Ehemaliger Arbeitsminister

Norbert Blüm zu Gast beim Lesedom in Limburg

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Auch im Alter von 83 Jahren bleibt Norbert Blüm ein Mann klarer Worte. Beim Limburger Lesedom las er nicht nur aus seinem Buch, sondern zeigte auch klare Kante zum Nationalismus.

Im Gegensatz zu vielen Limburger Wahlveranstaltungen der vergangenen Wochen mit aktuellen Spitzenpolitikern war die WERKStadt-Lounge beim Besuch von Norbert Blüm am Donnerstagabend voll besetzt. Ein Gast seiner Lesung zum Limburger Lesedom mit seinem aktuellen Werk „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“ sagte im Anschluss: „Hätten die etablierten Parteien heute noch mehr Politiker, die so mutig und authentisch wären, hätten sie auch noch Erfolg.“

So nahm der frühere CDU-Arbeitsminister unter Bundeskanzler Helmut Kohl auch in Limburg kein Blatt vor den Mund und kritisierte scharf, dass in den Parteien zu viele Berufspolitiker seien. „Jemand, der in die Politik geht, der sollte sich erst einmal vorher in einem anderen Beruf bewährt haben“, sagte der 83-jährige Wahl-Bonner. Wenn Politik nur noch von Politikern gemacht werde, werde das alles zu ideologisch.

Dass der gelernte Werkzeugmacher und studierte Philosoph nie ein aalglatter Karrierist war, zeigt sich an einer Episode, die er in Limburg unverblümt erzählte. Der Arbeitsminister weilte bei einem Auslandsbesuch in der chilenischen Hauptstadt Santiago und traf auf den gefürchteten Diktator Augusto Pinochet. Blüm hatte den Mut, ihm ins Gesicht zu sagen, dass er sich irgendwann vor Gott für die Morde an den vielen Menschen rechtfertigen müsse und Gott kein Verständnis für ihn haben werde. Pinochet zischte: „Das sagt einer aus einem Land, wo es Konzentrationslager gab.“ Norbert Blüm: „Ich sage es genau darum.“ Pinochet wollte ihn linken, sagte, er werde 16 zum Tode Verurteilte freilassen, wenn Deutschland sie aufnehme. „Er wusste genau, Franz-Josef Strauß macht das nicht mit“, erzählte Blüm.

Der wollte Blüm dann auch im Bundestag austricksen und meinte, er solle doch als Letzter für die Union reden, damit sein Wort mehr Gewicht habe. Als es dann so weit war, hieß es aber, dass die Redezeit aufgebraucht sei. „Mit mir macht man solche Spielchen nicht, ich rede jetzt“, sagte der Minister. Die Grünen halfen Blüm („Ich war der Vorreiter von Schwarz-Grün“) und schenkten ihm die letzten fünf Minuten ihrer Redezeit. Blüms Ansprache bewegte den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) so, dass er die Chilenen aufnahm.

Die Geschichte geht aber noch weiter. Jahre später war Blüm wieder in Santiago und schlenderte mit seiner Frau durch eine Markthalle. Ein Mann blieb verblüfft stehen, fragte: „Sind Sie Norbert Blüm?“ Als der „linke Konservative“, wie Blüm sich selbst nennt, bejahte, fiel der Mann ihm um den Hals und weinte. „Ein Irrer“, dachte der Politiker. Doch Louis sagte, dass er einer der 16 sei, denen Blüm das Leben gerettet hat. „Seitdem erzählt Louis jedem Deutschen, den er in Santiago in der Markthalle trifft, er solle Norbert Blüm von ihm grüßen. „Und jeder, der mir das dann schreibt, glaubt, er sei der Erste“, erzählte Blüm lächelnd.

Er wurde dann aber auch energisch: „Wenn 500 Millionen wohlhabende Europäer es nicht schaffen, zehn Millionen Flüchtlinge aufzunehmen, ja dann können wir den Laden dichtmachen.“ Er sagte, das Leid anderer zu ignorieren bringe nichts. Denn wenn das Elend auf anderen Kontinenten zu groß werde, dann werde die Masse die Grenzzäune überrollen, und keiner werde sie aufhalten.

Blüm als Verfechter des europäischen Gedankens findet es schlimm, dass der Nationalismus in Europa in starker Form zurückgekehrt ist. „Wenn die heutige polnische Regierung damals hätte entscheiden können, dann wäre Jesus als Flüchtling ermordet worden“, ist er sich sicher. In Deutschland plädiert er dafür, die AfD nicht mit Taschenspielertricks auszugrenzen, sondern sie in der Diskussion zu stellen. Er wünscht sich, dass sich den Nationalisten eine Bewegung entgegenstellt, die den europäischen Gedanken hochhält.

Blüm würde sich auch statt ständiger Unzufriedenheit mehr Dankbarkeit der Bürger wünschen, dass sie seit über 70 Jahren in Frieden und Wohlstand in Deutschland leben könnten. Er berichtete von seiner Todesangst in Rüsselsheim im Zweiten Weltkrieg als kleiner Bub, als wenige hundert Meter neben ihm, seiner Mutter und seinem Bruder die Bomben fielen.

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