Auch im Lebensmittel-Einzelhandel wird ausgebildet. Bei der Zahl der Stellen liegt der Einzelhandel im Kreis auf Platz zwei.
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Auch im Lebensmittel-Einzelhandel wird ausgebildet. Bei der Zahl der Stellen liegt der Einzelhandel im Kreis auf Platz zwei.

Pandemie

Ausbildung trotz Corona in Limburg: Warum Interessierte jetzt nicht die Flinte ins Korn werfen sollten

  • VonTobias Ketter
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Die Corona-Pandemie beeinflusst die Situation auf dem Ausbildungsmarkt im Landkreis Limburg-Weilburg zum Schlechten. Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung.

Limburg – Eine Lehre im Einzelhandel oder doch lieber eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten? Viele junge Leute machen sich derzeit Gedanken darüber, welchen Beruf sie nach ihrem Schulabschluss ergreifen wollen. Die Möglichkeiten sind vielfältig, denn in zahlreichen Branchen werden Fachkräfte gesucht. Doch die Einschränkungen aufgrund der Corona-Krise beeinflussen die Bewerbungsverfahren stark. Die Arbeitsagentur Limburg-Wetzlar, die Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg und die Kreishandwerkerschaft Limburg-Weilburg sorgen sich besonders wegen der zurückgehenden Bewerberzahlen.

"Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt wird deutlich von der Pandemie beeinflusst", sagt Ralf Fischer, Sprecher der Agentur für Arbeit Limburg-Wetzlar. Dies gelte besonders für die notwendigen Prozesse, die zu Ausbildungsverträgen führen. "So erschweren die vielfältigen Kontaktbeschränkungen Gruppeninformationen, berufsorientierende Maßnahmen, Vorstellungsgespräche und Betriebspraktika." Es sei zu befürchten, dass zum Beginn des Ausbildungsjahres mehr unversorgte Bewerber und unbesetzte Ausbildungsstellen übrig bleiben als in den Jahren zuvor.

Auch die finanziellen Schwierigkeiten in einigen Branchen wegen des fortwährenden Lockdowns beeinflussen den Ausbildungsmarkt. Ein Azubi koste den Betrieb im Jahr durchschnittlich rund 18 000 Euro. Dieses Geld müsse erwirtschaftet werden, sagt Fischer. "Viele Betriebe fragen sich darüber hinaus, wie sie bei geschlossenen Läden die Ausbildung durchführen sollen."

Ausbildungsmarkt in Limburg-Weilburg während Corona: Plätze angemessen bezuschussen

"Schaut man auf die aktuellen Zahlen für den Landkreis Limburg-Weilburg, ist es zunächst erfreulich, dass die Unternehmen von Oktober bis März mit 914 gemeldeten Ausbildungsplätzen sogar 23 Lehrstellen mehr angeboten haben als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres", so der Sprecher. Trotz der Pandemie seien die Betriebe bereit, alles zu unternehmen, um sich zukunftssicher aufzustellen. Sorge bereitet der Arbeitsagentur aber der weitere Rückgang der Bewerber. "1180 Ausbildungssuchende bedeuten ein Minus von 46 Jugendlichen", bedauert Fischer. Laut der Arbeitsagentur führe die Unübersichtlichkeit in Zeiten der Corona-Krise dazu, dass Jugendliche bei der Ausbildungssuche resignieren und sich stattdessen für einen weiteren Schulbesuch entscheiden.

"Die zentrale Frage des Ausbildungsmarkts lautet nicht, wie noch mehr Ausbildungsplätze gewonnen werden können, sondern wie aus einem Schulabgänger ein Bewerber wird", sagt Jutta Golinski, Leiterin des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung der IHK Limburg. Denn ohne Azubis gebe es in Zukunft keine Fachkräfte mehr. Im Jahr 2020 seien bei der IHK Limburg 523 Ausbildungsverhältnisse neu eingetragen worden. "Dies ist ein leichter Rückgang um knapp fünf Prozent", sagt Golinski. Sie erwartet in diesem Jahr einen weiteren Rückgang um fünf bis zehn Prozent. Auch die Leiterin der IHK-Aus- und Weiterbildung geht davon aus, dass die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen trotz Corona weiterhin hoch bleibe.

Es sei wichtig, dass die Ausbildungsunternehmen in dieser schwierigen Zeit auch finanzielle Förderung erhalten. Die IHK begrüßt deshalb, dass das Bundeskabinett am 17. März die Verlängerung und Weiterentwicklung des Bundesprogramms "Ausbildungsplätze sichern" gebilligt hat. Dadurch werden Ausbildungs- und Übernahmeprämien verdoppelt. "Verbessert wurden auch die Zuschüsse zur Vermeidung von Kurzarbeit und die Förderung von Auftrags- und Verbundausbildungen", sagt Golinski.

