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Wer über das Sicherheitsgefühl in Limburg spricht, kommt um den Bahnhofsplatz nicht herum: Vor allem hier fühlen sich die Limburger unsicher. Professor Gerhard Schmelz aus Runkel-Ennerich hat das in einer repräsentativen Studie ermittelt.

Interview

Professor Gerhard Schmelz: "Polizei ist chronisch unterbesetzt"

Die Limburger waren schon einmal deutlich zufriedener mit ihrer Polizei. Polizei-Experte Professor Gerhard Schmelz wundert das nicht. Im Gespräch mit dieser Zeitung beklagt er: „Die Polizei kann sich aus personellen Gründen weniger um die Bürger kümmern, als sie müsste.“ NNP-Redakteur Stefan Dickmann sprach mit ihm über Kriminalitätsopfer, die keine Strafanzeige stellen, die Angst vor Migranten und falsch interpretierte Kriminalstatistiken.

„Keine Erfolgsaussichten“, „Interessiert keinen“, „Passiert eh nix“: Das sind, wie aus Ihrer Studie über das subjektive Sicherheitsgefühl der Limburger hervorgeht, nur einige der frustrierten Antworten von Opfern einer Straftat, die keine Anzeige erstattet haben. Warum vertrauen viele Opfer nicht mehr der Polizei?

GERHARD SCHMELZ: Die Zufriedenheit mit der Polizei hat in Limburg über die Jahre deutlich abgenommen. In einer vergleichbaren Studie im Jahr 2010 gaben 66,5 Prozent der befragten Limburger an, mit der Polizei zufrieden zu sein, in der 2017 durchgeführten Befragung waren es nur noch 50,5 Prozent. Die Polizei kann sich aus personellen Gründen weniger um die Bürger kümmern, als sie es müsste. Diese chronische Unterbesetzung bei steigenden Anforderungen hat zu derartigen Defiziten geführt, so dass sich Bürger und Bürgerinnen zu Recht nicht mehr hinreichend sicher und teils sogar nicht mehr ernst genommen fühlen. Dies ist sehr bedauerlich, da sich Polizeibeamte und -beamtinnen weit überdurchschnittlich engagieren und es sicherlich nicht verdient haben, in Anbetracht ihres schweren Dienstes auch noch das Vertrauen der Bevölkerung zu verlieren. Das hat die Politik wohl endlich erkannt, wenn auch sehr spät. Zum Teil liegt der Verzicht auf eine Anzeige aber auch an den Straftaten und den Opfern selbst: Das sind in der Regel sogenannte Massendelikte wie Unterschlagung, Betrug, Trickdiebstähle, aber auch Straftaten wie Körperverletzung und Sexualdelikte. Viele Opfer von Sexualdelikten möchten nicht darüber reden und machen das leider mit sich selbst ab.

Es gibt also zu wenig Polizisten in Limburg und im Landkreis?

SCHMELZ: Ein ganz klares Ja! Die Polizei ist – wie bereits angesprochen – generell chronisch unterbesetzt, nicht nur in Limburg! Da haben sich allein in Hessen inzwischen fast drei Millionen Überstunden angehäuft. Außerdem kann es einerseits als ein politischer Fehler gesehen werden, dass Polizei allgemein zu stark zentralisiert wurde, wenn es auch andererseits schwerwiegende Kriminalitätsbereiche gibt, die wiederum effektiver und effizienter zentral bearbeitet werden müssen, zum Beispiel Banden-, Wirtschafts- oder Organisierte Kriminalität. In jedem Fall ist aber ein guter und vertrauensvoller Kontakt zum Bürger für die polizeiliche Arbeit essenziell. Dieser Part der polizeilichen Arbeit wird künftig deutlich mehr Beachtung finden. Denn die Folgen einer bürgerfernen Polizei sind eindeutig: Die Bürger fühlen sich immer unsicherer. Dabei braucht die Polizei einen sehr guten Kontakt zu ihnen. Schließlich werden die meisten Straftaten durch oder mit den Bürgern aufgeklärt. Es kann nicht sein, dass jemand bei der Polizei einen Einbrecher meldet und zu hören bekommt, dass erst in einer Stunde ein Streifenwagen geschickt werden kann, weil zum Zeitpunkt dieses Anrufs alle verfügbaren Streifenfahrzeuge im Einsatz sind. Das ist sowohl für den Bürger als auch für die Polizei frustrierend.

