Mario Graef, Inhaber des Reisebüros Beselich, hält die Sommersaison 2020 für weitgehend gelaufen.
+
Mario Graef, Inhaber des Reisebüros Beselich, hält die Sommersaison 2020 für weitgehend gelaufen.

Urlaub und Corona

Reisebüros im Kreis Limburg-Weilburg: "Fünffache Arbeit für null"

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
    schließen

Heimische Unternehmen wickeln derzeit fast nur ab. Der Sommer ist weitgehend gelaufen.

Limburg -Während die Gastronomie von ersten vorsichtigen Lockerungsübungen in der Corona-Krise profitiert, bangt die Reisebranche weiter um ihre Zukunft. Zwar gilt die weltweite Reisewarnung der Bundesregierung vorerst nur bis 14. Juni, doch gehen viele heimische Betreiber von Reisebüros davon aus, dass die Durststrecke für sie noch deutlich länger dauern wird. Einige halten die Sommersaison 2020 sogar für weitgehend "gelaufen", zumindest was Auslandsreisen angeht.

"Unser Verdienst beträgt momentan null minus Kosten", berichtet Christine Medenbach, Inhaberin des Reisebüros Elz. Ihre tägliche Arbeit bestehe seit Wochen schon nahezu ausschließlich aus Rückabwicklungen bereits gebuchter Reisen - dafür jedoch gebe es kein Geld. Im Gegenteil: Ausgezahlte Provisionen müsse sie wieder zurückzahlen. "Alle Buchungen seit Oktober werden storniert", sagt sie.

"Fünffache Arbeit für null", auf diese Formel bringt Mario Graef vom Reisebüro Beselich in Obertiefenbach die gegenwärtige Situation. Stornos, Provisionen zurückzahlen, umbuchen - mehr habe er derzeit nicht zu tun. Ulrike Danzer von der Limburger Flugbörse registriert zwar, dass etliche Kunden Interesse an Urlaubsbuchungen haben, doch warteten sie fast alle ab, weil sie nicht wüssten, wie es mit Flugreisen weiter geht. "Derzeit habe ich viele Gespräche, aber kaum Umsatz", sagt Danzer. Lediglich ein paar Geschäftsflüge und wenige Buchungen für den Herbst habe sie in den vergangenen Wochen gehabt. Ansonsten heiße das gegenwärtige Geschäft: Abwicklung. "Das macht manchmal mehr Arbeit als die Buchung", sagt Danzer. "Denn 350 Airlines haben 350 unterschiedliche Abwicklungen."

Auch bei den Busreisen sieht es mau aus, wie Yvonne Schneider von Selters Reisen berichtet. "Seit März sind wir auf null." Das sei vor allem deshalb bitter, weil die Busbranche in den Monaten davor "eine starke Buchungslage wie noch nie" verzeichnet habe. Jetzt sei alles weg. Bis Mitte Juni sei bereits alles storniert worden, und bei Busreisenden beliebte Großveranstaltungen wie das Münchener Oktoberfest oder die Canstatter Wasen in Stuttgart seien abgesagt.

Auferstehung

Und wie sieht die Zukunft aus? "Die Sommersaison", meint Mario Graef, "ist gelaufen. Vielleicht geht im Herbst noch etwas." Reisen nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz würden sicher als erste wiederkommen. "Wir verdienen aber immer noch hauptsächlich an Pauschalreisen", sagt Graef. Immerhin ist er überzeugt, dass gerade kleine Reisebüros eine Zukunft haben - trotz der Konkurrenz aus dem Internet. "Die Corona-Krise könnte die Auferstehung der Reisebüros bedeuten", meint Graef. "Denn viele Leute merken gerade jetzt, dass wir dieselben Preise bieten wie im Internet, aber mehr Service." Frei nach dem Slogan "Buy local" werde es vielleicht schon bald heißen: "Book local".

An das große Geschäft mit Inlandsreisen in diesem Sommer glaubt auch Christine Medenbach nicht. "Die meisten Deutschlandreisen wurden schon letztes Jahr gebucht", sagt sie. Auch reichten nach ihrer Einschätzung die Hotelkapazitäten gar nicht aus, um alle reisewilligen Gäste, die sonst ins Ausland fahren, aufzunehmen. Und manch einer ihrer Kunden, berichtet sie, verzichte ganz auf eine Urlaubsreise "und baut sich jetzt einen Swimmingpool im eigenen Garten".

Medenbachs Hoffnungen gelten daher dem Reisejahr 2021, für das ab November gebucht werde. "Zurzeit haben die Leute Angst, dass sie auf einem Kreuzfahrtschiff oder im Ausland festsitzen und nicht wieder nach Hause kommen." Aufgeben komme für sie gleichwohl nicht in Frage: "Ich habe nicht vor, mir durch Corona mein Geschäft, das ich in 32 Jahren aufgebaut habe, kaputt machen zu lassen", sagt sie. Da sei es schön, wenn - wie kürzlich geschehen - einer ihrer Kunden "einfach so" 100 Euro auf ihr Konto überweist, um sie zu unterstützen. Medenbach: "Das ist der Knaller."

zurückgreifen

Auch Ulrike Danzer von der Flugbörse rechnet mit einer echten Erholung kaum vor 2021. Bis dahin werde sie - wie viele andere Kolleginnen und Kollegen auch - wohl oder übel auf ihre Rücklagen zurückgreifen müssen. Obwohl sie sämtliche Ausgaben schon ordentlich zurückgefahren habe, lasteten auf ihrem seit 23 Jahren bestehenden Unternehmen Kosten von 6000 Euro - monatlich. Ihre drei Mitarbeiter habe sie in Kurzarbeit schicken müssen - so wie die meisten anderen Reisebüros auch. Um dauerhaft existieren zu können, müsse sie zwei Millionen Euro jährlichen Umsatz haben. "Von Reisen nach Deutschland, Österreich und Holland könne wir jedenfalls nicht leben", sagt Danzer. "Wir brauchen die Rennstrecken wie Türkei, Griechenland oder Spanien."

Deutschland und die europäischen Nachbarstaaten bedient hingegen Busreise-Unternehmerin Yvonne Schneider. Reisen in einem voll besetzten Bus seien derzeit jedoch völlig ausgeschlossen. Deshalb arbeite sie derzeit Konzepte für Kleingruppen-Reisen aus. Insgesamt sehe sie die Zukunft der Busbranche gar nicht mal so schwarz. "Die Leute fliegen zurzeit nicht auf die Malediven, wo sie vielleicht zurückgeholt werden müssen, sondern fahren lieber mit dem Auto oder dem Bus", sagt sie. "Die Busbranche", so ihre Hoffnung, "dürfte einen großen Aufschwung nehmen, weil Flugreisen schwierig bleiben könnten." Darauf jedenfalls deuteten die Anfragen für das nächste Jahr hin. Vor August jedoch sehe sie noch keine Reisebusse auf den Autobahnen.

Von Rolf Goeckel

Trauer in der Nachbarschaft: Der Rhein-Lahn-Kreis verliert eine echte Institution. Nach mehr als 40 Jahren schließt die Metzgerei Flack in Hahnstätten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare