"Jeder Mensch will etwas Sinnvolles tun", sagt Claudia Klee, Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen Hessen, unter dessen Dach das Netzwerk Beschäftigungsförderung agiert.
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"Jeder Mensch will etwas Sinnvolles tun", sagt Claudia Klee, Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen Hessen, unter dessen Dach das Netzwerk Beschäftigungsförderung agiert.

Netzwerk Beschäftigung meldet sich zu Wort

Nicht nur Arbeitslosigkeit finanzieren

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Und wieder sind sie die Verlierer: Die Menschen mit "Vermittlungshemmnissen", wie es im Jobcenter-Deutsch heißt. Auf ihre Lage rund um Limburg soll aufmerksam gemacht werden.

Limburg -Abschluss mit 16, danach Ausbildung oder weiter zur Schule, Abi mit 18 oder 19, dann an die Uni - und arbeiten bis zur Rente. So soll es sein. Manche Menschen schaffen das. Viele nicht. Davon zeugen die Arbeitslosenstatistiken, auch wenn sie nicht unbedingt ein guter Indikator dafür sind, wie vielen Menschen es an Beschäftigung fehlt. Davon zeugt die Zahl der Menschen, die krankgeschrieben sind, und vor allem die Tatsache, dass es jede Menge Maßnahmen, Projekte und Angebote für Menschen mit "Vermittlungshemmnissen", wie es im Amtsdeutsch heißt, gibt.

Und dass es sie überhaupt geben muss. Das Ziel ist klar: Schließlich hat jeder Mensch das Recht auf Teilhabe. "Und dafür ist Arbeit, die soziale Kontakte, Selbstbestätigung und wirtschaftliche Unabhängigkeit gibt, eine Voraussetzung", sagt Claudia Klee, Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen Hessen in Gießen und damit auch für den Kreis Limburg-Weilburg zuständig. Und: "Jeder Mensch will etwas Sinnvolles tun."

Damit niemand

durchs Netz fällt

Um möglichst allen Menschen diese Chance zu geben, damit niemand mehr durchs Netz fällt, haben die Gesellschaft für Ausbildung und Beschäftigung (GAB), der Verein für Integration und Suchthilfe (VIS), die Lebenshilfe Limburg, die Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg und Wohnungslosenhilfe im Caritasverband für den Bezirk Limburg vor zehn Jahren das Netzwerk Beschäftigungsförderung gegründet - unter dem Dach des Paritätischen Hessen. Jeder in diesem Netzwerk hat seine Domäne: Die einen kümmern sich vorrangig um Menschen mit Suchterkrankungen, seelischer oder körperlicher Behinderung, die anderen um Menschen mit geistiger Behinderung, dann gibt es Ansprechpartner für Wohnungslose oder für junge Menschen, die noch gar keine Perspektive hatten.

Aber eines eint alle Mitglieder: "Wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt und schauen, was er braucht", sagt Claudia Klee. Und das gilt auch für die Menschen, die nicht nach Schema F funktionieren, zu denen keine der Maßnahmen des Jobcenters zu passen scheint. Es habe sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan, sagt Claudia Klee. "Aber es ist nicht alles gut."

Und die Pandemie macht die Lage der Menschen, die es ohnehin nicht besonders leicht haben, auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, nicht besser. "Corona macht uns allen den Alltag schwer." Aber für Menschen, die schon lange ohne Arbeit sind, sei die Pandemie mit ihren Beschränkungen eine Katastrophe. "Wenn die Kontakte zum Jobcenter oder Träger wegfallen, fehlt jede Struktur." Genau wie die Perspektiven: Denn die Jobcenter haben auf digitale Kommunikation umgeschaltet.

"Und gerade den Menschen, die sowieso schon benachteiligt sind, fällt es schwer, auf neue Medien umzustellen", sagt Claudia Klee. Zum Beispiel im vergangenen Sommer: Online-Jobbörsen, jede Menge anderer digitaler Angebote und Fördermaßnahmen - "aber unsere Hauptzielgruppe fällt da hinten runter", so Claudia Klee. Denn das sind Menschen, die zum Teil schon mehr als zehn Jahre nicht mehr oder vielleicht noch nie gearbeitet haben, die gerade von der Straße, aus dem Gefängnis oder der Psychiatrie kommen oder versuchen, trocken oder clean zu werden. Das sind Menschen, die Strukturen, Anleitung und Betreuung brauchen. Und das kann auf dem ersten Arbeitsmarkt kein Arbeitgeber leisten. Denn da geht es um Effizienz.

Zeit für Förderung

und Entwicklung nötig

"Diese Menschen brauchen ein Angebot an überbetrieblichen Ausbildungs- und Umschulungsplätzen, Beschäftigungsmöglichkeiten in Werkstätten", sagt Claudia Klee. Oder sie brauchen geförderte Arbeitsverhältnisse. Die gibt es, aber sie sind rar. Und immer befristet. "Dabei braucht Förderung und Entwicklung Zeit." Nicht jedes halbe Jahr eine neue Maßnahme, dann wieder eine Pause und wieder etwas Neues.

"Benachteiligte Menschen brauchen länger, um sich auf Strukturen einzulassen", erklärt die Regionalgeschäftsführerin. Und da sei die Politik gefragt. Natürlich vor allem die Bundespolitik, weil die die arbeitsmarktpolitischen Strukturen schafft. Aber auch die Kommunalpolitik. "Die hat durchaus Gestaltungsmöglichkeiten", sagt Claudia Klee. Die Kommunalpolitiker hätten Einfluss darauf, welche Förderungsmaßnahmen wie eingesetzt werden, welcher Träger für welches Projekt angesprochen werden könne. "Wir müssen gemeinsam schauen, wie wir unserer Zielgruppe helfen können." Natürlich geht es dabei auch um Geld. Und um die Frage, wie man es einsetzt. Das Ziel des Netzwerks ist klar: "Wir müssen Beschäftigung finanzieren, nicht Arbeitslosigkeit."

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