Wie viele Polizisten brauchen wir?

GERHARD SCHMELZ: Klar ist, dass sich das Betreuungsverhältnis Bürger – Polizei regional unterschiedlich darstellt. In Städten ist grundsätzlich ein intensiveres Betreuungsverhältnis erforderlich als auf dem flachen Land, weil in den Städten aufgrund der dort vorhandenen Tatgelegenheitsstrukturen schlicht mehr Straftaten begangen werden. Bereits vor etlichen Jahren hat die Politik und, soweit es mir in Erinnerung ist, auch in Abstimmung mit der Fachebene und den Gewerkschaften einen Betreuungsschlüssel festgelegt, wonach allgemein auf 400 Bürger mindestens ein Polizist kommen soll. Dies war allerdings zu einer Zeit, als das polizeiliche Aufgabenfeld bei weitem nicht das heutige Ausmaß erreicht hatte. Das heißt, allein um die Stadt Limburg mit 35 000 Einwohnern müssten sich rund 90 Polizisten kümmern. Wenn ich auf den Landkreis Limburg-Weilburg schaue, sind es insgesamt 450 Polizisten. Meiner Meinung nach ist dieser Betreuungsschlüssel inzwischen sogar veraltet. Eigentlich bräuchten wir heute in Anbetracht der angeführten Mehraufgaben eher ein Verhältnis von 350:1 oder sogar 300:1. Dabei wird allerdings der Anteil der Wachpolizei und gegebenenfalls auch des Freiwilligen Polizeidienstes zu berücksichtigen sein.

Welche Ergebnisse haben Sie bei Ihrer Studie am meisten überrascht?

SCHMELZ: Ganz eindeutig: wie sich das Sicherheitsgefühl der Limburger Bürger in den vergangenen sieben Jahren verändert hat. Es ist katastrophal schlechter geworden! 2010 fühlten sich noch rund 80 Prozent der Limburger Bürger in ihrem Wohnbereich wohl, damals zeichnete sich sogar ein positiver Trend ab. Das hat sich in der Untersuchung 2017 komplett gedreht. Das Gefühl der Unsicherheit überwiegt jetzt eindeutig, wobei sich das subjektive Sicherheitsgefühl in der Kernstadt und in den Stadtteilen teils sehr unterschiedlich darstellt. Die zweite Überraschung war für mich: Fast alle Ergebnisse hatten wir bereits 2010, allerdings nicht in dieser Nachhaltigkeit. Schon damals war der Limburger Bahnhof ein Hotspot, ein Ort, wo sich bestimmte Kriminalitätsfaktoren fanden wie zum Beispiel Drogenhandel. Obdachlose oder Drogen- und Alkoholabhängige rufen bei den Bürgern immer ein Unwohlsein hervor. Das hat nun sieben Jahre später allerdings eine deutliche Potenzierung erfahren.

Was sind die Gründe dafür?

SCHMELZ: Das Gefühl von Unwohlsein und auch Angst hat etwas mit dem Klientel auf dem Bahnhofsplatz zu tun. Im Fokus der befragten Bürger stehen dabei eindeutig Migranten und Asylanten, vor allem junge Männer. Wenn diese Menschen sich dort treffen, empfinden das viele der Befragten als fremd und unangenehm. Vor allem junge Frauen fühlen sich abends und nachts extrem unsicher auf dem Bahnhofsplatz. Der Trend in der Studie ist eindeutig gegen diese jungen, männlichen Migranten gerichtet. Da gibt es keinen Zweifel. Das hat sicherlich etwas mit der Flüchtlingskrise 2015 zu tun. Viele Bürger fühlen sich inzwischen heimatlos. Dieses Fremde kennen sie nicht und wollen sie nicht, mit dem Ergebnis, dass sie den Bahnhofsplatz inzwischen meiden. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn solche No-go-Areas entstehen.

Was muss geschehen, damit sich die Bürger auf dem Limburger Bahnhofsplatz wieder sicherer fühlen?

