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Eine Szene aus dem ersten Teil des Dortmunder Jubiläums-"Tatorts". Diesen Sonntag gibt es um 20.15 Uhr Teil 2.

Früher gefiel es den meisten besser

"Solche Alleingänge gibt es in der Realität nicht"

  • vonRobin Klöppel
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50 Jahre Kultkrimi - Wie denken heimische Ermittler über den "Tatort"?

Limburg -"Tatort" schauen gehört für viele Menschen nach wie vor fest zum Sonntagabend-Programm. Die letzte Folge aus Münster sahen 12,94 Millionen Menschen - deutscher Rekord bisher für 2020 und mehr als jede "Tagesschau". Doch schadet es dem Image der echten Polizei, wenn im Jahr des 50. "Tatort"-Geburtstages mehr als jeder Dritte Fernsehzuschauer die Krimiserie einschaltet? Und schauen sich echte Verbrecherjäger aus der Region den "Tatort" gerne an? Wir haben einige von ihnen gefragt.

"Ich bin ein echter Tatort-Fan. Tatort schauen ist für mich Kult", sagt der früher bei der Frankfurter Kripo tätige Georg "Schorsch" Horz. Nervig findet der Eisenbacher nur die Folgen mit "zu viel psychischem Mist". Denn Mord sei eigentlich ein "einfaches" Delikt mit einer Aufklärungsquote von über 90 Prozent. Selten seien Tötungsdelikte so geplant wie im Fernsehen, oft seien sie innerhalb weniger Stunden geklärt. Deshalb habe er einige "Tatort"-Folgen in den vergangenen Jahren einfach nicht anschauen können, "aber es ist besser geworden", lobt Horz.

Der erste Teil der Jubiläums-Doppelfolge aus Dortmund am vergangenen Sonntag habe ihm richtig klasse gefallen. "Ich denke, wer ,Tatort' schaut, entwickelt Sympathie zur Polizei", so Schorsch Horz. Deshalb kann er über die satirische Darstellung der Polizeiarbeit der Ermittler Boerne und Thiel aus Münster lachen.

Horz stellt aber auch fest, dass solche Alleingänge wie die des "abgedrehten Faber" aus Dortmund bei der realen Kripoarbeit nicht vorkämen, weil in Frankfurt beispielsweise Mordfälle in Teams von bis 20 Personen ermittelt würden. Dass die Realität nicht wie das Fernsehen ist, musste Horz einmal selbst erfahren, als er bei einem Notfall so lässig wie die "Kollegen" im TV eine Tür aufschießen wollte - aber dass Horz' Coolness der Tür so ziemlich egal war.

Professor Gerhard Schmelz, Kriminologe beim Bundeskriminalamt, tritt selbst in beruflicher Funktion auch auf Krimifestivals wie in Wiesbaden auf, urteilt aber: "Es gibt wenige Krimis, die gut sind." Der Ennericher findet es aber nicht schlimm, dass Krimis häufig nicht fachlich korrekt seien. Denn "Tatort"-Folgen seien ja keine polizeilichen Lehrfilme, sondern Unterhaltungsprogramm. Er ist sich im Klaren darüber, dass einem Filmregisseur im Zweifelsfall die Spannung immer über die Polizeifachlichkeit gehen werde.

Schmelz sagt deutlich: "Zuviel Fachlichkeit stört gute Unterhaltung." Auch wenn Gerhard Schmelz diese Sicht der Filmleute verstehen kann, ärgert er sich über manche Darstellungen und schaut den "Tatort" darum nur ganz selten. Das fängt schon damit an, wenn die Leiche gefunden wird und der Kommissar rauchend am Tatort herumspaziert und damit Spuren verwischt und die wirklich für die Spurensicherung wichtigen Leute von der Arbeit abhält. "So hast du als Kommissar vielleicht vor 20 Jahren noch arbeiten können, aber nicht mehr heute", so der Kriminologe. Problematisch sei auch, dass viele junge Leute glaubten, Krimis seien Polizeirealität und sich dann unter falschen Voraussetzungen für den Dienst bei der Polizei bewerben würden. Viele habe er da in der Ausbildung wieder auf den Boden der Realität zurückholen müssen, verrät Schmelz.

Frank Göbel, Leiter der Polizeidirektion Limburg, guckt selbst nur ganz selten "Tatort": "Der ,Tatort' ist weiterhin ein Massenphänomen, aber mir persönlich gefallen die Folgen der vergangenen zehn Jahre immer weniger, weil sie immer weniger mit der Realität zu tun haben." Göbel weiß, dass Charakterköpfe im Fernsehen gut angekommen, in der Realität sei aber gerade bei Kapitaldelikten Teamarbeit gefragt. Wer da unabgesprochene Alleingänge machen würde, wäre da schnell draußen.

Frank Göbel denkt aber nicht, dass eine nicht realitätsnahe Darstellung der Polizeiarbeit in "Tatort"-Folgen einen negativen Einfluss auf die reale Welt habe. "Die Fernsehzuschauer können schon zwischen einem Krimi und echten Polizisten unterscheiden", so Göbel.

Bruno Reuscher, ehemaliger Leiter der Polizeistelle Weilburg, hat spätestens dann aufgehört, "Tatort" zu schauen, als bei einer Til-Schweiger-Folge gefühlt 50 Leute erschossen wurden. Früher "Schimanski", der hat dem Obertiefenbacher noch gefallen, "auch wenn das oft unrealistisch war, ein Ermittler, der die Grenzen zur Straftat selbst überschreitet".

Oft gehe es in den Fällen auch mehr um die Personen der Kommissare als um die Fälle, bemängelt Reuscher. Er schaue nur noch selten, weil er sich oft nicht gut unterhalten fühle und Polizeiarbeit oft nicht gut bei den Fällen wegkomme. "Die echte Polizei will erfolgreich arbeiten. Da begibt man sich nicht einfach mal durch einen Alleingang selbst in Gefahr", weiß Reuscher.

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