Tod in Obdachlosenunterkunft

"Pollackentango" im Gericht

  • VonBernd Bude
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Der Mordprozess gegen zwei Männer im Alter von 43 und 22 Jahren begann gestern mit zwei Premieren. Der ältere der beiden Männer wollte sich wegen Magen- Darmbeschwerden krank melden, bekam dann aber kurzerhand einen Eimer unter die Anklagebank geschoben. Der 22-Jährige erschien mit neu gestylter Irokesenfrisur.

Die Richter der 2. Schwurgerichtskammer am Limburger Landgericht beleuchteten am Freitag im Verlauf der Sitzung den rechtsradikalen Hintergrund der beiden des Mordes angeklagten Männer. Sie sollen in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 2014 den Schwarzafrikaner „Charles“ in dessen Zimmer in der städtischen Obdachlosenunterkunft in der Brückengasse unter starkem Alkoholeinfluss tot geprügelt zu haben. Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Herrchen wirft ihnen einen Mord aus niedrigen Beweggründen – in diesem Fall, Fremdenfeindlichkeit – vor.

Die Vorsitzende, Landgerichts-Vizepräsidentin Karin Walter, verlas zunächst den Text des „Pollackentangos“ der Gruppe Landser. Dies ist offenbar eines der Lieblingslieder der Angeklagten, denn fast alle Zeugen erklärten, dieses Stück sei bei Zusammenkünften der Männer und ihrer Freunde immer wieder gehört worden.

„In die Brust petzen“

In dem diskriminierenden Text über polnische Staatsbürger deuten die Verfasser an, dass sie es gutheißen würden, wieder in Polen einzumarschieren.

Mehrfach spielte die Kammer gestern zwei CDs mit Aufzeichnungen von zwei Gesprächen ab. Zum einen den aus der Brückengasse abgesetzten Notruf an die Feuerwehr-Leitstelle: Der dritte Tatverdächtige, der sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen und mit dem 43-jährigen Angeklagten als Haupttäter gegolten hat, sagte: „Ich brauche einen Notarzt. Ein Kollege liegt im Bett, und wir wissen nicht, was mit ihm los ist. Er kam leicht demoliert nach Hause und ist die Treppe heruntergefallen. Ob er noch atmet, weiß ich nicht.“

In der Leitstelle gab man dem Mann den Rat, sich dem Hilflosen zu nähern und ihm in die Brust zu petzen. Nachdem der Anrufer dies gemacht hatte, meldete er, dass sich der Mann nach wie vor nicht rühren würde. Dies war das Signal für die Leitstelle, einen Rettungswagen in Bewegung zu setzen.

Eine Zeugin, die sich offenbar nebenan in einem Zimmer aufhielt, in dem Rumänen untergebracht waren, hatte kurz nach der Tat ihre Freundin angerufen. Aus dem auf Anrufbeantworter aufgezeichneten Gespräch, das nur mit sehr viel Mühe zu verstehen war, ging hervor, dass drei stockbesoffene Männer auf ihr Opfer losgegangen seien und auf es eingeschlagen hätten. „Ich habe auch noch eine abbekommen. Charles wollte doch nur den Hund eines der Bewohner streicheln und nicht schlagen, wie die anderen angenommen haben“, sagte die Frau.

Video-Vernehmung

Abschließend gab die Vorsitzende Richterin Karin Walter bekannt, dass über das Bundeskriminalamt (BKA) ein Rechtshilfeersuchen nach Rumänien mit dem Ziel gestellt wurde, einen der rumänischen Bewohner der Brückengasse, der sich wieder in seiner Heimat befindet, per audiovisueller Vernehmung zu hören. Diese Vernehmung erfolgt am Freitag, 12. Juni, 17 Uhr, dem nächsten Verhandlungstag.

(bb)

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