GERHARD SCHMELZ: Die Bürger wünschen sich eindeutig mehr Präsenz und Kontrollen durch die Polizei und das Ordnungsamt. Auch wünschen sich die Bürger, dass der Polizeiposten nicht schon am Nachmittag dichtmacht, der sollte mindestens bis Mitternacht geöffnet bleiben. Übrigens wurden die von der Limburger Polizei zwischenzeitlich deutlich erhöhte Präsenz und das Fortbestehen der BAO Bahnhof von den Limburger Bürgern und Bürgerinnen als sehr positiv bewertet. Aber eine Frage stellt sich mir noch: Wo ist denn eigentlich die Bundespolizei am Limburger Bahnhof? Es reicht nicht, dort ein Dienstfahrzeug hinzustellen. Die sind da nicht vor Ort, was sie aber sein müssten. Offensichtlich hat auch die Bundespolizei personelle Probleme. Auch die Unterstützung durch private Sicherheitsleute kann mehr Sicherheit bringen. Und schafft um Gottes willen die Spielhöllen dort ab! Warum gibt es da noch so viele am Limburger Bahnhof?

Der hessische Innenminister und die Polizei werben um die Teilnahme von hessischen Kommunen am Präventionsprogramm KOMPASS. Sollte die Stadt Limburg sich daran beteiligen?

SCHMELZ: Noch bevor von einer hessenweiten Einführung von KOMPASS die Rede war, hat die Stadt bereits sehr gute Ansätze im Sinne dieses Projekts entwickelt. So arbeitet die Stadt bereits heute eng mit der Polizeidirektion zusammen und hat einen Präventionsrat. Der Stadt dürfte eine Teilnahme an KOMPASS nicht schwerfallen. Die Stadt Limburg ist bei der Bürgerbeteiligung ein sehr positives Beispiel, wie die Initiative zu der Studie von 2017 gezeigt hat. Jetzt muss allerdings etwas passieren, in Zusammenarbeit mit der Polizei, aber auch mit Institutionen wie dem Jugendamt, der IHK und dem City Ring. Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Sie gelten als Kritiker von Kriminalstatistiken. Was missfällt Ihnen daran?

SCHMELZ: Wir brauchen Kriminalstatistiken, aber sie werden oft falsch interpretiert und missbraucht, weil sie dem Eigenlob dienen. Sie müssen die Entwicklung von Straftaten über einen längeren Zeitraum beobachten, um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Außerdem spiegelt die polizeiliche Kriminalstatistik nicht die Kriminalitätswirklichkeit wider. Es gibt ein großes Dunkelfeld mit Straftaten, die passiert sind, aber nicht angezeigt werden und deshalb in der Statistik nicht auftauchen. In unserer Studie betrug dieser Anteil am Dunkelfeld rund ein Drittel; es gibt Studien, die gehen sogar von einem Anteil von 50 Prozent aus. Das heißt: Es gibt doppelt so viele Straftaten, wie in der Statistik auftauchen. Die Opfer wissen das, denn die leben in diesem Dunkelfeld beziehungsweise in der Kriminalitätswirklichkeit. Die veröffentlichte Statistik wird somit den Opfern nicht gerecht, wenn auch sie selbst dafür verantwortlich sind, weil sie eben eine Vielzahl von Straftaten nicht anzeigen, aus welchen Gründen auch immer. In den USA und in England gibt es eine offizielle, periodisch durchgeführte Dunkelfeldforschung. Nur in Deutschland verzichten wir bislang darauf, bis auf ein paar punktuelle Ausnahmen. Angeblich ist kein Geld für eine zentrale Erfassung vorhanden.

Wann sollten die Limburger Bürger erneut zu ihrem subjektiven Sicherheitsgefühl befragt werden?

SCHMELZ: Ich empfehle, in zwei bis drei Jahren die Bürger noch einmal repräsentativ zu befragen. Dann lassen sich Veränderungen in der Wahrnehmung durch vollzogene Maßnahmen gut darstellen. Die Abstände bei den Befragungen in der Vergangenheit waren zu groß. Das lag aber auch daran, dass die Befragungen in Limburg 1999, 2004 und 2010 auf Initiative der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung entstanden sind. Die letzte Studie von 2017, die im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde, geht bemerkenswerter Weise auf Initiative der Stadt Limburg zurück.

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