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?Menschen helfen, in Würde zu altern?: Der Kern des Pflegegedankens gerät heute in vielen Heimen in den Hintergrund.

Betreuung

Interview mit Altenpfleger Marco Zips: „Pflege muss uns mehr wert sein“

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Die Pflege alter Menschen ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Viel zu wenige junge Leute wollen Pfleger werden. Marco Zips (22) aus Limburg schon. Warum, erklärt er im Interview mit Redakteurin Julia Bloching. Und er sagt auch, was sich in der Pflege aus seiner Sicht dringend ändern muss. Das hat er übrigens auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geschrieben.

Herr Zips, Sie haben direkt nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Altenpfleger gemacht. Wie kommt das bei Gleichaltrigen an, wenn ein 18-Jähriger sagt: „Ich will mit alten Menschen arbeiten“?

MARCO ZIPS: Das habe ich mich nie gefragt. Ich wusste schon nach einem dreiwöchigen Schulpraktikum, dass ich durch die Arbeit mit alten Menschen viel lernen kann. Alte Menschen haben viele Erfahrungen, können viel erzählen. Das gibt Mut, das kann auch in eigenen Krisen helfen. Mein Ziel ist es, Menschen auf ihrem letzten Lebensweg Gutes zu tun, sie in Würde altern zu lassen.

Das ist im Alltag eines Pflegeheims leider oft schwer umzusetzen. In einem Leserbrief an unsere Zeitung haben Sie einmal beklagt, dass „die Würde des Menschen im Krankenhaus und im Altenheim tagtäglich mit Füßen getreten“ wird. Woran liegt das?

ZIPS: Die Schuld daran darf man nicht bei den Pflegekräften suchen. Das größte Problem ist, dass die Pflege in Deutschland in vielen Fällen dem Geld unterstellt ist. Private Betreiber von Altenheimen erwirtschaften zweistellige Renditen. Die investieren sie dann aber nicht wieder zugunsten der Alten und der Pflegekräfte. Das heißt, sie verdienen auf deren Rücken viel Geld. Deshalb gehört Pflege meiner Überzeugung nach nicht in die Hände privater Anbieter.

Wer soll die Kosten dann tragen? Die Senioren selbst etwa und ihre Angehörigen?

ZIPS: Nein, bestimmt nicht. Deren finanzielle Ressourcen werden durch einen Heimaufenthalt häufig aufgefressen. Ihnen wird alles genommen, bis auf die Sozialhilfe. Pflege muss auf Kosten der gesamten Gesellschaft subventioniert werden. Pflege muss uns allen mehr wert sein.

Sie setzen Hoffnungen in den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU. Kurz nach seiner Ernennung im März haben Sie ihm einen Brief geschrieben und beklagt, dass die Maßnahmen der Politik für die Pflege seit zehn Jahren nichts als heiße Luft sind. Was hat er geantwortet?

ZIPS: Sein Sekretariat hat mir geantwortet und ist auch inhaltlich auf meine Kritik eingegangen. Mittlerweile hat Jens Spahn gezeigt, dass er durchaus ein Macher ist. Er hat das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz auf den Weg gebracht (siehe dazu Infokasten) . Das ist immerhin ein Anfang.

Info: Mehr Stellen, bessere Honorierung

Vor gut zwei Wochen hat der Bundestag das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) mit den Stimmen von Union und SPD beschlossen. Es soll zum 1. Januar in Kraft treten. Verschiedene Maßnahmen sollen den Arbeitsalltag von Pflegekräften sowie die Situation von Patienten und Pflegebedürftigen in Seniorenheimen und Krankenhäusern durch bessere Personalausstattung und Arbeitsbedingungen verbessern. Der Gesetzentwurf ist vom Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) auf den Weg gebracht worden. Auch die Oppositionsparteien begrüßen größtenteils das Gesetz als ein ersten wichtigen Schritt. Diakonie und Caritas sowie der Deutsche Pflegerat stellen sich hinter die Neuerungen, die das PpSG verspricht, auch wenn es in Detailfragen Bedenken gibt.

Die wichtigsten Eckpunkte des PpSG sind:

13 000 Stellen sollen in der stationären Altenpflege neu geschaffen und von der gesetzlichen Krankenkasse finanziert werden.

Um Pflegekräfte zu entlasten, wird die Digitalisierung gefördert.

Die ambulante Pflege, vor allem im ländlichen Raum, wird durch bessere Honorierung der Wegezeiten gestärkt.

Jede zusätzliche oder aufgestockte Pflegestelle soll vollständig von den Krankenkassen refinanziert werden.

Tarifsteigerungen für Pflegekräfte im Krankenhaus werden von den Kostenträgern refinanziert. Die zusätzlichen Finanzmittel sind für Pflegepersonal einzusetzen.

Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Heimen soll verbindlicher werden.

Die Finanzierung der Pflegepersonalkosten der Krankenhäuser wird ab 2020 umgestellt. Ein von Fallpauschalen unabhängiger „Pflegequotient“ soll dann die Pflegepersonalausstattung regeln.

(jub)

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