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So sieht ein Haushalt ohne Plastik aus: Christine ?arac hat auf Vorratsgläser umgestellt ? wie es einst auch Oma machte.

Müll vermeiden

Wie lebt man, ohne Müll zu produzieren? Ein "Zero Waste"-Selbstversuch

Ungefähr 600 Kilo Müll produziert der deutsche Bundesbürger im Jahr. Definitiv zu viel, findet unsere Mitarbeiterin Christine Šarac und macht mit ihrer Familie das Experiment „Zero Waste“, also möglichst müllfrei zu leben. Wo die Stolpersteine sind, wie man ungewollt Aufmerksamkeit bekommt und was das alles mit Opa und Oma zu tun hat, lesen Sie hier.

„Fünf Säcke!“, schreie ich entsetzt und denke noch, dass das ein Irrtum sein muss. Wie kann ein Haushalt mit vier Personen fünf gelbe Säcke voller Plastikmüll in vier Wochen produzieren? Aber da stehen sie, säuberlich aufgereiht vor der Haustür und warten auf die Abfuhr. Was für ein Wahnsinn, damit muss jetzt Schluss sein! Ich rufe meine Lieben zum Appell. „Schaut euch das an“, sage ich und deute pikiert auf unsere Hinterlassenschaften.

Mein Göttergatte zuckt mit den Schultern und meint: „Wird doch heute abgeholt.“ Doch das ist nicht der Punkt. „Das haben wir alles eingekauft. Weißt du eigentlich, dass sich Plastik nicht zersetzt, es wird nur kleiner und wird zu Mikroplastik und belastet unsere Umwelt“, erkläre ich meinem neunjährigen Sohn. Der schaut ganz betroffen. „Wir schließen jetzt einen Pakt“, sage ich feierlich. „Wir werden ab heute versuchen, so wenig Müll wie nur möglich zu produzieren und Plastik möglichst ganz zu vermeiden.“ Mein Neunjähriger ist Feuer und Flamme und ich glaube meinen Mann ein „ist gut“ knurren gehört zu haben.

"Zero Waste" heißt die Parole

„Zero Waste“ – Null Müll ist eine richtige Bewegung und ein Lifestyle geworden, seit die in Kalifornien lebende Bea Johnson ihn bekannt gemacht hat. Die 43-Jährige, ihr Mann und die beiden Söhne können den Müll eines ganzen Jahres in einem großen Marmeladenglas unterbringen. Und nur, um es vorweg zu sagen: Bea Jonson ist weder ein Freak, noch eine hornbebrillte Frau mit Dutt und Jute-Sandalen, sondern echt hübsch. Inzwischen gibt es überall auf der Welt Menschen, die ihrem Beispiel folgen und versuchen, keinen Müll zu produzieren. Das kann und das will ich auch, und meine Lieben müssen und werden mitziehen.

Die Plastiksünden

Leider neigt der Mensch dazu, sich selbst für besser zu halten als er ist. Da bin ich wohl auch keine Ausnahme. Als ich unsere Küche nach Plastiksünden durchforste, wähne ich mich auf der grünen Seite. Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd. Allein Tupperware füllt eine ganze Tasche, die zu allem Überfluss auch noch aus Plastik ist. Als ob das nicht schlimm genug wäre, kaufe ich offensichtlich immer wieder neues Plastik ein, wie mir der Inhalt unseres gelben Sackes deutlich vor Augen geführt hat. Hauptsächlich geht es da um eingeschweißte Lebensmittel wie Wurst und Käse, aber auch Joghurt. Alles, was jetzt noch an Lebensmitteln im Kühlschrank und in der Speisekammer ist, wird aufgebraucht, denn sinnloses Entsorgen macht die Welt auch nicht besser. Alles, was neu ins Haus kommt, wird jedoch hinterfragt.

Plastik aussortieren ? auch das gehört zum müllfreien Leben.

