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Alkohol ist in unserer Gesellschaft hoch angesehen und wird daher auch immer wieder an Weihnachten verschenkt. Für Suchtkranke kann das aber äußerst gefährlich sein.

Interview zum Thema Sucht

Experte warnt: Alkohol ist als Notgeschenk ungeeignet

Die meisten Menschen freuen sich auf Weihnachten und erwarten optimistisch das neue Jahr. Es gibt aber auch Menschen unter uns, die mit Angst und Unsicherheit auf die nahenden Festtage blicken, weil sie ihnen zum Verhängnis werden können. Für Suchtkranke sind es häufig Krisentage. Die einschlägigen Selbsthilfegruppen in der Region wissen das und warnen davor, labilen Mitmenschen alkoholische Getränke zu schenken. Unser Mitarbeiter Dieter Fluck hat mit Manfred Hurt, dem Vorsitzenden des Kreuzbundes Limburg, darüber gesprochen.

Herr Hurt, wann lauern die Gefahren, in eine Sucht abzugleiten?

MANFRED HURT: Die Gefahr besteht das ganze Jahr über. Einsamkeit, Arbeitsdruck, familiäre Probleme, aber auch Geselligkeit am Wochenende mit häufig unkontrolliertem Alkoholgenuss sind häufige Fallen. Gefährdet sind Menschen, die Glücksmomente nur mit Hilfe von Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen erleben. Mehr und mehr dreht sich ihr Leben dann um diese vermeintlichen Glücksbringer, die sie dann versuchen, mit härteren Hilfsmitteln zu steigern.

Manfred Hurt (64) ist Ansprechpartner beim Kreuzbund in Limburg. Er kennt die Suchtproblematik aus eigener Erfahrung.

Ist das jetzt zu Weihnachten und Silvester besonders schlimm?

HURT: Das beginnt schon im November, wenn Totensonntag, Schmuddelwetter und lange Abende aufs Gemüt drücken. Der verführerische Geruch von Glühwein, der auf Advents- und Weihnachtsmärkten in die Nase steigt, lässt den einen oder anderen einknicken, und an Silvester heißt es dann „ein Gläschen Sekt das macht doch nichts“. Oft weiß man nicht, was man schenken soll. Als Notgeschenk wird nicht selten in letzter Minute ein guter Cognac aus dem Regal geholt. Alkohol ist in unserer Gesellschaft hoch angesehen und hat eine große Lobby. Gefährdete Mitmenschen wollen dann keine Spaßbremse sein und begeben sich in eine gefährliche Spirale.

Muss man als labiler Mensch jedem Vergnügen entsagen?

HURT: Um Gotteswillen, nein. Wir besuchen mit unseren Selbsthilfegruppen auch den Christkindelmarkt, wagen als gesicherte Gruppe den Härtetest. Wir wissen ja von uns allen die plagenden Probleme und halten zusammen. Wenn keiner trinkt, fällt es allen leichter. Wir organisieren Familientage, auch Kegelabende und beweisen jedes Mal, dass wir ohne Alkohol feiern können. Eine Alkoholikerin, die zu uns kam, sagte: „Ich kann nicht zum Kegeln mitkommen, ich bekomme Angst, durch die Wirtschaft zu gehen.“ Wir haben sie in die Mitte genommen, an der Theke vorbei gelotst und ihr so ihre Berührungsangst genommen.

Und was machen die Gefährdeten zum Beispiel an Fastnacht, wenn die Gruppe nicht zusammensteht?

HURT: Dann verkriecht sich der größte Teil, bleibt zu Hause oder fährt in Urlaub und macht einen großen Bogen um das Geschehen. Jeder hat seine eigene Taktik; vor allem, wer noch nicht lange trocken ist. In Selbsthilfegruppen geben die alten Hasen ihre Erfahrungen weiter, wie man es selbst erfolgreich macht, dem Suchtdruck ein Schnippchen zu schlagen.

