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Nicht mehr möglich, "die Dinge unter den Teppich zu kehren"

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Von: Rolf Goeckel

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Das Thema Missbrauch ist für die Kirche eine Belastung. Das Bistum Limburg arbeitet an einer Aufarbeitung.
Das Thema Missbrauch ist für die Kirche eine Belastung. Das Bistum Limburg arbeitet an einer Aufarbeitung. © Boris Roessler/dpa

Bistumsbeauftragter Dr. Caspar Söling äußert sich in einer Online-Veranstaltung zum Thema Missbrauch.

Limburg -Wohl kaum ein Skandal hat die katholische Kirche derart erschüttert wie das Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs von Priestern an Kindern. Auch im Bistum Limburg hat es Fälle gegeben, wie Dr. Caspar Söling, Beauftragter des Bischofs für das Projekt "Betroffene hören - Missbrauch verhindern", am Donnerstagabend in einem vom Bistum angebotenen Online-Gespräch zu diesem Thema erklärte. 46 Fälle seit 1946, in denen Priester Kinder sexuell missbraucht haben, seien mittlerweile aktenkundig, erklärte Söling in einem Gespräch mit dem Journalisten Christoph Cuntz. Zwei Drittel der betroffenen Kinder seien Jungen.

Offen ließ Söling die Frage, ob die Zahl der Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahren zurückgegangen sei. Zumindest deute die Tendenz der aktenkundigen Fälle darauf hin: 20 Kleriker seien in den Jahren 1945 bis 1970 übergriffig geworden, ebenso viele von 1971 bis 1990. Seitdem seien fünf Kleriker festgestellt worden, die Kinder missbraucht haben. Zuletzt habe zudem Kinderpornografie an Bedeutung gewonnen.

Unter dem Motto "Es tut sich was - Betroffene hören - Missbrauch verhindern" will das Bistum Limburg in einer siebenteiligen Online-Veranstaltungsreihe öffentlich darüber informieren, wie der Stand der Dinge bei der Aufarbeitung, aber auch bei der Prävention von Kindesmissbrauch ist. Vor zwei Jahren hat dazu Bischof Georg Bätzing den Leiter des St. Vincenzstifts Aulhausen, Dr. Dr. Caspar Söling, beauftragt, die Vorschläge der sogenannten MHG-Studie auf das Bistum Limburg anzuwenden. Diese nach den Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen benannte Untersuchung hat laut Söling bundesweit rund 3700 missbrauchte Kinder und Jugendliche und 1700 Täter festgestellt.

"Wie aber steht es um die Wiedergutmachung?", wollte Journalist Cuntz wissen. Dazu erklärte Söling, dass sich die Kirche - ungeachtet einer eventuellen Verjährung - zur Zahlung von Anerkennungsleistungen für die Opfer entschlossen habe. Im Bistum Limburg hätten sich 30 Betroffene gemeldet, in 22 Fällen sei Geld geflossen.

Und warum tut sich die Kirche so schwer damit, den Missbrauch an Kindern aufzuarbeiten, lautete eine weitere Frage. Sölings Antwort: "Das ist ein institutioneller Reflex, die Angst vor der Beschädigung der heiligen Kirche." Doch irgendwann sei es nicht mehr möglich gewesen, "die Dinge unter den Teppich zu kehren". Ein wichtiges Datum, so Söling, sei das Jahr 2010 gewesen, als die Missbrauchsfälle durch zwei Jesuitenpater im Berliner Canisius-Kolleg, im St.-Vincenzstift in Aulhausen und an der Odenwaldschule bekannt wurden.

Und wie steht es um das Thema Prävention? "Wir starten jetzt eine Offensive", erklärte Söling dazu. Wichtig sei es, von Missbrauch Betroffenen "niederschwellige" Kommunikationsmöglichkeiten zu eröffnen und ihnen Gelegenheit zu geben, sich zu melden. Die Kirche wolle außerdem dazu beitragen Kinder zu stärken und sie selbstbewusster zu machen. Auch individuelle Hilfen für Opfer seien geplant.

Söling sprach sich ebenso dafür aus, die Dominanz der Männer ab- und den Frauenanteil in der Kirche auszubauen. Ziel seien 50 Prozent Frauen in den kirchlichen Gremien. Für das Priestertum von Frauen sah der Beauftragte zwar wenig Chancen, doch bei den Diakonen seien die Aussichten besser.

Auch das Thema Homosexualität sprach Journalist Christoph Cuntz an. Söling räumte ein, dass gleichgeschlechtliche Liebe in der Kirche tabuisiert worden sei; viele Priester hätten sich damit nicht auseinandergesetzt "und sich in den Zölibat geflüchtet". Leider sei Homosexualität noch immer ein Hindernis für die Priesterweihe, doch gebe es Forderungen an Rom, das zu ändern. Immerhin habe sich das Bistum Limburg klar positioniert, dass Homosexualität kein Hindernis sei, Mitarbeiter in der katholischen Kirche zu sein. Caspar Söling räumte ein, dass 350 000 Kirchenaustritte vergangenes Jahr in Deutschland ein klares Signal seien, das Handlungsdruck erzeuge.

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