Die Limburger Domsingknaben im vergangenen Sommer. Vorne links Direktor Andreas Bollendorf, in der zweiten Reihe von oben links Stimmbildner Wilhelm Gries.

Krise

Misstöne bei den Domsingknaben: Konflikt eskaliert - starker Widerstand gegen Direktor Andreas Bollendorf

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Bei den Auftritten war nach außen hin alles bestens, doch hinter den Kulissen brodelte es schon lange gewaltig. In dieser Woche eskalierte der Streit bei den Limburger Domsingknaben. Das Domkapitel spricht von einer "äußerst schmerzlichen Krise" will den heftig angegriffenen Direktor Andreas Bollendorf aus der Schusslinie nehmen und setzt ein dreiköpfiges Leitungsteam ein.

Limburg - Weinende Jugendliche, empörte Eltern, besorgte Domkapitulare und verunsicherte Chorleiter: Das ist das aktuelle Bild im Konflikt bei den Limburger Domsingknaben. Nach einer Krisensitzung in dieser Woche, in der die Auseinandersetzung um Direktor Andreas Bollendorf eigentlich beendet werden sollte, hat sich die Situation weiter verschärft.

Drei Jungen erklärten spontan ihren Austritt, weitere kündigten diesen Schritt für die nächsten Tage an. Der Vorsitzende des Fördervereins, Markus Drossel, trat zurück, die Vorsitzende des Elternbeirats, Eveline Hannappel, sagte, sie trete bei der Neuwahl am 10. Februar nicht mehr an. Zahlreiche Mütter und Väter schrieben an Domkapitular Dr. Wolfgang Pax, manche auch an Bischof Dr. Georg Bätzing. Tenor: So geht es nicht mehr weiter – und auf keinen Fall mit Bollendorf.

Proben machen keine Freude

Der 48-Jährige, nach dem Ausscheiden des langjährigen Leiters Klaus Knubben im Sommer 2015 der Wunschkandidat für diesen Posten, stand schnell in der Kritik. Seine große musikalische Kompetenz ist unumstritten. Ältere Mitglieder (die Männerstimmen) und Eltern werfen ihm Führungsschwäche, fehlende Autorität und mangelnde Begeisterungsfähigkeit vor. Bollendorf habe keine Beziehung zu den Jungen, lautet ein Hauptkritikpunkt. „Die Chorproben machen keine Freude mehr“, berichtet einer der „Protestführer“, die vor Weihnachten schriftlich die Absetzung Bollendorfs forderten.

Gestern Morgen das nächste Krisentreffen mit dem vom Domkapitel Anfang der Woche eingesetzten Leitungsteam: Chordirektor Andreas Bollendorf, der stellvertretende Chorleiter Wilhelm Gries und der Pädagogische Leiter des Musischen Internats Christoph Meurer. Vonseiten des Bistums am Tisch: Weihbischof und Domdekan Dr. Thomas Löhr und Domkapitular Dr. Wolfgang Pax.

Diese Runde formulierte ein Schreiben an die Domsingknaben, die Eltern und Familien der Jungen und die Mitarbeiter im Musischen Internat. In dem von allen fünf Männern unterschriebenen Brief heißt es am Anfang: „Wir alle wissen um die Krise, die wie ein Schatten über dem Chor und dem Musischen Internat liegt, und die vor allem eine Vertrauenskrise gegenüber dem Leiter und der Leitung sowie dem Träger Domkapitel ist.“

Versöhnender Weg

Die Unterzeichner seien sich bewusst, dass es sehr unterschiedliche Einschätzungen über die Ursachen und die möglichen Lösungen hierfür gibt. Während einige sich sehr entschieden für bestimmte personelle Schritte einsetzten, widersprächen andere ebenso entschieden und forderten andere Maßnahmen. „Die Krise ist äußerst schmerzlich“, heißt es weiter. „Dass sie sich bereits so quälend lange hinzieht, sieht auch das Domkapitel. Dafür bitten wir ausdrücklich um Entschuldigung!“ Umso wichtiger sei es, nun gemeinsam einen guten Weg nach vorn zu begehen. Löhr, Pax, Bollendorf, Gries und Meurer bitten alle, sich auf einen versöhnenden Weg einzulassen.

Ob dieser Appell hilft? Die Fronten scheinen sehr verhärtet zu sein. Das Domkapitel bemüht sich seit zwei Jahren um eine Lösung, schaltete einen professionellen Mediator ein, hoffte auf den Erfolg einer Teambegleitung und schickte einen Coach zu den Elternabenden. Klar ist: Nicht alle der rund 100 Chormitglieder und Eltern sind mit Bollendorf unzufrieden; die Knaben haben wohl keine Probleme mit ihm, deren Eltern stärken ihm den Rücken. Klar ist außerdem, dass die Zusammenarbeit der drei Leiter recht schwierig war, um es vorsichtig auszudrücken. Stimmbildner Wilhelm Gries, der schon vor Knubben da war und maßgeblichen Verdienst am hohen Leistungsniveau des Chors hat, wäre gerne selbst Leiter geworden. Der Pädagogische Leiter Christoph Meurer soll einiges schleifen gelassen und Bollendorf nicht auf den Ernst der Lage aufmerksam gemacht haben. Beispiel: Auf Flipcharts und Tafeln im Probenraum tauchten immer wieder die Initialen BMW und AMG auf. Sie hatten freilich nichts mit Autos zu tun, sondern standen für „Bollendorf muss weg“ und „Andi muss gehen“.

Nun soll dieses Trio gemeinsam den Karren aus dem Dreck ziehen, in den es ihn selbst befördert hat. . .

Kein Grund für Rauswurf

Ein Teil der älteren Domsingknaben hatte erwartet, dass in der Sitzung der Abgang von Bollendorf verkündet wird. Pax erklärte ihnen nach Informationen dieser Zeitung jedoch, dass es keinen arbeitsrechtlichen Grund für eine Entlassung oder Versetzung gebe. Der Chorleiter habe sich nichts zu-schulden kommen lassen, was eine so harte Entscheidung rechtfertige. In erster Linie gehe es um Befindlichkeiten.

So empfindet es auch der Beschuldigte. „Viele sind auf meiner Seite. Ich halte die Vorwürfe für unberechtigt“, sagte Bollendorf gestern in einem Gespräch in unserer Redaktion. Er sehe sich als väterlicher Freund der Jungen und habe zu den allermeisten einen guten Draht. „Wir werden diese Krise gemeinsam bewältigen“, betont er.

Das hofft auch die Vorsitzende des Elternbeirats – im Interesse der Kinder und des Chors. „Die Stimmung ist hochexplosiv“, sagt Eveline Hannappel auf Anfrage dieser Zeitung.

Möglich, dass es demnächst erst richtig knallt. Mütter haben in den vergangenen Tagen schriftlich nachgelegt und das Domkapitel unter anderem über Alkohol- und Drogenkonsum bei den Domsingknaben informiert. Einige Männerstimmen berieten in der WhatsApp-Gruppe wieder über den vor Weihnachten abgeblasenen Streik bei einem Gottesdienst.

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