Die vielen Plastikschüsseln und andere Gerätschaften, von denen wir uns trennen wollen, werden auch nicht einfach entsorgt. Hier kommen die 5 R’s zum Einsatz, die Bea Johnson durch ihre Lebensweise bekannt gemacht hat: Refuse – verweigern, Reduce – reduzieren, Reuse – wiederverwenden, Recycle – wiederverwerten, Rot – kompostieren. Das heißt konkret, dass die Plastikschüsselchen entweder verschenkt, verkauft oder für etwas Neues verwendet werden. „Kann ich gebrauchen“, sagt zum Beispiel mein Göttergatte und schnappt sich eine Gefrierdose, um künftig dort kleine Schrauben aufzubewahren, und der Messbecher dient zum Anrühren von Zement. Mir soll es recht sein. Die Brotdose kann eine Nachbarin gebrauchen, denn der Enkel kommt im Sommer in die Schule. Ich freue mich ehrlich. So schmilzt der Plastikberg stetig dahin. Aber wie soll Einkaufen bei uns in Zukunft aussehen? Ich habe Stoffbeutel erstanden, da werden künftig Gemüse und Obst, die unbedingt eingepackt werden müssen, verstaut. Genauso Brot und Brötchen. Für Käse, Wurst und Fleisch habe ich eine verschließbare längliche Auflaufform – leider ist der Deckel aus Plastik, aber man muss auch Kompromisse eingehen können. Alles andere kommt in die guten alten Weck-Gläser. Ja, genau die Dinger, in die Oma immer eingemacht hat.

Wie bei Oma

Apropos Oma, mit dieser Generation sollten wir uns wirklich mehr unterhalten. Als meine Mutter nämlich von meinem neuen Projekt erfährt, sagt sie nur: „Ihr Jungen denkt immer, dass ihr alles neu erfindet. Aber hast du dich mal gefragt, wie wir das früher gemacht haben?“ Nee, eigentlich nicht, und das ist ein Fehler. Denn „Zero Waste“ hat ganz viel mit der Lebensweise unserer Großeltern zu tun. Die sind nämlich nicht dauernd losgerannt und haben eingekauft. Kleidung wurde geflickt und Kaputtes repariert. Wenn man etwas haben wollte, versuchte man zunächst, es selbst zu machen. Nur, wenn es gar nicht anders ging, wurde drauf gespart und etwas Neues angeschafft. Und dann war man stolz wie Bolle, wenn man es besaß.

An der Käsetheke

Einkaufen auf die umweltfreundliche Art: Auf den Wochenmarkt geht unsere Reporterin nur noch mit Korb.

Mein erster müllfreier Einkauf war aber dann doch nicht so reibungslos, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Wer Aufmerksamkeit braucht, muss nur mal im Supermarkt mit Netz und Dose shoppen. Die Leute gucken, die Kassiererin wundert sich, macht aber keine Schwierigkeiten. Ich habe sogar den Eindruck, es macht ihr Spaß in die Beutel zu lunsen und sich zu fragen, was da wohl drin sein könnte. Eine Abfuhr kassiere ich allerdings an der Fleisch- und Käsetheke im Bio-Supermarkt. „Das dürfen wir nicht, das verstößt gegen die Lebensmittelvorschriften und hat hygienische Gründe“, so die Auskunft des Personals. Es stimmt aber nicht. Die EU spricht in ihrer Lebensmittelverordnung kein klares Verbot aus. Der Haken ist allerdings, dass der Behälter nicht in den Hygienebereich des Ladens darf.

Nächster Halt: Wochenmarkt. „Da rein?“, fragt die Verkäuferin am Käse-Stand, als sie meinen Behälter sieht. Ich nicke, und das war’s auch schon – keine Diskussionen. Auch beim Bio-Bäcker läuft alles unproblematisch. Meinen Kaffee bekomme ich in meinen mitgebrachten Thermobehälter gefüllt und spare sogar noch 10 Cent, denn ich verursache ja keine Kosten für den Pappbecher. Brot und Brötchen verschwinden im Jute-Beutel. „Das kommt uns auch entgegen, wenn wir weniger Tüten brauchen“, betont die Verkäuferin.

