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Peter Schreiber, hier in der Limburger Stadthalle, will bei der Kulturvereinigung einiges verändern.

Vorsitzender der Kulturvereinigung

Peter Schreiber: "Wir müssen umdenken"

Die Kulturvereinigung Limburg kämpft seit Jahren mit sinkenden Besucherzahlen. Die Qualität stimmt, sagt Vorsitzender Peter Schreiber. Die schlechte Auslastung liege an den veränderten Ausgehgewohnheiten und daran, wie die Angebote des Vereins wahrgenommen würden. Unsere Redakteurin Eva Jung hat mit ihm darüber gesprochen, wie es in Zukunft weitergehen soll.

Herr Schreiber, wo engagiert sich die Kulturvereinigung?

PETER SCHREIBER: Der Konzertbereich und der Theaterbereich sind unsere großen Themen. Es gibt die Limburger Meisterkonzerte mit sechs und die Theaterabende mit sieben Veranstaltungen im Jahr in der Stadthalle. Wir sind dort sehr zufrieden, allerdings ist der Raum manchmal zu groß, weil wir nicht immer so viel Publikum haben.

Für die Theaterabende und die Meisterkonzerte verkaufen Sie auch Abos. Wie viele sind das zurzeit?

SCHREIBER: Im Theaterbereich haben wir momentan 300 Abonnenten, im Musikbereich etwa 200.

Die Zahl der Abonnenten ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken.

SCHREIBER: Die Abozahlen gehen überall sehr zurück. Das hängt mit einem geänderten Verhalten des Publikums zusammen. Die Leute entscheiden heute eher spontan, ob sie ins Konzert gehen.

Sind Theater und Musik gleichermaßen betroffen?

SCHREIBER: Im Theaterbereich sind die Abos zwar auch zurückgegangen, aber die Besucherzahlen haben sich in den vergangenen Jahren stabilisiert oder sind sogar etwas gestiegen. Wir haben zum Beispiel versucht, Klassiker in Anlehnung an die Lehrpläne der allgemeinbildenden Schulen anzubieten. Das funktioniert sehr gut, und wir haben manchmal ganze Leistungskurse bei uns sitzen.

Sprechen Sie sich mit den Schulen ab?

SCHREIBER: Natürlich. Wir machen dafür auch ganz gezielt Werbung. Der große Vorteil im Theaterbereich ist, dass wir da die einzigen professionellen Anbieter sind.

Und im Musikbereich?

SCHREIBER: Im Musikbereich gibt es sehr viele Konzerte ganz unterschiedlicher Art. Die Chorszene in Limburg ist sehr ausgeprägt, es gibt sehr gute Kirchenkonzerte. Man kann ständig Konzerte besuchen. Ich denke, dass schon noch ein konzertinteressiertes Publikum da ist, sich dieses Publikum aber genau überlegt, in welche Veranstaltung es gehen möchte.

Entscheiden die Leute nur nach dem Namen des Musikers oder Ensembles?

SCHREIBER: Zum Teil ist die Offenheit nicht da, etwas Neues kennenzulernen oder auch in eine Veranstaltung zu gehen, wenn man den Namen des Ensembles nicht kennt. Wir hatten Mitte April das Neo-Barock-Ensemble hier, Echo-Klassik-Preisträger, das war wirklich ganz hervorragend, und alle, die da gewesen sind, haben gesagt, so etwas Schönes hätten sie noch nie gehört. Nur es waren halt zu wenige da. Etwa 200 Besucher – das ist für den großen Saal der Stadthalle einfach zu wenig.

Wie lässt sich das Raumproblem lösen?

SCHREIBER: Man müsste für Kammerkonzerte eine intimere Atmosphäre finden. Da gibt es zurzeit viele Gespräche. Solche Veranstaltungen würde ich gerne im kleinen Saal der Kohlmaier-Halle machen und vielleicht noch die Anna-Kirche dazunehmen.

Große Namen gab es in dieser Saison aber auch in Limburg. Martin Stadtfeld, Christoph Soldan … Waren da die Reihen voll?

SCHREIBER: Martin Stadtfeld ist ein großer Name, außerdem kommt er aus der Gegend. So ein Konzert müsste eigentlich ausverkauft sein. Es waren mehr Leute da als sonst, aber es war nicht ausverkauft. Ich glaube, man nimmt die Veranstaltungen der Kulturvereinigung einfach nicht wahr. Man kommt einfach nicht darauf, in die Stadthalle zu gehen.

Weil einem Besuch der Stadthalle etwas Provinzielles anhaftet?

