Prozess um absichtlichen Lkw-Unfall in Limburg
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Am vierten Verhandlungstag sollen im Prozess gegen den mutmaßlichen Täter eines LKW-Angriffs Bekannte des Angeklagten aussagen.

Prozess vor dem Landgericht

Lkw-Attacke in Limburg: "Das war eine reine Verzweiflungstat"

  • Stefan Dickmann
    vonStefan Dickmann
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Der Gerichtsprozess nach der LKW-Attacke in Limburg geht in den vierten Verhandlungstag. Zeugenaussagen aus dem familiären Umfeld des Angeklagten sollen Klarheit über das Motiv schaffen.

Limburg – Der wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Limburg angeklagte syrische Flüchtling Omar A. ist ein verzweifelter Mann, traumatisiert vom Bürgerkrieg in seiner syrischen Heimat. Der 33-Jährige ist ein armer Mann, ohne Geld vom Jobcenter, weil er aufgehört hatte, als Hilfsarbeiter auf dem Bau zu arbeiten.

Nach LKW-Vorfall in Limburg: Wer ist der Mann, der jetzt vor Gericht steht?

Er ist ein süchtiger Mann, der fast jeden Tag Marihuana rauchte und Alkohol trank, um zu vergessen, ohne dass ihm das jemals gelang. Er ist ein gewalttätiger Mann, vorbestraft wegen Körperverletzung. Er kann sehr wütend werden, wenn er seiner Sucht nach Rauschmitteln nachgeht. Aber später kann er sich angeblich an nichts mehr erinnern.

Er ist ein Mann voller Sehnsucht nach einem normalen Leben, wie mehrere Zeugen aussagten - mit Ehefrau, Kindern, eigener Wohnung. Aber er hat keine Perspektive, sich diesen Traum zu erfüllen. Die Beziehung zu einer Frau mit Migrationshintergrund, die schon längere Zeit in Deutschland lebt, sich um ihn bei Behördengängen gekümmert hat und sich sogar in ihn verliebte - wenn auch nur für kurze Zeit -, ist gescheitert. Er sagte vor Gericht, er habe Schluss gemacht. Sie sagte aus, sie habe Schluss gemacht.

Zeugenaussagen sollen vor Limburger Landgericht Klarheit bringen

Omar A. ist ein Flüchtling, der es zwar 2015 über die Balkanroute bis nach Deutschland schaffte, aber der hier nie wirklich angekommen ist. Der Schulabbrecher spricht nur gebrochen Deutsch. Ein Mann, der in einer Blase lebt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.

Es ist Tag vier im Strafprozess vor dem Landgericht unter Vorsitz von Dr. Andreas Janisch. Die letzten Zeugen werden befragt. Sie sollen Auskunft geben über den schmächtigen Mann auf der Anklagebank, der lustig, aber auch traurig sein konnte, der an jedem Prozesstag ein Deutschland-Trikot trägt und sich nach der mutmaßlichen Lkw-Attacke vor einen Jahr wegen versuchten Mordes verantworten muss.

Limburg: Halbbruder des Angeklagten - "Wenn er getrunken hatte, wurde er wütend"

Der 48 Jahre alte Halbbruder des Angeklagten, der in Moers in Nordrhein-Westfalen lebt, will den Angeklagten nur selten gesehen haben, hat aber immer wieder mit ihm telefoniert. Dass Omar A. ein Problem mit Alkohol und Drogen habe, sei ihm bekannt gewesen; auch, welche verheerende Wirkung das auf ihn hatte. "Wenn er getrunken hatte, wurde er aggressiv, ist ausgerastet und wütend geworden", sagte der Halbbruder laut Dolmetscher.

Nach vier Verhandlungstagen erscheint es unwahrscheinlich, dass das Motiv für die verstörende Tat jemals ergründet wird. Dass er - im Drogenrausch mit sehr hohen THC-Werten im Blut - zumindest vermindert schuldfähig ist, ist unstrittig. Möglicherweise ist er sogar schuldunfähig. Ein süchtiger und traumatisierter Mann, vielleicht mit einer Drogen-Psychose.

"Es war eine Verzweiflungstat", sagte gestern als Zeugin eine 48-jährige Frau, die einmal die Freundin des Angeklagten war - und der ihr immer noch sehr am Herzen zu liegen scheint. Sie ist Krankenschwester und hilft regelmäßig Flüchtlingen. Sie half auch dem Angeklagten, fand ihn sympathisch und verliebte sich in ihn.

Zeugenaussagen vor Limburger Landgericht: Angeklagter hat „viele Probleme und Ängste“

Sehr lange scheint die Liebensbeziehung aber nicht gedauert zu haben, auch in der Intensität der Beziehung gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen. Nach seiner Aussage am zweiten Verhandlungstag war es auch eine sexuelle Beziehung, nach ihrer Aussage bei der Polizei eine romantische nur mit Küssen. Die Beziehung endete - und fünf Monate vor der Tat sah sie ihn nach eigenen Angaben das letzte Mal, blieb aber telefonisch mit ihm in Kontakt.

"Er hat viele Probleme und Ängste gehabt", sagte sie aus. Seine traumatischen Erlebnisse im Bürgerkrieg mit Verhaftungen und körperlichen Misshandlungen hätten ihn die ganze Zeit beschäftigt. "Er konnte nicht schlafen, er hat viel geweint."

Weil er Probleme mit seiner Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland hatte, habe er Angst gehabt, wieder nach Syrien zurückkehren zu müssen. "Er fühlte sich verfolgt", sagte sie. Wenn sie mit ihm unterwegs gewesen sei, habe er sich oft umgedreht und von den Soldaten und der Polizei in seiner Heimat erzählt, auch vom Geheimdienst.

Auch in ihrer Gegenwart habe er Drogen genommen. "Das ist keine Lösung, habe ich ihm immer wieder gesagt. Aber er war verzweifelt." Nachdem er wieder einmal Marihuana geraucht hatte, sei er ihr gegenüber aggressiv geworden. Doch am nächsten Tag habe er sich daran gar nicht mehr erinnern können.

Mutmaßliche LKW-Attacke im Drogenrausch: Angeklagter soll vor Tat Drogen genommen haben

Mit einem seiner Cousins, der in Limburg als Friseur arbeitet, rauchte er kurz vor der Tat einen Joint, dessen Wirkung sehr stark gewesen sein soll. Der Bruder des Cousins arbeitet nur einen Steinwurf entfernt in einem kleinen Restaurant. Auch er war am Tattag mit dem Angeklagten zusammen, allerdings war dieser nach seiner Aussage zwei Mal für bis zu zwei Stunden verschwunden. Der Angeklagte war einige Tage zuvor bei ihm aufgetaucht und habe bei ihm und seiner Familie in Hünfelden übernachtet.

Der Bruder dieses Zeugen, der Friseur, will den Angeklagten am Tag der Tat "zufällig" getroffen und mit ihm den Joint geraucht haben. Dann sei Omar A. wieder verschwunden. Er tauchte noch mal kurz im Restaurant auf, verschwand aber auch dort nach fünf Minuten wieder. Kurz danach kam es zu der mutmaßlichen Lkw-Attacke.

Am nächsten Verhandlungstag, am Freitag, 23. Oktober, kommt der psychiatrische Gutachter Dr. Dieter Joeckel zu Wort, dessen Einschätzung mit großer Spannung erwartet wird. (Von Stefan Dickmann)

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