Baustelle Badezimmer: So ganz ohne Plastik geht es hier nur schwer ? das liegt vor allem an der Verpackung der Kosmetikartikel.

Richtig herausfordernd wird die Sache allerdings im Badezimmer, wie es scheint, dem natürlichen Lebensraum von Plastik. Nicht nur, dass vom Shampoo bis zur Tagescreme nahezu alles in Plastik verpackt wird, auch bei Bio-Marken gibt es kaum Alternativen. Außer selber machen: Das ist meistens gar nicht so schwer, wie es sich anhört. Wo bei einem selbst die Schmerzgrenze liegt, muss jeder selbst entscheiden. Manchmal stellen wir auch fest, dass wir ganz gut verzichten können – in meinem Fall bei dekorativer Kosmetik.

Doch es sind ja immer die kleinen Dinge, die einem das Genick brechen. Bei Toilettenpapier hört der Spaß auf. Nachdem unsere Vorräte zur Neige gehen, mache ich mich auf die Suche nach einer möglichst verpackungsfreien Lösung. Nichts. Keine Drogerie und kein Supermarkt, in dem ich nicht gewesen wäre. Aber es bietet sich immer das gleiche Bild von eingeschweißten Rollen. Mein Mann, der Held, meinte angesichts meiner Verzweiflung nur: „Schatz, ich baue dir ein Bidet.“ Und mein Sohn Luka versucht mich zu beruhigen mit den Worten: „Im Notfall nehmen wir halt Blätter.“ Zum Glück werde ich im Internet fündig und stoße auf zwei findige junge Unternehmer, die Toilettenpapier aus Bambus in Karton verpackt produzieren. Noch mal Glück gehabt.

Hände weg vom Spielzeug

Auch Sohnemann Luka (9) ist tapfer bei der Sache und nimmt Flaschen und Dosen aus Edelstahl mit in die Schule.

Es freut mich sehr zu sehen, wie engagiert mein Neunjähriger bei der Sache ist. Auf die Frage eines Freundes, warum er keine bunte Brotzeitdose aus Plastik mehr mit in die Schule bringt, sagt er ganz selbstbewusst: „Weil Plastik nicht verrottet und irgendwann haben das die Tiere dann im Bauch, und das will ich nicht.“ Nur seine Playmobil-Römer und die Galeere will er nicht hergeben. Da stand er am ersten Tag unseres „Zero Waste“-Experimentes mit ausgebreiteten Armen in der Kinderzimmertür: „Hände weg vom Spielzeug, Mama!“ So ein Hardliner bin ich nicht, man muss Kindern die Wahl lassen. Aber es wird kein neues Plastikzeug angeschafft, da bleibe ich hart. „Zero Waste“ hat aus Luka und mir außerdem begeisterte Flohmarktgänger gemacht. Seinen Wecker, der sowieso viel zu laut tickte und der – man ahnt es schon – aus purem Plastik besteht, hat er ganz kreativ abgeschafft.

Nach sechs Wochen „Zero Waste“ gehört an diese Stelle jetzt wohl ein Fazit, ein Resümee. Kein Problem. Schwierig ist nur, jetzt nicht als Oberlehrer mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen. Denn es ist ja nicht so, dass diejenigen, die nicht „Zero Waste“ leben, böse sind. Tatsache ist, keine meiner bisherigen Reportagen hat mich so nachdenklich gestimmt, wie diese. Das mag auch daran liegen, dass sie mir nur allzu deutlich vor Augen geführt hat, wo ich bisher nicht nur Geld, sondern auch Ressourcen verschwendet habe. Wir kommen mit nichts in diese Welt und so verlassen wir sie auch wieder, das ist kein Geheimnis. Die Frage ist nur, was wir zurücklassen. In meinem Fall soll es kein riesiger Müllberg sein. Ich wollte es nur gesagt haben.

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