SCHREIBER: Ich bekomme oft zu hören: Wenn das in Limburg ist, dann kann das ja nichts Hochkarätiges sein. Wir haben erstklassige Profiorchester im Programm. Der Trompeter Gabor Boldoczki, der im Juni bei den Weilburger Schlosskonzerten auftritt, war auch bei uns. Dort spielt er mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim, die kommen im September auch nach Limburg. Wir haben das alles hier, aber es wird nicht wahrgenommen, weil jeder denkt, das kann in Limburg doch eigentlich nicht sein. Die Konzerte sind super, die Leute, die da sind, sind begeistert. Aber es sind einfach zu wenige.

Also ist die Qualität der Veranstaltungen kein Thema.

SCHREIBER: Die Veranstaltungen der vergangenen Jahre waren allesamt professionell – und beeindruckend. Roger Willemsen hat zum Beispiel aus seinen Karl-May-Gedichten in Limburg gelesen. Willemsen – noch so ein großer Name. Da müsste die Stadthalle doch voll sein. War sie aber auch nicht.

Welcher Etat steht für das Programm der Kulturvereinigung zur Verfügung?

SCHREIBER: Wir haben im Konzertbereich etwa 40 000 Euro, im Theaterbereich etwa 55 000 Euro.

Kann an der Stellschraube „Ticketpreise“ noch gedreht werden?

SCHREIBER: Mit den Preisen sind wir unschlagbar. Ermöglicht durch den Zuschuss der Stadt Limburg, gibt es bei uns sechs Konzerte für unter 100 Euro. Wir haben immer versucht, uns an den Preisen für eine Kinokarte zu orientieren, damit sich das auch Menschen mit begrenztem Budget leisten können.

Andere Veranstalter holen ihr Publikum per Shuttlebus ab. Wäre das nicht eine Idee für Limburg, wo die Besucher auch immer älter werden?

SCHREIBER: Das ältere Publikum ist ja da. Das jüngere Publikum, das uns fehlt, braucht keinen Shuttlebus. Wir haben für das ältere Publikum einige Veranstaltungen auf Sonntagabend um 18 Uhr vorverlegt. Gerade im Winter sind viele froh, um halb neun aus einem Konzert zu kommen und nicht erst um halb elf. Das wird gut angenommen – übrigens manchmal auch von Familien. Aber wo sind die Jüngeren? Fahren die nach Wiesbaden? Nach Frankfurt?

Über sinkende Besucherzahlen berichten wir seit Jahren. Was ist seither passiert?

SCHREIBER: Wir sind vor zehn Jahren in der falschen Richtung aktiv geworden. Wir machen die Sachen, die wir machen, richtig. Aber wir machen nicht die richtigen Sachen. Anders ausgedrückt: Wir machen seit 60 Jahren das Gleiche, nur professioneller. Mehr Werbung, mehr Plakate, bessere Webseite, Präsenz in den sozialen Netzwerken – all das ist in den vergangenen Jahren passiert. Aber es hat nicht bewirkt, dass mehr Leute auf die Kulturvereinigung aufmerksam werden. Wir bieten gute Veranstaltungen, aber wenn die keiner wahrnimmt, machen wir etwas falsch.

Wie soll sich das in Zukunft ändern?

SCHREIBER: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir grundsätzlich etwas ändern müssen. Wir müssen versuchen, an der Organisationsform etwas zu ändern, um dieses sehr gute Angebot beibehalten zu können. Wir wollen nichts an den Veranstaltungen und der Qualität kürzen, sondern die Organisationsform ändern.

Was bedeutet das konkret?

SCHREIBER: Eine Idee wäre, die gut besuchten Orchesterkonzerte als Aboreihe mit drei Veranstaltungen und die kleineren Konzerte ausschließlich im freien Verkauf anzubieten. Dann sind wir viel freier in der Planung. Im Theaterbereich soll aber erst mal alles so bleiben.

Ab wann wäre eine solche Änderung möglich?

SCHREIBER: Wir werden die nächste Saison noch weitermachen wie bisher. Das liegt auch daran, dass die Verträge zwei Jahre im Voraus geschlossen werden. In der Saison 2019/20 wird sich aber etwas ändern.

Gibt es weitere neue Ideen?

SCHREIBER: Ich könnte mir einen Jazzfrühschoppen mit der Bigband des Limburger Jazzclubs an der Lahn vorstellen. Vielleicht auch eine Open-Air-Veranstaltung mit einem Kammermusikensemble im Walderdorffer Hof. Ich möchte das Ganze öffnen.

Verbreiten Sie noch etwas Aufbruchsstimmung, bitte.

SCHREIBER: Neues ist mit Risiken verbunden. Weitermachen wie bisher bedeutet weniger Arbeit. Es kann aber nicht so weitergehen. Wir werden so nicht weitermachen, das wird nicht funktionieren. Wir müssen umdenken. Und ich wünsche mir, dass es in der Gesellschaft weiterhin ein Interesse daran gibt, vor Ort am kulturellen Leben teilzunehmen.

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