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Im vergangenen Frühjahr haben Johanna und Lutz Krischker viel Zeit in ihrem Garten verbracht - schon alleine, um den Quarantänekonzerten ihrer Nachbarn zu lauschen.

Erfahrungsbericht

Nach Corona-Infektion: Vier Wochen beklemmende Quarantäne

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Johanna und Lutz Krischker aus Niederselters haben Covid-19 durchgemacht. Sie berichten über ihre Erfharungen und darüber, was sie von der derzeitigen Sorglosigkeit halten.

Niederselters - Da sind diejenigen, die zum Einkaufen immer Handschuhe tragen, damit sie den Einkaufswagen nicht berühren müssen, aber ihre Freunde herzen, wenn sie ihnen begegnen. Und das oft sogar dieselben, die zu Beginn der Pandemie die große Panik hatten, jetzt aber alle Corona-Auflagen für Quatsch halten und sich darüber beschweren, dass sie ihren Geburtstag nicht feiern dürfen. Johanna Krischker könnte verzweifeln, wenn sie an diese Leute denkt. "Es gibt so viele inkonsequente Menschen", sagt sie. Wenn es nach ihr ginge, würde die Einhaltung der Vorgaben viel strenger kontrolliert und sanktioniert, wer sich nicht an die Masken- oder Abstandsregel hält. Außerdem: "Lieber einmal zu viel Quarantäne als einmal zu wenig." Schließlich gehe es um den Schutz der Menschen.

Corona in Niederselters bei Limburg: Vier Wochen anstrengende Quarantäne

Johanna Krischker war insgesamt vier Wochen in Quarantäne, ihr Mann noch drei Tage länger - obwohl sie es war, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatte, nicht er. Natürlich sei die Quarantänezeit anstrengend gewesen, trotzdem hat sie nicht versucht, sie abzukürzen. Wenn das Gesundheitsamt fragte, ob sie denn noch Symptome habe, antwortete sie immer wieder wahrheitsgemäß, dass sie noch nicht wieder gesund sei. Dabei hatte sie gar nicht gedacht, dass es Covid-19 ist, worunter sie leidet. Zumal sie ja eigentlich gar nicht gelitten hat.

Johanna Krischker hatte ein bisschen Husten, Schnupfen und Kopfweh, und sie dachte, dass das immer noch die Folgen der Erkältung seien, die sie und ihr Mann sich Mitte Februar eingefangen hatten. Und natürlich war sie längst wieder arbeiten, als am 9. März einen Anruf des Gesundheitsamtes Ludwigsburg bekam, dass die Leiterin des Seminars, das sie am 3. und 4. März in Frankfurt besucht hatte, positiv auf das Coronavirus getestet worden war und dass sie sich sofort in Quarantäne begeben sollte. Allerdings war Johanna Krischker gerade in einem Hotel in Duisburg, als sie diesen Anruf bekam.

Nach Corona-Infektion in Niederselters bei Limburg: Die Quarantäne nicht im Hotel verbringen

Sie brach die Dienstreise ab und ließ sich von ihrem Mann abholen - mit der Bahn durfte sie nicht mehr reisen, im Hotel wollte sie ihre Quarantäne nicht verbringen. Zuhause in Niederselters rief sie sofort das Gesundheitsamt Limburg-Weilburg an und fragte, was nun zu tun sei. Wenn sie keine Symptome habe, sei gar nichts zu tun - nur aus dem Haus dürfe sie die nächsten zwei Wochen nicht und ihr Mann am besten auch nicht, Tests seien jedenfalls nicht nötig, so lange sie keine Symptome habe, teilte das Gesundheitsamt mit.

Da haben ihre beiden Kollegen, die das Seminar mit ihr besucht hatten, andere Antworten bekommen: Die Kollegin aus Darmstadt sei damals gleich zum Corona-Test an die Uniklinik Frankfurt geladen worden und habe am nächsten Tag gewusst, dass sie sich angesteckt hatte - was sie sich vermutlich sowieso gedacht hätte, denn sie sei "richtig ausgeknockt" gewesen. Nach drei Wochen sei ihre Quarantäne dann aufgehoben worden, einfach so, obwohl die Kollegin noch immer Symptome gehabt habe.

Corona in Niederselters: Professionelle Reaktion des Gesundheitsamts Limburg

Der Kollege aus Stuttgart musste zwei Wochen daheim bleiben und sei niemals getestet worden, und seine Frau habe nicht einmal in Quarantäne gemusst, obwohl sie als Lehrerin arbeitet. Es sei unglaublich, wie unterschiedlich die Gesundheitsämter mit den Folgen der Pandemie umgehen, sagt Johanna Krischker. "Das verunsichert die Menschen." Das Gesundheitsamt Limburg-Weilburg habe ziemlich professionell reagiert. Damals sei ja noch nicht klar gewesen, dass es so viele asymptomatische Covid-19-Verläufe gibt. Und außerdem waren die Tests Mangelware.

