Die Limburger Psycho- analytikerin Dr. Ellen Kindschuh-van Roje ist unter die Schriftsteller gegangen und hat in diesen Tagen ihr Erstlingswerk veröffentlicht
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Die Limburger Psycho- analytikerin Dr. Ellen Kindschuh-van Roje ist unter die Schriftsteller gegangen und hat in diesen Tagen ihr Erstlingswerk veröffentlicht

Ein neues Buch aus Limburg

Nichts ist vorhersehbar

Psychoanalytikerin veröffentlicht skurril-surreale Kurzgeschichten

Es begann im Liegestuhl, an einem heißen Sommertag bei 35 Grad Celsius. Die Luft flimmerte, bleierne Hitze lähmte alle Aktivitäten. Allein die Gedanken streiften umher, die Phantasie machte noch größere Schritte als sonst.

Was machen eigentlich die Regenwürmer bei so einem Wetter, fragte sich Dr. Ellen Kindschuh-van Roje in ihrem Liegestuhl und setzte an zu einem Exkurs in die geheimnisvolle Unterwelt, der jetzt in der Veröffentlichung eines kleinen Buchs mündete.

"Irritationen" sind die zwölf skurrilen Kurzgeschichten überschrieben, die - wie der Name schon sagt - nicht nur mit spannenden Wendungen aufwarten, sondern auch voll nachdenklicher, schillernd-fluoreszierender Imaginationen sind.

Ellen Kindschuh-van Roje, Psychoanalytikerin aus Limburg, bekam nachhaltiges Gefallen am Fabulieren, am Konstruieren teils surrealer Fiktionen. Ihre Kurzgeschichten bleiben jedoch letztlich erdverbunden und vor allem menschlich. Schließlich handeln sie von ganz gewöhnlichen Individuen, manche einfach nur ein wenig verschroben oder eigen, wie der Volksmund sagt. Ob es der junge Mann ist, der nach der ultimativen Farbe Rot sucht. Oder der Architekt, der der Monotonie seiner Bauwerke entfliehen will. Der leicht absonderliche Versicherungsvertreter, die Frau mit den Briefmarken oder die alte, freundliche Dame aus der Kartenrunde - alle sind eigentlich ganz "normal", unauffällig bis angepasste Bürger. Bis auf die kleine Grenzüberschreitung, die meist den überraschenden Schlussakkord der Geschichte ausmacht. Aber was heißt schon normal?

Blick in die Untiefen der Psyche

In der Regel sind es die Psychologen, die die Literatur sezieren. Dass sie sich als Schriftsteller erproben, passiert eher selten. Doch gerade diese Verbindung ist es vermutlich, die die Geschichten der Ellen Kindschuh-van Roje so außergewöhnlich macht. Und es kommt wohl nicht ganz von ungefähr, dass diese zunächst scheinbar harm- und belanglos, mit zunehmenden Zeilen jedoch ziemlich subtil immer mehr die Untiefen der menschlichen Psyche beleuchten. Denn ganz sicher hat die Autorin beruflich vielfach in die Abgründe der menschlichen Seele geschaut. Das gesehen, was in der Phantasie alles so möglich ist hinter der Fassade gepflegter (Klein-)Bürgerlichkeit.

Geheimnisse und Unheimliches, Absurdes und - eben Irritierendes - fließen ein in die Kurzgeschichten, die zwar mit teils verstörenden Bildern aufwarten - wie etwa beim Obdachlosen, der sich mit einer Gruppe Jugendlicher anlegt - aber durchaus auch mit humorvollen Einlagen. Faszinierende Metaphern und kreative Wortschöpfungen inspirieren zu den verschiedensten Interpretationen, lassen auch dem Leser Raum für kreative Deutungen. Nichts ist vorhersehbar und der Schluss trotz vermeintlich nahe liegender Wahrscheinlichkeiten fast immer überraschend: eine dynamische Pointe oder mal stille, mal explosive Wendungen.

Dozentin an

Gießener Institut

Die Beziehung zwischen Literatur und Psychoanalyse hat eine lange Tradition, insbesondere viele große Dramen der Weltliteratur zeugen von dieser Beziehung - zahlreiche Werke der Literaturgeschichte sind nur mit Hilfe psychoanalytischer Exegesen verständlich. Auch Ellen Kindschuh-van Roje hat sich während ihrer Arbeit als Lehranalytikerin und Dozentin am Gießener Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie (Horst-Eberhard-Richter-Institut) mit dem sogenannten Psychodrama als Methode der Psychotherapie beschäftigt. Dabei werden emotionale Probleme und zwischenmenschliche Konflikte in kreativen, theater-ähnlichen Szenen dargestellt und auf diese Weise bearbeitet.

Auch mit dem norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen und seinem Blick hinter den Vorhang der Bourgeoisie und ihrer sorgfältig gehüteten Geheimnisse hat sie sich in Vorträgen und schriftlichen Exkursen lange und intensiv auseinandergesetzt, insbesondere mit den Frauengestalten in seinen Familiendramen - nicht literaturwissenschaftlich, sondern rein fachlich, aus der psychoanalytischen Perspektive. Doch um selbst größere Erzählungen oder gar Dramen zu schreiben, ist die literarische Quereinsteigerin (noch) zu ungeduldig, analytisch tiefgründig bleibt sie trotzdem - in wenigen Zeilen eben.

Zum Beispiel beim Charakter Herrn Dannenbergs, der plötzlich an der Ampel eine Stimme hört, die ihn warnt, stehen zu bleiben. Für ihn ein Anstoß, seine Vergangenheit zu sezieren. Viele Fragen tauchen auf - durchaus auch philosophischer Natur. In völlig neuen Zusammenhängen geht es mal um Verharren, Stehenbleiben oder Weitergehen, mal um das Hasten durch das Leben. Dabei verschieben sich die Begriffe: "In der menschlichen Entwicklung ist eben nichts logisch", sagt Ellen Kindschuh-van Roje. "Plausibilitäten sind mir einfach zu konkret."

"Irgendwie muss

es ja aufhören . . ."

Gerade diese wie auch die meisten anderen Geschichten machen deutlich: Es sind nicht ausschließlich, aber sehr eindeutig viele Fragen, die das Leben gerade in einer Kleinstadt unweigerlich aufwirft: Komme ich raus aus der Eintönigkeit? Wenn ja, wie? Wo ist der Weg? Was ist das Reisen? Ist es das Reisen selbst oder mehr die Phantasie? "Du kannst dir die Welt verkleben und trotzdem gern reisen", sagt die gebürtige Melsungerin. Oder um bei Herrn Dannenberg zu bleiben: Wer nicht stehen bleibt, bringt sich um. Oder doch nicht?

Warum es so abrupt, plötzlich und manchmal auch mit Mord endet, dafür hat die Autorin keine ganz schlüssige Erklärung: "Irgendwie muss es ja aufhören. . .", sagt sie und schmunzelt. In jedem Fall aber verweigert sie sich der Beschreibung desselben: "Ich halte nichts davon, Grausamkeiten zu illustrieren." Einmal mehr ein klares Absetzen vom üblichen Genre.

Die Perspektive der Regenwürmer wurde übrigens noch nicht veröffentlicht - so hofft der Leser auf weitere Langeweile im Liegestuhl. Und darf sich schon jetzt auf "Irritationen", Teil 2 freuen.

Nicola van Bebber

Hier gibt es das Buch

Das im Verlag Tredition erschiene Buch ist über alle Buchhandlungen beziehbar und als Hardcover für 15,99 Euro, als Paperback für 9,99 Euro und als E-Book für 3,50 Euro erhältlich.

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