Die Domsinknaben haben eine ausführliche Erklärung abgegeben.

Chor in Limburg

Domsingknaben: Ex-Mitglieder wollen helfen – haben aber Forderungen

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In der Krise der Domsingknaben melden sich jetzt auch die Mitglieder von vier Kammerchören zu Wort, die aus dem Ensemble hervorgegangen sind. Sie erklären, warum sie helfen wollen – und unter welchen Bedingungen.

Update, 16. März 2019: Wie wichtig die Limburger Domsingknaben auch für die Chorszene in der Region sind, dokumentieren die aus ehemaligen Sängern gebildeten hochklassigen Kammerchöre. Den Mitgliedern von „Camerata Musica“, „Cantabile“, „Collegium Vocale“ und „Ensemble Rossignol“ geht der Konflikt deshalb besonders nahe. Sie haben sich gestern in einem offenen Brief an das Domkapitel gewandt. „Wir sind erschüttert über die Entwicklung sowie den Umgang mit der Bewältigung der Krise unseres Chores vor und in der Öffentlichkeit“, heißt es am Anfang.

Und weiter: „Zahlreiche Generationen haben die Ausbildung der Domsingknaben genießen dürfen und blicken auf eine prägende Zeit zurück. Neben Glaubensvermittlung und kultureller Bildung wurden christliche Werte wie Gemeinschaft, Loyalität, Zusammengehörigkeit und füreinander Einstehen vermittelt und gelebt. Die Strahlkraft der Institution reicht auf vielen Ebenen auch weit über die Grenzen Limburgs hinaus: Viele Ehemalige sind in der Funktion als Chorleiter, Kirchenmusiker, Domkapellmeister, Musiklehrer und Dozenten an Hochschulen und Universitäten tätig, viele konnten sich als Solisten sowohl national als auch international einen Namen machen und das Phänomen der renommierten Limburger Männerkammerchöre ist bundesweit einzigartig.“

Brief der Ex-Mitglieder: Institution Domsingerknaben "akut existenzgefährdet"

Da die Institution Domsingknaben nun „akut existenzgefährdet“ sei, wollten die ehemaligen Sänger ihre Hilfe anbieten. Der Brief ist nach Angaben von Peter Pfeiffer von „Cantabile“ in allen vier Kammerchören abgestimmt worden.

Darin heißt es weiter: „Konkret möchten wir durch sängerische Unterstützung helfen, den Betrieb des Chores aufrecht zu erhalten. Wir hoffen, dass dieses Angebot die nötige Zeit verschafft, eine nachhaltige Lösung für den Fortbestand der Domsingknaben zu entwickeln. Dies möchten und müssen wir von unserer Seite an diverse Forderungen koppeln: Um das Ansehen des Chores zu schützen, sollen sich die Domsingknaben ausschließlich ihrer Kernaufgabe, der Gestaltung der Liturgie im Dom, widmen. Es erscheint uns derzeit wenig sinnvoll, in der aktuellen Besetzung exponierte Konzerte zu bestreiten.

Domsingerknaben: Ruhe in den Betrieb des Chores bringen 

In der jetzigen Situation ist es absolut wichtig, Ruhe in den Betrieb des Chores zu bringen, um einen Neuaufbau gestalten zu können. Gemeinschaftsfördernde und identitätsstiftende Maßnahmen sind für die Chorgemeinschaft in dieser Situation unabdingbar und müssen verstärkt durchgeführt werden. Aus diesem Grund bitten wir die Leitung, alle Sänger und das beteiligte Umfeld des Chores, öffentliche Äußerungen zur Causa zu unterlassen.

Vor allem fordern wir die Planung und Umsetzung dieser Maßnahmen durch externe Kompetenzen, da leider alle involvierten Verantwortlichen nicht in der Lage scheinen, diese Krise zu lösen. Aus der Überzeugung heraus, dass allen Beteiligten die Rettung der Domsingknaben eine Herzenssache ist, hoffen wir auf zeitnahe Entscheidungen und daraus resultierende Konsequenzen.“

Domsingknaben: Darum lehnen sie Leiter Bollendorf ab

Meldung, 12. März 2019: Limburg - Eine Woche lang war es ruhig im Musischen Internat. Direktor Andreas Bollendorf hatte allen freigegeben. Gestern Nachmittag ging es wieder los – mit der Unterstützung früherer Sänger. Sechs Männer im Alter von 40 bis Mitte 50 wollen den Domsingknaben vorübergehend helfen, stimmfähig zu bleiben. Nach Angaben von Bistumssprecher Stefan Schnelle werden nach Ostern wahrscheinlich zwei weitere hinzukommen.

Gleichzeitig gab ein weiterer Jugendlicher seinen Austritt bekannt. Damit verschärft sich die Krise bei den Männerstimmen (das sind Jungen nach dem Stimmbruch). Im vergangenen Sommer und nach der Weihnachtssaison sind neun regulär verabschiedet worden, nach dem Eklat Mitte Januar nunmehr elf aus Protest gegen Chorleiter Andreas Bollendorf gegangen. Damit sind lediglich sieben Männerstimmen übrig.

