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Nicht nur draußen wird zusammengeklappt: Gastronomen ärgern sich über die Schließung ab Montag.

Limburg-Weilburg

Zweiter Gastro-Lockdown: "Mit einem Schlag alles zunichte gemacht"

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  • Rolf Goeckel
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  • Joachim Heidersdorf
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Gastronomen aus dem Kreis Limburg-Weilburg sind sauer auf zweiten Lockdown für die Branche.

Limburg – Die meisten Gastronomen in der Region sind stocksauer. Auf die Politik im Allgemeinen und auf die Bundeskanzlerin im Besonderen. Die Wirte und Restaurantbetreiber können Angela Merkels am vergangenen Samstag wiederholten energischen Appell an die Bürger - "Bleiben Sie zu Hause" - nicht nachvollziehen. Noch schlimmer aber kam es gestern.

Gastronomie muss wieder schließen – Betriebe sind aber nur für einen Bruchteil der Infektionen verantwortlich

Vom 2. November an müssen die Gastronomiebetriebe wie schon im Frühjahr erneut schließen - zumindest während des gesamten Monats November. Eine Maßnahme für die der Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Kreis Limburg-Weilburg, Armin Güth, nur Kopfschütteln übrig hat. "Ich kann den tieferen Sinn nicht nachvollziehen", sagte er gestern.

Denn laut dem Robert-Koch-Institut seien Gastronomiebetriebe für gerade einmal zwei Prozent aller Infektionsfälle verantwortlich. Im Kreis Limburg-Weilburg sei kein einziger Fall bekannt geworden. Hätten es die heimischen Gastronomiebetriebe während des Sommers "so langsam wieder aus dem Keller herausgeschafft", wie Güth sagte, "wird jetzt alles wieder mit einem Schlag zunichte gemacht." Schon seit dem Ansteigen der Coronafälle vor 14 Tagen habe es "Absagen gehagelt", berichtet der Gastronom. "Jetzt wird alles nur noch schlimmer." Er selbst werde mit seinem breit aufgestellten Betrieb, der "Lochmühle" in Hadamar, sicher nicht kaputtgehen. "Aber ich sehe, dass es für viele andere Betriebe jetzt sehr bitter wird." Unverständlich sei der neuerliche Lockdown auch deshalb, weil sich - von wenigen "schwarzen Schafen" abgesehen - die meisten Gastronomen streng an die Abstandsregeln, Hygienevorschriften und bürokratischen Auflagen gehalten hätten.

Unverständnis äußerte auch der Chef der "Black Cow" in der Limburger WERKStadt, Ben Bergmann. "Wir tun alles, was wir für die Sicherheit unserer Mitarbeiter und Gäste tun können. Wir arbeiten seit Monaten jeden Tag acht bis zwölf Stunden mit Maske, führen Gästelisten, geben Unsummen für Hygienemaßnahmen aus und verzichten gleichzeitig auf einen großen Teil der Sitzplätze, um den Mindestabstand zu bewahren." In einem stark beachteten Aufruf in den sozialen Netzwerken weist auch Bergmann darauf hin, dass Restaurants und Gaststätten in den vergangenen Monaten nicht zu den Hotspots für Corona-Infektionen gehörten, sondern in erster Linie private Feiern.