Info: Das ist der Kreuzbund

Der Kreuzbund ist ein Fachverband der deutschen Caritas, der als Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft Hilfe für Alkohol- und Medikamentenabhängige und Angehörige anbietet, und wurde 1896 von Pfarrer Josef Neumann gegründet. Schutzpatron ist St. Johannes der Täufer. Bundesweit ist der gemeinnützige Kreuzbund in 27 Diözesanverbände gegliedert. In Limburg treffen die fünf Gruppen zu regelmäßigen Terminen im Haus des Bezirkscaritasverbandes, Schiede 73, und im katholischen Teil des Gemeindezentrums in Blumenrod, Bodelschwinghstraße, zusammen. Geistlicher Begleiter ist der Pallottinerpater Ludger Zewe. Detaillierte Infos zu den Treffen der Selbsthilfegruppen und deren Ansprechpartner sind unter www.kreuzbund-dv-limburg.de im Internet zu finden. Persönliche Auskünfte erteilt Manfred Hurt, Telefon: (0 64 31) 7 24 76 oder per E-Mail an info-limburg@kreuzbund-dv-limburg.de.

Was ist der erste Schritt, sich aus der Sucht zu befreien?

HURT: Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Viele kommen über Suchtkliniken zu uns. Wir vom Kreuzbund stellen dort unser Konzept vor. Bei mir war es so, dass mich der Arbeitsdruck und die Tretmühle in der Firma mürbe gemacht und zum Alkohol gebracht hat. Ich wollte nicht, dass mein Problem in der Firma auffällt und so habe ich über 18 Monate eine ambulante Therapie absolviert und bin begleitend in die Selbsthilfegruppe gegangen.

Da gibt es für viele Betroffene eine Hemmschwelle. Was tun sie dagegen?

HURT: Es wäre immer gut, den Gruppenleiter vorher mal anzurufen. Da sich die Info- oder Anfängergruppe im Caritashaus trifft, kommen auch hin und wieder Suchtkranke vom nahe gelegenen Brunnen am Bahnhofsvorplatz zu uns. Die erste Frage ist immer: „Wann hast du zum letzten Mal getrunken?“ Der größte Blödsinn ist es, in der Gruppe zu lügen. Das Vertrauen wächst mit jedem Besuch und damit beginnt die aktive Arbeit.

Der Kreuzbund ist ein katholischer Verband. Wer kann kommen?

HURT: Auch wenn wir Kreuzbund heißen, sind wir kein Betverein. Bei uns zählt der abstinente Weg und deshalb sind wir offen für alle Menschen, die direkt oder indirekt von einer Abhängigkeit betroffen sind oder sich in diesem Problemfeld engagieren wollen. Wir haben auch Hindus mit Alkoholproblemen und Muslime, von denen die meisten wegen ihrer Spielsucht kommen.

Gibt es unterschiedliche Gruppen?

HURT: Ja. Hier in Limburg machen wir fünf Angebote. Es gibt die Infogruppe. Da kann jeder hinkommen und beispielsweise der Frage nachgehen: „Bin ich überhaupt ein Alkoholiker und welche Probleme habe ich – Zittern, Schlafstörungen, Zeitdruck?“ Der Verbleib kann dort über 18 Monate dauern. Zudem gibt es zwei feste Gruppen. Dort sprechen Männer, Frauen und Angehörige miteinander, zumeist nach einer Rehamaßnahme. Wenn ein Rückfall passiert, wird das entweder in der Gruppe aufgearbeitet oder der Betroffene geht gleich in eine neue Reha. Wir haben eine reine Frauengruppe und die „Smily Kids“. Hier treffen sich Kinder mit oder ohne ihre suchtkranken Eltern, um separat über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen. Nach dem Reden folgt eine Meditation für die Kinder, dann dürfen sie toben und mit ihren Eltern zusammen sein. Bei Bedarf bieten wir einen Gesprächskreis für Angehörige an.

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