Johanna Krischker ist dann doch noch getestet worden, nach zehn Tagen. Und weil der Befund positiv war, musste sie weiter in Quarantäne bleiben, und weil Kopfweh, Husten und Schnupfen einfach nicht verschwinden wollten, wurden es dann insgesamt vier Wochen. Das sei eine beklemmende Situation gewesen, sagt Johanna Krischker. Aber sie weiß auch, dass es ihr und ihrem Mann in dieser Situation viel besser ging als vielen anderen Menschen - weil sie Haus und Garten und genug Vorräte hatten. "Wir haben immer zwei Packungen Klopapier im Haus", sagt Johanna Krischker und lacht.

Niederselters bei Limburg: Tolle Nachbarn und weiterhin arbeiten trotz Corona

Und dann haben sie und ihr Mann auch noch tolle Nachbarn, denen sie per WhatsApp eine Einkaufsliste schicken konnten, die abends auf dem Balkon ein Konzert gegeben haben. Und sie hatten ihre Arbeit. Johanna Krischker hat in der Quarantänezeit weitergearbeitet. Ihr Chef habe sie schon früh ins mobile Arbeiten geschickt, sagt sie. Schon vor Corona sei ein Tag pro Woche erlaubt gewesen, Mitte März seien sie und ihre Kollegen ganz schnell mit dem nötigen Gerät ausgestattet worden, um ganz vom Homeoffice aus arbeiten zu können.

Lutz Krischker, ihr Mann, hatte es da schon schwerer: Er ist in einem "systemrelevanten" Betrieb tätig, hätte also auch während des Lockdowns zur Arbeit gehen dürfen. Sollte er aber nicht. Das Gesundheitsamt hatte ihm eine Quarantäne "dringend empfohlen", aber nicht angeordnet, und deshalb hätte er sich fürs Zuhausebleiben Urlaub nehmen müssen. Er hat daher von dort aus weitergearbeitet und sich anschließend blöde Sprüche anhören müssen. Einige Kollegen mieden ihn ganz - obwohl er ihnen immer wieder vorrechnete, dass er niemanden anstecken könnte, selbst wenn er infiziert worden wäre, weil er mehr als vier Wochen in Quarantäne war. "Aber es hat nichts geholfen."

Nach vierwöchiger Quarantäne in Niederselters bei Limburg: Folgeschäden nach Corona-Infektion

Der Kampf gegen die Unwissenheit und die Ignoranz sei eigentlich schlimmer gewesen als die Krankheit selbst, sagt Johanna Krischker. Auch für ihre Eltern. Auch sie mussten vorsorglich vier Wochen in Quarantäne, weil ihre Tochter sie Anfang März besucht hatte. Als der Pflegedienst das hörte, habe er sich geweigert, die beiden weiter zu versorgen. "Und ich saß da und konnte nichts machen." Aber sie konnte telefonieren: Mit Hilfe ihres Hausarztes und des Gesundheitsamtes des Rheingau-Taunus-Kreises hat sie Corona-Tests für ihre Eltern organisiert. Als die Ergebnisse negativ waren, habe das Gesundheitsamt Bad Schwalbach dem Pflegedienst noch einmal ins Gewissen geredet - mit Erfolg. Aber mit der Auflage, dass sie für den Schutz des Pflegepersonals sorgen müsse. "Das war sehr belastend."

Johanna Krischker hat keine Symptome mehr, und trotzdem ist sie froh, dass sie wegen Covid-19 inzwischen mal im Krankenhaus war. Sie nimmt an einer Studie der Uni Frankfurt teil: Zunächst wurde ihr Blut abgenommen, um damit vielleicht Medikamente oder einen Impfstoff entwickeln zu können. Anfang Mai stand ein MRT-Termin auf dem Plan: "Und das war ein Aha-Erlebnis: Denn dabei stellte sich heraus, dass ihr Herzmuskel entzündet ist. "Das hätte ich nicht erwartet, dass so ein leichter Verlauf solche Folgeschäden nach sich ziehen kann." Die Herzmuskelentzündung wird jetzt medikamentös behandelt. Jedenfalls hat Johanna Krischker einen Rat für alle, die Covid-19 überstanden haben: Man sollte sich auch bei leichten Symptomen gut durchchecken lassen. "Man weiß ja nie, was irgendwann kommt." (Sabine Rauch)

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