Sondereinheit gebildet

Die Polizei rüstet am Bahnhof auf

  • Joachim Heidersdorf
    VonJoachim Heidersdorf
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Mehrere Massenschlägereien am Limburger Bahnhof haben die Bevölkerung beunruhigt – und die Ordnungskräfte alarmiert. Die Polizei will jetzt mit einer Sondereinheit und noch mehr Präsenz in diesem Gebiet dafür sorgen, dass die Bürger sich dort wieder sicherer fühlen.

. „Boa“ sagen junge Leute, wenn sie über etwas staunen. BAO sagen Polizisten, wenn sie über die Sondereinheit der Direktion sprechen. Die Versalien stehen für „Besondere Aufbau-Organisation“ und dahinter folgt der Zusatz Bahnhof. Der Wunsch der Mitarbeiter ist es, dass die Bürger bald über ihre Erfolge staunen. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Öffentlichkeit von ihrer Arbeit überhaupt nichts erfährt – weil es dann ruhig wäre am Bahnhof und niemand mehr über wiederholte Massenschlägereien staunt. Das ist das Ziel der Aktion.

In der Polizeidirektion am Offheimer Weg kümmern sich nun fünf Beamte ausschließlich um die Sicherheit am Limburger Bahnhof, wo in Spitzenzeiten bis zu 15 Ordnungskräfte patrouillieren. Außerdem ist der Polizeiposten am Bahnhof länger besetzt. Bis mindestens 21 Uhr (früher bis 18 Uhr) wird von dort aus auch die Videoanlage überwacht, die ein blitzschnelles Eingreifen ermöglicht.

„Wir tun alles, was wir können“, sagte Polizei-Chefin Madlen Weyhrich gestern in einem Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber wir wissen auch, dass dies vielen Menschen nicht genug ist.“ Das subjektive Sicherheitsgefühl zahlreicher Bürger habe natürlich unter den gewalttätigen Vorfällen am Bahnhof stark gelitten. Dabei sei die Wahrscheinlichkeit nach wie vor sehr gering, dass dort „normale“ Passanten Opfer einer Straftat würden.

Kampf von Drogenbanden

Wer und warum sich am Bahnhof prügelt, ist den Polizisten allerdings trotz umfangreicher Ermittlungen immer noch nicht ganz klar. „Wir haben das Problem, dass weder Opfer noch Täter mit uns reden“, erklären Kripo-Chef Thomas Ernst und BAO-Leiter Franz-Josef Werner. „Beide Seiten mauern.“ Die meisten Beteiligten wollten nichts sagen, andere könnten es aber auch nicht. „Viele waren stark betrunken oder erheblich unter Drogeneinfluss“, berichten die Kommissare.

Mehrere Angreifer hätten mit Hilfe der Bilder der Videoschutzanlage überführt werden können, doch die Hintergründe blieben im Dunkeln. Aufgrund der Tatsache, dass bei den beiden ersten Massenschlägereien im Februar Afghanen und Türken aufeinander losgegangen waren, geht die Polizei von einem Verteilungskampf von Drogenbanden aus. Diese These wird durch das Ergebnis von Personenkontrollen gestützt: Bei Durchsuchungen finden die Beamten laut Ernst und Werner regelmäßig Rauschgift.

Nach ihren Angaben gibt es allerdings auch immer wieder „ganz banale Anlässe“ für eine Auseinandersetzung. So seien auch Konflikte aus der Schule am Bahnhof mit Fäusten und Füßen fortgesetzt worden, weil sich die Streithähne dort zufällig begegnet seien, teilweise in Begleitung von Stärkeren.

„Egal, was dahinter steckt: Wir dürfen es nicht zulassen, dass Personen in der Öffentlichkeit aneinandergeraten“, betont Madlen Weyhrich. In der Polizeidirektion sind jetzt fünf Beamte damit beschäftigt, Maßnahmen zu koordinieren und abzuwickeln. Die Mitarbeiter stimmen sich auch mit anderen Behörden ab; dazu zählen das Ordnungsamt, das Ausländeramt, die Staatsanwaltschaft und das Gericht.

An Einsätzen ist die „BAO Bahnhof“ nicht beteiligt. In Spitzenzeiten sind nach Angaben von Weyhrich bis zu 15 Ordnungskräfte rund um den Bahnhof präsent, manchmal aber auch lediglich ein oder zwei Streifen. Und gelegentlich kann es auch künftig passieren, dass niemand da ist, so die Chefin, weil die Beamten gerade wegen einer Straftat woanders sein müssen.

„Hundertprozentige Sicherheit kann es leider nicht geben“, sagt Madlen Weyhrich. Sie und ihre Kollegen appellieren deshalb eindringlich an die Bevölkerung, bei verdächtigen Vorfällen sofort die Polizei zu alarmieren: entweder über die Station, Telefon:  (064 31) 91 400, oder über den Notruf 110.

Die Bilanz der vergangenen drei Wochen: Die Beamten kontrollierten am Bahnhof mehr als 160 Menschen und stellten 25 Strafanzeigen, größtenteils wegen Drogendelikten. Hinzu kommen zahlreiche Ordnungswidrigkeiten, weil Personen beispielsweise Messer, Schlagringe und Pfefferspray dabei hatten.

(hei)

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