Im Februar tauschen sie die Rollen: Dann wird Peter Hofmann (links) Chef und Hans-Jürgen Schäfer sein Angestellter. Dann übernimmt Peter Hofmann die Hans-Jürgen Schäfer GmbH.
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Im Februar tauschen sie die Rollen: Dann wird Peter Hofmann (links) Chef und Hans-Jürgen Schäfer sein Angestellter. Dann übernimmt Peter Hofmann die Hans-Jürgen Schäfer GmbH.

Viele Handwerker im Kreis Limburg-Weilburg suchen händeringend nach jemandem, der ihren Betrieb übernehmen will

Mit Mut in die Selbstständigkeit

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Hans-Jürgen Schäfer wurde fündig: Peter Hofmann übernimmt den Dachdeckerbetrieb

Hans-Jürgen Schäfer sieht es ganz pragmatisch: "Entweder mir läuft jemand über den Weg, der weitermacht, oder ich muss zumachen." Wenn Peter Hofmann ihm nicht über den Weg gelaufen wäre, hätte er seinen Betrieb vermutlich noch ein paar Jahre weitergeführt - zumindest so lange, bis seine drei Mitarbeiter einen neuen Job gefunden haben und seine Knochen mitmachen. Außerdem wollte er ja jemandem die Chance geben, sein Glück zu machen.

Hans-Jürgen Schäfer hatte Glück: Sein Betrieb bleibt bestehen, im Februar tauschen er und Peter Hofmann die Rollen. Dann wird der Chef zum Angestellten und kann besser auf seine Gesundheit achten, der Angestellte wird zum Chef und kann für die eigene Tasche arbeiten. Der Betrieb bleibt bestehen, der Name ebenso, wenn auch vermutlich nicht als "Hans-Jürgen Schäfer GmbH". Aber auch das habe keine sentimentalen Gründe, sondern ganz praktische, sagt Schäfer. Die Kunden kennen den Dachdeckerbetrieb unter diesem Namen und das schon seit 1996. Damals hat Hans-Jürgen Schäfer den Betrieb von seinem Vater übernommen.

Sein Vater hatte sich keine Sorgen machen müssen, dass er einmal nach einem Nachfolger für seinen Betrieb suchen muss. Damals war es noch ganz selbstverständlich, dass der Sohn übernahm. "Man wird da hingeschoben", sagt Hans-Jürgen Schäfer. Aber er wollte es anders machen. Seine Kinder sollten frei entscheiden können - und haben sich anders entschieden. So wie es viele Handwerkerkinder heute machen. Er kenne aus seiner Arbeit im Vorstand der Dachdecker-Innung einige Kollegen, die versucht haben, ihre Kinder für ihren Beruf zu begeistern. "Aber das ist nicht so einfach." Schließlich muss der Nachwuchs nicht nur wollen, sondern auch die Meisterschule schaffen.

Mit 27 Jahren den

Meister gemacht

Peter Hofmann will einen Betrieb übernehmen. Und er kann es. Seit 2012 ist er Dachdeckermeister. Gelernt hat er in einem kleineren Betrieb in Offheim, mit 27 hat er seinen Meister gemacht. Lange hat er für einen großen Betrieb in Bad Ems gearbeitet, musste oft zu Baustellen in Rhein-Main-Gebiet fahren. Da war nicht nur die Arbeit anders, sondern auch der Tagesablauf: "Ich bin morgens im Dunkeln aus dem Haus, abends im Dunkeln wieder heim." Gegen viel Arbeit hat er nichts, "aber dann mache ich das lieber für mich". Ein Freund erzählte ihm, dass Hans-Jürgen Schäfer einen Nachfolger suche, die beiden trafen sich. Die beiden waren sich damals, vor zwei Jahren, schnell einig, dass Peter Hofmann erstmal als Angestellter anfängt, um zu schauen, ob sein Chef und er miteinander klarkommen und ob der Betrieb seinen Vorstellungen entspricht. "Die Chemie passt, der Betrieb auch", sagt Hofmann. Jetzt müsse er nur noch lernen, das Sagen zu haben und Verantwortung zu übernehmen. Aber er habe ja einen Ratgeber an seiner Seite.

Businessplan

vom Wirtschaftspaten

Auch alles andere war eigentlich ganz einfach. Der Kredit bei der Bank sei kein Problem gewesen, der Zinssatz keine Herausforderung, und Angst vor dem Ruin müsse er auch dann nicht haben, wenn es schief geht: Die KfW übernehme 90 Prozent der Kosten. Hans-Jürgen Schäfer brauchte noch einen Bürgen, als er die Firma seines Vater übernahm, der Zinssatz lag bei sieben Prozent und sowieso sei es damals viel schwieriger gewesen, einen Kredit zu bekommen.

Wie das alles funktioniert, hat ein anderer Experte erklärt: Ein ehrenamtlicher Wirtschaftspate hat die Übergabe von Anfang an begleitet, geholfen, den Businessplan zu entwerfen, an die formalen Dinge erinnert, an den Termin beim Steuerberater, bei der Bank, hat Verträge für die Übernahme der Mitarbeiter ausgearbeitet. "Man braucht Mut, um sich selbstständig zu machen", sagt Peter Hofmann, aber man brauche auch keine Angst davor zu haben, zumindest dann nicht, wenn jemand da ist, der Hilfestellung gibt".

Was in 30 Jahren sein wird, wenn er selbst im Rentenalter ist, weiß Peter Hofmann natürlich nicht. Aber er macht sich darauf gefasst, dass er dann keinen Nachfolger für seinen Betrieb finden wird. "Wer will denn heute Dachdecker werden?". Der Beruf sei anstrengend und anspruchsvoll, und man müsse auch mal bei schlechtem Wetter raus.

Mit dem Crash-Kurs

zur Gesellenprüfung

Es sei schon lange ein Problem, gute Auszubildende zu finden, weiß Hans-Jürgen Schäfer. Das sei mal für ein paar Jahre anders gewesen, als viele Russlanddeutsche einen Ausbildungsplatz suchten. Wegen ihrer Sprachprobleme seien viele von ihnen gar nicht auf die Idee gekommen, weiter zur Schule zu gehen und sich einen Bürojob zu nehmen, "aber die hatten was in der Birne". Am 1. November hat Hans-Jürgen Schäfer wieder so jemanden eingestellt. Einen Flüchtling, 28 Jahre alt, der bislang als Hausmeister gearbeitet hat. "Er könnte eine Lehre machen, wenn sein Deutsch besser wäre." Aber es gibt ja inzwischen noch eine andere Möglichkeit, Dachdecker-Geselle zu werden: Nach viereinhalb Jahren als Dachdeckerhelfer und einem Crashkurs könnte er die Gesellen-Prüfung schaffen. Und wer weiß, was dann kommt?

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