Limburger Gastronomen verzweifelt: Bitte um Unterstützung

"Die Wintersaison heißt für uns Gastronomen normalerweise: Betriebs-, Weihnachts- und Familienfeiern. In jedem normalen Jahr ist es die Zeit, in der wir unsere Jahresgewinne erwirtschaften. Der Plan für die nächsten Wochen war, Verluste so weit reduzieren, damit ein Überleben und eine Zukunft im Jahr 2021 möglich ist", schreibt Bergmann. Die zweite Corona-Welle bedeute für die Branche stattdessen eine massive Stornierungswelle von gebuchten Feierlichkeiten. "Die Auswirkungen kann sich jeder ausmalen", so Bergmann. "Warum sagt die Kanzlerin nicht: Gehen Sie bitte nur in Bars, Restaurants und Kneipen, die sich sorgfältig an die Corona-Vorschriften halten und das aktuelle Geschehen ernst nehmen?", fragt Bergmann. Und weiter: "Wir sehen ein, das die Teilnehmerzahlen bei Feiern begrenzt werden müssen. Wir sehen ein, dass Corona-Regeln sorgfältig beachtet und umgesetzt werden müssen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Kanzlerin klar sagt: Leute, geht essen und trinken! Aber in kleinen Gruppen, und nur dort wo der Wirt alles gibt, um seine Gäste zu schützen!"

Der Patron des "Black Cow" und seine Kollegen bitten die Politik um Unterstützung in dieser existenzbedrohenden Situation. Die Verantwortlichen sollten Unternehmen empfehlen, ihren Mitarbeitern Gutscheine für den Gastronomiebetrieb auszustellen, in dem sie sonst ihre Weihnachtsfeier veranstaltet hätten. Und den Bürgern, Familienfeste im kleineren Kreis, aber in der Gastronomie, zu buchen, und schon jetzt den Weihnachtstisch in ihrem Lieblingsrestaurant. "Unterstützt eure Gastronomie im kleineren Maße, aber dafür vielleicht öfter. Damit ihr auch in 2021 noch Feiern feiern könnt", sagen Bergmann und seine Mitstreiter. Er verweist auf zahlreiche Schutzmaßnahmen, wie zusätzlich installierte Luftreiniger, und andere Initiativen. So sei die große Indoor-Terrasse dank Heizstrahlern auch abends geöffnet.

Maßnahmen gegen Corona: Besonders hart für 450-Euro-Kräfte

Hedmar Schlosser, der mehrere Gastronomiebetriebe in der Region führt, hat ebenfalls viel investiert, damit das Geschäft weitergehen kann. Um mehr Platz zu schaffen, hat er jetzt an der "Krone" in Löhnberg für die "Südtiroler Wochen" ein großes beheiztes Zelt aufgestellt und gemütlich eingerichtet. Bei größeren Veranstaltungen wie Küchenparty und Schlachtfest besteht Sitzplatzpflicht, und für das beliebte Weihnachtsmenü gibt es in diesem Jahr einen dritten "Feiertag" (am 27. Dezember). "Wir verteilen den Andrang auf drei Tage und können dadurch jedem Gast reichlich Raum bieten", erklärt Schlosser. Die schlimmste Erkenntnis in der Krise ist für ihn, "dass wir als Branche wie Arbeitgeber bzw. Arbeitnehmer zweiter Klasse eingestuft werden: Bei Banken verpönt, von Versicherern belächelt und vom Volk bemitleidet." Dabei hätten die Mitarbeiter, die auch abends und am Wochenende für ihre Mitmenschen Außerordentliches leisteten, von allen Seiten mehr Respekt verdient.

Carlos Merz vom "Wissegiggl" in Weyer sagt: "Ein zweiter Lockdown ist nicht die Lösung." Welche negativen Auswirkungen dieser auf die Betriebe und ihre Mitarbeiter hat, habe das Frühjahr gezeigt. Besonders hart sei das für die 450-Euro-Kräfte, die weder Anspruch auf Kurzarbeit noch Arbeitslosengeld hätten. Zwar habe sein Betrieb die Sommermonate gut überstanden, aber bereits jetzt seien viele Weihnachtsfeiern abgesagt worden. Außerdem hätten sich die hohen Infektionszahlen und die Unsicherheit der Bürger schon zuletzt bei den Gästezahlen bemerkbar gemacht, seien fast nur noch die Jungen gekommen. Doch auch für diese bleibt nun vorerst nur noch das kommenden Wochenende - oder abholen oder liefern lassen.

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