Corona in Limburg-Weilburg: Ausbildung im Handwerk – Leistung verdient eine höhere Anerkennung

"Wir freuen uns sehr, dass in nahezu allen Betrieben unserer Handwerksinnungen eine hohe Ausbildungsbereitschaft vorhanden ist", sagt Stefan Laßmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Limburg-Weilburg. Was jedoch fehle, seien Jugendliche, die eine Ausbildung im Handwerk beginnen möchten. Die große Chance der qualifizierten Ausbildung im heimischen Handwerk werde nicht erkannt. "Dabei gibt es vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten auch nach der Ausbildung bis hin zur Selbständigkeit", sagt Laßmann. Mit einer abgeschlossenen Lehre im Handwerk könne man weltweit arbeiten. "Wer seine Ausbildung mit der Note 2,5 oder besser beendet, kann ein Studium beginnen."

Die betriebliche Ausbildung im Handwerk werde maßgeblich von Klein- und Kleinstbetrieben getragen. Die Mehrheit dieser Betriebe habe weniger als fünf Beschäftigte und sei bereit, Zeit und Geld für jeden Auszubildenden zu investieren. "Das Handwerk ist der stärkste Ausbilder", betont Laßmann. Diese hohe Ausbildungsleistung verdiene eine höhere Anerkennung und Wertschätzung von Gesellschaft und Politik. Laßmann fordert deshalb auch ein bessere finanzielle Entlastung der Ausbildungsbetriebe. Gerade in der Pandemie habe sich gezeigt, dass die vielen Unternehmen ein wesentlicher Wirtschaftsmotor für die Region seien.

Die Agentur für Arbeit, die IHK und auch die Kreishandwerkerschaft unterstützen potenzielle Azubis bei der Suche nach einer Lehrstelle. Es gibt eine gemeinsam "Telefonaktion". "Dabei wird jeder Interessent individuell beraten", sagt Laßmann. Die Kreishandwerkerschaft unterstützt zudem seit Jahren die Imagekampagne des Deutschen Handwerks und ist auf Bildungsmessen aktiv.

Ausbildung in Limburg-Weilburg: Wegen Corona „nicht die Flinte ins Korn werfen“

Die IHK Limburg hat sich im Februar und März an der Online-Messe des Hessencampus Limburg-Weilburg beteiligt, um für Ausbildungsberufe zu werben. Außerdem seien die digitalen Beratungsangebote für Unternehmen, Ausbilder und Ausbildungssuchende verstärkt worden, wie Golinski berichtet. Derzeit gibt es zudem IHK-Elternveranstaltungen mit dem Titel "Sei stolz auf Dein Kind in der Ausbildung". Die Agentur für Arbeit bietet momentan Berufsberatungen per Telefon und Videokonferenz an. Außerdem werden auch Bewerbungs- und Vorstellungstrainingseinheiten durchgeführt und es gibt berufsvorbereitende Bildungsangebote.

"Jugendliche sollten die Flinte auf keinen Fall wegen der Corona-Pandemie zu schnell ins Korn werfen", betont Ralf Fischer mit Blick auf die Arbeitsmarktsituation. Niemand müsse sich von Absagen entmutigen lassen, denn jede Bewerbung biete eine neue Chance. "Wir empfehlen allen Interessierten, ihre Stärken und Interessen herauszufinden und jetzt aktiv auf die Ausbildungsbetriebe zuzugehen, um sich zu bewerben", rät Jutta Golinski den Jugendlichen. Und auch Stefan Laßmann hat einen Tipp parat: "Die Jugendlichen sollten sich direkt mit einem Handwerksbetrieb in Verbindung setzen und dort ein Praktikum absolvieren", sagt er. Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft ist überzeugt, dass auf diesem Weg hervorragende Aussichten entstehen können, um einen wohnortnahen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Limburg-Weilburg: Wo es die meisten Auszubildenden gibt

Die meisten Ausbildungsstellen im Landkreis Limburg-Weilburg meldet das Baugewerbe (165). Die Zahl der Plätze ist gegenüber dem Vorjahr um 47,3 Prozent gestiegen. Es folgen der Einzelhandel (120/-10,4 Prozent), die Herstellung von Nahrungsmitteln (89/+18,7 Prozent) sowie der Großhandel (69/+16,9 Prozent). Deutlich weniger Ausbildungsplätze gibt es im Gastgewerbe (18/-56,3 Prozent), bei der Rechts-, Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung (16/-33,3 Prozent) und bei sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen, zu denen auch die Reisebüros gehören (8/-55,6 Prozent).

Verkäufer, Kaufleute für Büromanagement und Kfz-Mechatroniker seien laut Fischer besonders gefragte Ausbildungsberufe. Auch eine Lehre zur Medizinischen Fachangestellten und zum Fachlagerist stünden bei den Ausbildungssuchenden hoch im Kurs. "Nicht ausgeschöpft werden in der Regel die Ausbildungsangebote im Lebensmittelhandwerk", sagt Ralf Fischer, Sprecher der Agentur für Arbeit Limburg-Wetzlar. Das gelte unter anderem für Metzger und Bäcker. Auch das Bau- und Baunebengewerbe könne nicht alle angebotenen Lehrstellen besetzen. (Tobias Ketter)

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