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Bei den Domsingknaben spielt auch die Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Mit diesem Foto grüßten die Teilnehmer der Skifreizeit Anfang Januar aus Wagrain.

Krise spitzt sich zu

Weitere Domsingknaben verlassen aus Protest gegen den Chorleiter den Chor

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Domkapitel, Leitungsteam und viele Eltern wollen, dass bei den Domsingknaben endlich wieder Ruhe einkehrt. Doch die Krise spitzt sich weiter zu, am Donnerstagabend sind wieder drei Jungen aus Protest gegen Chorleiter Andreas Bollendorf ausgetreten. Unter Tränen.

Limburg - Aufgewühlte (Ex-)Sänger und zahlreiche Eltern sprechen von einer „Katastrophe für den Chor“, Leiter Andreas Bollendorf hält die Situation für „unbedenklich und keineswegs dramatisch“. Die Wahrheit liegt in diesem Fall wahrscheinlich nicht in der Mitte. Die einen übertreiben möglicherweise etwas, der andere untertreibt ganz sicher. Unabhängig von der Frage, wer für das Dilemma verantwortlich ist. „Bollendorf“ sagen langjährige Domsingknaben und ihre Mütter und Väter. „Ein kleiner Teil von Eltern, die mich wegmobben wollen und ihre Kinder dafür instrumentalisieren“, sagt der Direktor.

Zum Thema:   Wie geht es weiter bei den Limburger Domsingknaben?

Die Fakten: Die seit fast drei Jahren zunächst intern schwelende Krise bei den Domsingknaben, die vor drei Wochen öffentlich eskalierte, hat sich in den vergangenen Tagen verschärft. In der Probe am Donnerstagabend haben wieder drei Jungen aus Protest gegen Bollendorf unter Tränen den Chor verlassen. Sie bedankten sich am Ende beim stellvertretenden Chorleiter Wilhelm Gries, dem pädagogischen Leiter Christoph Meurer und ihren Freunden für „die früher schöne Zeit“.

Bass-Stimme im Chor der Limburger Domsingknaben fast verstummt

Das ruhmreiche Ensemble hat im 52. Jahr seines Bestehens kaum noch Männerstimmen, der Bass ist fast verstummt. (Aus den Knaben- werden nach dem Stimmbruch Männerstimmen, die Red.). Wenn nicht schnell die Wende gelingt, sind die Domsingknaben bald nur noch ein Kinderchor.

Beteiligte sind gespannt, wie sich der Chor am Sonntag im Gottesdienst im Dom präsentieren wird. „Wir sind kaum noch stimmfähig“, sagt einer der verbliebenen älteren Jugendlichen.

Der Konzertchor hat aktuell knapp 40 Mitglieder – so wenige wie noch nie. Davon lediglich zehn Männerstimmen, darunter mehrere neue, die erst noch in diese Aufgabe hineinwachsen müssen. Die meisten Stützen des Chors sind weg.

Seit Januar haben neun Mitglieder aufgehört, weil sie nicht mehr unter Bollendorf singen wollen. Seit seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren sind es nach ihren Angaben insgesamt 27. Der Leiter dementiert diese Zahl. Mehrere Jungen seien nicht wegen ihm, sondern aus privaten und schulischen Gründen gegangen; einen habe er rauswerfen müssen.

Qualität der Limburger Domsingknaben deutlich gesunken

Mehrere Jugendliche, die alle von klein auf und mindestens zehn Jahre dabei waren, haben in dieser Woche in einem Gespräch in unserer Redaktion ihre Motive erläutert und schwere Vorwürfe gegen Bollendorf erhoben. Tenor: „Es tut uns in der Seele weh. Wir waren so stolz, Domsingknaben zu sein, und jetzt schämen wir uns.“ Die Proben hätten ihnen keine Freude mehr bereitet, klagen sie unisono, die Disziplin sei immer schlechter und der musikalische Anspruch immer geringer geworden. „Die Qualität ist deutlich gesunken“, klagen die enttäuschten Jugendlichen.

Auch in diesem Punkt widerspricht der Leiter energisch. Er wolle zwar nicht seine eigene künstlerische Leistung bewerten, könne jedoch auf viele Experten verweisen, die dem Chor ein unverändert hohes Niveau bescheinigten. Manche meinten, der Chor habe heute einen besseren Klang als früher.

Laut Andreas Bollendorf sind die Domsingknaben in keiner kritischen Situation. „Wir können die Probleme abwenden“, sagte er gestern auf Anfrage dieser Zeitung. „Wir mussten noch keinen Auftritt absagen und wir haben weiter viele Konzertanfragen.“

Infobox: Die neue Elternvertretung bedauert und ist irritiert

„Die Elternvertretung der Domsingknaben schaut mit großem Bedauern, aber auch Irritation auf die erneuten Austritte von Männerstimmen.“ Dies teilte gestern Nachmittag die neue Vorsitzende der Elternschaft, Sabine Müller-Wendt, auf Anfrage dieser Zeitung mit. Die erst vor zwei Wochen stattgefundene Elternversammlung mit gleichzeitiger Wahl der neuen Elternvertretung habe ein ganz anderes Bild geboten. Anwesende Eltern der nun ausgeschiedenen Jugendlichen hätten dieses Gremium nicht genutzt, um über Unzufriedenheit und Austrittsabsichten ins Gespräch zu kommen. Auch das Redeangebot der Elternvertretung sei zu keinem Zeitpunkt in Anspruch genommen worden.

„Alle Domsingknaben verfügen über eine hohe Identifikation mit ihrem Chor. Dennoch ist und bleibt die Teilnahme eine freiwillige“, sagt Sabine Müller-Wendt. „Es ist nachvollziehbar, dass im Laufe von Veränderungen Unzufriedenheit bei einigen aufkommen kann, die in letzter Konsequenz auch zum Verlassen des Chores führen kann. Dies ist in jedem Einzelfall sehr bedauerlich. Dass diese Austritte aber mit maximaler Öffentlichkeitswirkung vollzogen werden müssen, ist für die Elternvertretung nicht nachvollziehbar.

Leider bleiben bei all diesen Meldungen die vielen Jungen ungehört, die sich nach wie vor im Chor und im Tagesinternat wohlfühlen. Und die gleichzeitig nun auch ehrlich trauern um die, die gegangen sind. Waren sie doch teilweise auch ihre Vorbilder, zu denen sie mit Bewunderung aufgeschaut haben,“ so Müller-Wendt. „Im Sinne der Jungen, der Musik und der Gemeinschaft werden wir uns weiter engagieren, damit der Chor diese Krise bewältigen wird.“

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