Zum Thema: Weitere Domsingknaben verlassen aus Protest gegen den Chorleiter den Chor

Mehrere der ausgeschiedenen Mitglieder wehren sich unterdessen gegen den von verschiedenen Seiten erhobenen Vorwurf, sie seien für die Krise verantwortlich. Gemeinsam mit anderen ehemaligen und noch aktiven Sängern haben sie eine „Richtigstellung“ verfasst, in der sie ausführlich erklären, warum sie Andreas Bollendorf ablehnen. Das Schreiben ist von 31 Personen zwischen zwölf und 21 Jahren unterzeichnet worden; darunter aktive Knaben und Abgänger von 2015. Die Liste war ursprünglich noch länger.

Das Bistum wollte sich auf Anfrage dieser Zeitung dazu nicht näher äußern. „Das ist ein Blick zurück, wir blicken nach vorn“, sagte Stefan Schnelle. Die Kritikpunkte seien bekannt und würden vom Domkapitel wahrgenommen. „Es gibt auch 70 andere, die gerne singen und sich bei Herrn Bollendorf wohlfühlen“, so der Sprecher.

Bei den Domsingknaben spielt auch die Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Mit diesem Foto grüßten die Teilnehmer der Skifreizeit Anfang Januar aus Wagrain.

Die Unterzeichner der „Richtigstellung“ machen klar, dass die Austritte der vergangenen Wochen aus ihrer Sicht „der letzte Schritt eines seit 2017 andauernden offenen Konflikts innerhalb des Chores und seiner Leitung“ war, „die allerletzte Konsequenz gescheiterter Lösungssuche.“

„Die teils unter Tränen ausgetretenen Jungen, für die der Chor größtenteils mehr als die Hälfte ihres bisherigen Lebens Heimat war, sind zu bewundern, dass sie so lange durchgehalten haben. Wenn sie jetzt dargestellt werden als diejenigen, die dem Chor am meisten schaden, wird das ihrem Engagement der letzten Jahre in keinster Weise gerecht und entwürdigt sie aufs Tiefste“, schreiben sie.

Respekt verloren

Wer dem Chor hingegen nachweislich diesen Schaden zugefügt habe, sei Domkantor Andreas Bollendorf. Seinetwegen seien bereits 2015, seinem ersten Halbjahr im Amt, die ersten Jungen ausgetreten. Wenn ein Chorleiter neu in ein eingespieltes und funktionierendes System trete, das zuvor auf Disziplin, Ordnung und Respekt beruht habe, sei es nachvollziehbar, dass entgegengesetzte Handlungsweisen zu Konflikten führten. Kritikpunkte der ersten Stunde seien seine „suggestive Pädagogik, die Auswahl der Literatur, seine (Un-)Fähigkeiten im Bereich der Organisation und die Qualität des Chores gewesen. Die Jugendlichen führen mehrere Beispiele auf, durch die Bollendorf Autorität, Respekt und Vertrauen verloren habe. „Tugenden und Werte wie Pünktlichkeit, Klarheit, Aufrichtigkeit, Respekt, die bei Herrn Knubben an oberster Stelle standen, konnten so nicht an den Chor vermittelt werden.“

Die Unterzeichner beklagen neben der Auswahl der gesungenen Literatur auch die Zahl der neu einstudierten Werke und folgern daraus: „Die musikalische Vielfalt ist unter der Leitung von Herrn Bollendorf verkümmert.“ Außerdem bewerten sie den ebenfalls mit Zahlen belegten Rückgang der Auftritte negativ.

Ihr Fazit: „Die Qualität eines Chores lässt sich nur schwer objektiv beurteilen. Dennoch kann man beispielsweise auf die neue CD der Domsingknaben hinweisen: Homogenität, klangliche Vielfalt und intonatorische Sauberkeit sind wohl drei grobe Kategorien, die seit Längerem vom Chor nicht sehr gut ausgefüllt werden.“

Lesen sie auch: Ältere Sänger helfen Domsingknaben - Ausgetretene enttäuscht vom Domkapitel oder Wie geht es weiter bei den Limburger Domsingknaben?Weiter heißt es: „Die schlechte Organisation wurde ersichtlich aus dem Mail-Verkehr, der die Eltern und Jungen erreichte und durch teilweise täglich veränderte Abfahrtszeiten Orientierungslosigkeit stiftete. Hinzu kamen die Ansagen während der Chorprobe, die manchmal zu Beginn andere waren als zum Ende. Es kam vor, dass niemand, nicht einmal das Chorbüro, sich sicher war, wann man losfahre, und dass sich Abweichungen von bis zu zwei Stunden ergaben.“

Scharfe Kritik üben die Unterzeichner am Domkapitel, das die missliche Lage aussitzen wolle anstatt sie zum Wohle der Jungen zu verändern.

