrschen zu 90 Prozent die zehn größten Massenhersteller von Industriebier“, sagt er. Die Folge: Die großen „Fernsehbiermarken“ folgen dem Mittelmaß, Vielfalt für den Gaumen geht zunehmend verloren.

Dennoch gibt es sie noch, die kleinen und kleinsten Brauereien, die sich gegen den Trend zum Einheitsbier stemmen und nach alten Familienrezepten brauen – oder auch ganz neue Wege in der Bierherstellung gehen. Und auf sie setzt Schulz in seinem Laden „Hopfen & Malz“.

Der Name ist mit Bedacht gewählt, denn aus den Zutaten Hopfen und Malz – so Schulz’ Überzeugung – lässt sich weitaus mehr machen als Bitburger, Becks & Co. Unter der Bezeichnung „Craftbeer“, abgeleitet vom englischen „handicraft“ (= Handarbeit), rollt – ausgehend von Kalifornien – seit einigen Jahren eine Bewegung, die sich ganz dem individuellen Biergeschmack verschrieben hat. Da wird experimentiert, ausprobiert und herumgetüftelt – manchmal natürlich auch wieder aussortiert, wenn das Ergebnis nicht stimmt. „Dieses Craftbeer ist mittlerweile ein richtiger Trend geworden“, freut sich der Limburger „Bier-Papst“.

Ein Trend, der mittlerweile auch nach Deutschland geschwappt ist, vor allem nach Franken und Oberbayern, wo es von jeher eine Fülle von kleinen Familien- und Dorfbrauereien gibt. Allein im Kreis Bamberg existieren sage und schreibe 73 Betriebe, zum Teil mit einem Ausstoß von nur einigen Hundert Litern pro Jahr. Bier, das in keinem Supermarkt zu finden ist – dafür aber bei Andreas Schulz in Limburg an der Lahn, der nach eigenen Angaben mehr Biersorten verkauft als jeder andere Händler in Deutschland.

Wer den unscheinbar wirkenden Laden in der Diezer Straße gegenüber der Stadthalle betritt, ist überwältigt von der schieren Fülle des Angebots: Dicht an dicht reiht sich der Gerstensaft in den Regalen. Kleine und große, schlanke und zierliche, dickbauchige und zu Krügen geformte Flaschen sind dort zu finden. Fantasievoll gestaltete Etiketten vermitteln einen Eindruck vom Reichtum der internationalen Bierwelt, der bei „Hopfen & Malz“ lebendig ist.

Die üblichen Biermarken sucht der Kunde vergeblich, dafür gibt es klangvolle Namen wie „Aascher“ oder „Mönchsambacher“ oder „Schorschbock“. Schulz führt Schwarz- und Dunkelbier, Rotbier und helles Bier, filtriertes und hefetrübes, Rauchbier, verschiedene belgische Stile (Double, Triple, Quadriple), aber auch englisches Porter und Stout, um nur einige Beispiele zu nennen.

Den Traum vom eigenen Bierladen hat sich Andreas Schulz vor ziemlich genau zwei Jahren erfüllt. Mit Bier hatte er bis dahin eigentlich nichts zu tun – außer in seiner Freizeit. Schulz ist studierter Diplomkaufmann und hat jahrelang in führender Position bei einem international tätigen Marketingunternehmen für die Pharmabranche gearbeitet. 2012 hängte er den Job an den Nagel („ich saß nur noch im Flieger“) und machte sich selbstständig.

Zwei Jahre später folgte dann der eigene Bierladen, der allerdings mehr war als eine bloße Bierlaune. Denn Schulz hatte sich schon länger mit dem Thema Bier befasst. Zusammen mit Kollegen hatte er in Franken unzählige „Bierwanderungen“ von Brauerei zu Brauerei unternommen und viele ungewöhnliche Geschmacksrichtungen kennengelernt. „Warum“, so fragte er sich schon damals, „gibt es alle diese Biersorten eigentlich nicht bei uns zu kaufen?“ Mit 200 Bieren fing Schulz im September 2014 an, heute führt er mehr als 600, in der Vorweihnachtszeit sogar mehr als 800 Spezialitäten. Schwerpunkt sind fränkische Biere, Schulz hat aber auch Gerstensaft aus Berlin, Norddeutschland oder aus dem Grenzgebiet zu Polen und Tschechien. Ein weiterer Fokus liegt auf Belgien, dessen Bierlandschaft neben der deutschen zu der reichhaltigsten weltweit zählt. Biere aus vielen europäischen Ländern, aus Australien und Ozeanien, aus Süd- und Nordamerika, ja selbst aus Afrika und Asien ergänzen das Angebot. Und ist ein von Kunden gewünschtes Bier einmal nicht vorrätig, hat Schulz den Ehrgeiz, es zu beschaffen. „Meine letzte Herausforderung“, erzählt er, „war ein Honigbier aus Litauen.“ Nach intensiver Internetrecherche machte er tatsächlich einen Importeur ausfindig, der ein paar Flaschen des seltenen Gebräus beschaffte.

Woran ist ein gutes Bier zu erkennen? „Am möglichst kurzen Haltbarkeitsdatum“, sagt Andreas Schulz. „Denn das Pasteurisieren tötet alles Gesunde in einem Bier ab, wertvolle Enzyme, Mineralstoffe und Hefebakterien.“ Um dem Bier mehr Geschmack zu verleihen, verfügt der Braumeister über ein ganzes Arsenal an Möglichkeiten. Er kann den Sud „nachhopfen“, also nach dem eigentlichen Brau- und Reifeprozess Hopfen mit einer bestimmten Geschmacksnote wie Mandarine oder Kirsche hinzufügen.

Es gibt Bier, das in alten Whiskeyfässern gelagert wird, oder mit kleingeschreddertem Holz versetzt wird. Methoden, die nicht bei allen Braumeistern gut ankommen, sondern eher bei den „jungen wilden“ verbreitet sind, wie Schulz einräumt. „Es gibt Braumeister, die sich so wie die Köche als Künstler auffassen.“

Für einen Marketing-Gag der großen Brauereien hält Schulz übrigens den Kult, den manche Groß-Brauereien ums Wasser machen. Schulz: „Selbst das Limburger Wasser ist zum Bierbrauen gut geeignet; Felsquellwasser ist nicht schmeckbar.“

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