Meditatives Gesamtkunstwerk

„Crucifixus“, der Gekreuzigte, war der Titel des Passionskonzerts am Samstagabend im Limburger Dom. Eindrucksvoll wurde die Leidensgestalt Jesus Christus in jeder Hinsicht in den Mittelpunkt gestellt.

Von Anneke Jung

„Crucifixus“, der Gekreuzigte, war der Titel des Passionskonzerts am Samstagabend im Limburger Dom. Eindrucksvoll wurde die Leidensgestalt Jesus Christus in jeder Hinsicht in den Mittelpunkt gestellt. Das ungewöhnliche Konzept der Veranstaltung verband musikalische, literarische und optische Eindrücke zu einem Gesamtkunstwerk von großer spiritueller Kraft.

Unter der Leitung von Domchordirektorin Judith Kunz sang der Limburger Domchor Choräle und Motetten aus rund sechs Jahrhunderten. Die Rezitatorin Nicole Frenken las überwiegend moderne Texte zum Thema, und die Perkussionisten Nadezhda Rousseva-Feil und Philipp Strüber unterstrichen den meditativen Charakter des Konzerts mit instrumentalen Werken. Verstärkt wurde die Wirkung durch die einfühlsame Lichtregie von Tobias Steiger, die die architektonischen Strukturen des Doms in ganz ungewohnter Optik erscheinen ließ.

In andere Welt versetzt

Im fast dunklen Raum erklangen zunächst Kompositionen und Texte zur Kreuzbetrachtung wie die gregorianischen Choräle „Vexilla regis“ oder „O crux ave“. Vor allem das von der unsichtbaren Schola intonierte „Vexilla regis“, bei dem nur die steinernen Bögen des Chorraumes beleuchtet waren, hatte etwas ursprünglich-archaisches, das die Hörer sofort gefangen nahm und auf die christlichen Anfänge zurückwarf. Man fühlte sich wie in eine andere Welt versetzt. Dieser Eindruck blieb auch im weiteren Verlauf erhalten, da durch die Lichtführung und die Platzierung des Chores nicht die ausführenden Personen, sondern Musik und Texte im Vordergrund standen und durch nichts von deren Inhalt abgelenkt wurde.

Von der trauernden Betrachtung des Kreuzes und des sterbenden Christus schritt die Veranstaltung voran über Werke wie die wunderbare Motette „Tristis est anima mea“ von Johann Kuhnau zum dramaturgischen Höhepunkt mit „Christus factus est“ von Anton Bruckner. Die Texte „Kreuzigung“ von Hildegard Aepli oder „Es ist vollbracht“ von Fritz Gafner verstärkten die Wirkung der Musik. Das grüne Licht deutete dabei schon die Hoffnung auf Erneuerung an.

Großartige Idee

Wie der Wendepunkt im klassischen Drama erschien dann der Text von Pablo Neruda „Dir, Geliebte, dieser Tag“. Von diesem Moment an richtete sich das Augenmerk auf die Erlösung der Menschen, die durch Jesu Tod am Kreuz möglich werden soll. Die folgenden musikalischen und literarischen Werke zeigten einen neuen Weg des friedlichen Miteinanders nach den Geboten Gottes und mündeten in der alten Motette „Ehre sei Dir, Christe“ von Heinrich Schütz schließlich in ein zuversichtliches Gotteslob.

Eine großartige Idee, die Hauptaspekte der Passionszeit künstlerisch umzusetzen, ist den Ausführenden mit diesem Konzept gelungen. Der Chor zeigte sich mit ausgewogenem Klang und ausdrucksstarken Interpretationen von seiner besten Seite. Auch die Ortswechsel vom Chorraum zu den verschiedenen Emporen beunruhigten keineswegs, sondern vertieften durch unterschiedliche Klangintensität den Ausdruck der Darbietungen.

Mit wandlungsfähiger Stimme und Stimmung rezitierte Nicole Frenken die kurzen Texte und verstärkte damit die musikalischen Eindrücke. Die wechselnde Beleuchtung rückte die Inhalte im wahrsten Sinne ins rechte Licht und die instrumentalen Einsprengsel ließen Zeit zum Innehalten und Nachsinnen.

Am Schluss wäre man gern in Stille mit diesen Eindrücken aus dem Dom gegangen, auch wenn der begeisterte und anhaltende Applaus mehr als gerechtfertigt war.

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