Die „Richtigstellung“ unterzeichnet haben: Daniel Baumgärtner, Leo Bäumlisberger, Benedikt Blech, Anton Drossel, Jonathan Drossel, Johann Escher, Niclas Gehringer, Nils Gensior, Leonard Götz, Lars Greff, Matthias Hannappel, Emanuel Hecker, Sebastian Hecker, Luis Heep, David Höhler, Martin Höhler, Richard Kalbskopf, Sebastian Lampert, Jonas Mester, Lukas Müller, Laurenz Nettesheim, Brian Pott, Marc Rothhardt, Christoph Rudolph, Robert Schäfer, Ben Scherer, Paul Scherer, Jakob Sommer, Leon Streubel, Fabian Töppel und Luca Voll.

Zum Thema: Das ist die von 31 früheren und aktiven Mitgliedern der Domsingknaben unterzeichnete Richtigstellung im Wortlaut

Kommentar: Es gibt nur Verlierer

Nun sollen also gestandene Männer den Knabenchor retten. Diese Bereitschaft der Sänger ist aller Ehren wert. Vielleicht gelingt es so, die Zeit bis zum notwendigen Neubeginn zu überbrücken. Denn so kann es nicht weitergehen. Mit dem Appell, Ruhe zu bewahren, ist es nicht getan. Von selbst löst das Problem sich nicht. Wer glaubt, es werde nun alles besser, weil die vermeintlichen Querulanten weg sind, macht es sich zu leicht – und tut den Jungen unrecht. Es sind zu viele gegangen. Zu viele, um den Chor ohne Hilfe Erwachsener stimmfähig zu halten. Zu viele, um die für die Gemeinschaft wichtige Balance aus „Kleinen“ und „Großen“ zu bewahren. Zu viele, um ihr Ausscheiden gleichgültig hinzunehmen. Zahlreiche Betroffene wehren sich jetzt mit einer Erklärung gegen den Versuch, sie für das Dilemma verantwortlich zu machen. Oberschlaue verkennen nämlich, dass diese Heranwachsenden nicht aus pubertärem Trotz heraus die Brocken hingeschmissen, sondern drei Jahre für die Zukunft „ihres“ Chors gekämpft haben. Die aktuelle Eskalation ist für sie das bittere Ende eines langen und zermürbenden Prozesses. Es geht dabei nicht allein um Chorleiter Andreas Bollendorf, der von seinen Unterstützern als Opfer dargestellt wird. Die (ehemaligen) Sänger, die überwiegend seit ihrem vierten Lebensjahr und länger als ein Jahrzehnt dabei waren, die ihre Kindheit und Jugend in den erfüllenden, aber auch harten Dienst der Domsingknaben gestellt haben, sind genauso Opfer. Und ihre Eltern in gewisser Form auch. Die verbliebenen Knaben leiden ebenfalls. In diesem Konflikt gibt es nur Verlierer. Das ist ein Drama, denn die Domsingknaben sind ein ganz besonderer Chor; seit 52 Jahren als solcher wahrgenommen und gefeiert – als Botschafter des Bistums und der Stadt Limburg. Da darf man nicht die Ohren verschließen, wenn die lauten Misstöne nicht mehr zu überhören sind. Wir sind zuletzt auch dafür kritisiert worden, dass wir über das Thema berichten. Wir wussten von Anfang an Bescheid, haben allerdings aus Rücksicht auf den Chor nicht über die internen Querelen geschrieben. Erst nachdem das Domkapitel in einem Brief an einen größeren Empfängerkreis auf die „äußerst schmerzliche Krise“ einging und die Situation sich durch die Austritte verschärfte, sind wir eingestiegen. Manche fragen mich, was ich gegen Andreas Bollendorf habe: Nicht das Geringste. Persönlich ist mir der 48-Jährige sehr sympathisch. Darum geht es jedoch nicht. Es spielt auch eine untergeordnete Rolle, dass viele Knaben und deren Eltern hochzufrieden mit ihm sind, was wir nie verschwiegen haben. Fakt ist: Der Musiker hat es in dreieinhalb Jahren nicht geschafft, die älteren Sänger einzubinden und weiter für den Chor zu begeistern. Aus welchen Gründen auch immer. Das hat zu dieser dramatischen Entwicklung geführt. Darauf kann man als Arbeitgeber reagieren – oder eben nicht. Für beide Optionen gibt es gute Gründe. Nur handeln und dann eine klare Entscheidung treffen sollte man mal. Das Domkapitel hat definitiv zu lange zugesehen, die Verantwortung auf einen Mediator abgeschoben und schließlich ein dreiköpfiges Leitungsteam berufen, von dem es weiß, dass es nicht funktioniert. Um darauf zu hoffen, mit einer solch verwegenen Idee die Krise zu lösen, braucht man schon viel Gottvertrauen.

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