Auf viele Herausforderungen mussten sich die Schulen in den vergangenen Monaten einstellen. Prüfungen wie hier an der Schule im Emsbachtal in Niederbrechen wurden mit Abstand geschrieben.
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Auf viele Herausforderungen mussten sich die Schulen in den vergangenen Monaten einstellen. Prüfungen wie hier an der Schule im Emsbachtal in Niederbrechen wurden mit Abstand geschrieben.

Der Schulamtschef Michael Schulz im Interview

"Schulen haben Außerordentliches geleistet"

  • Joachim Heidersdorf
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Digitale Elemente sollen im Kreis Limburg-Weilburg auch künftig eine stärkere Rolle im Unterricht spielen

Heute endet ein ganz besonderes Schuljahr. Kinder, Eltern und Lehrer werden es wohl nie vergessen. Joachim Heidersdorf hat mit Schulamtschef Michael Scholz über die besonderen Umstände und die Folgen gesprochen.

Herr Scholz, wie sind Ihre Gefühle nach diesem Schuljahr?

Im Hinblick auf die Schulen stehen Dankbarkeit, Begeisterung und Stolz im Vordergrund. Hier ist in den vergangenen Monaten Außerordentliches geleistet worden. Binnen kürzester Zeit mussten gewohnte Abläufe in Unterricht und Schulorganisation den Pandemiegegebenheiten angepasst - und damit zum Teil neu erfunden werden. Es ist beeindruckend, wie schnell sich viele Schulen auf die sich immer wieder ändernden Rahmenbedingungen eingestellt haben. Und begeistert bin ich auch davon, dass viele Lehrkräfte innerhalb kürzester Zeit intensiv Lernplattformen und Videokonferenzsysteme in die häusliche Beschulung eingebaut und damit den Kontakt zu den Schülern gehalten haben. Hier ist eine enorm hohe Flexibilität deutlich geworden, die auch von vielen Schülern und Eltern anerkannt worden ist, weshalb ich stolz auf die Arbeit der Schulen in dieser Zeit bin.

Gilt das für alle Lehrkräfte?

Natürlich hat uns auch die eine oder andere kritische Rückmeldung erreicht. Vereinzelt haben Lehrkräfte die Klassen nicht mit ausreichend Materialien versorgt oder zu wenig Kontakt zu ihren Schülern gehalten. Andere hatten Probleme, über digitale Medien mit ihren Gruppen zu kommunizieren. Wichtig ist, dass diese Beobachtungen vor Ort ankommen, am besten bei der Lehrkraft direkt. Es ist immer am besten, die kritische Rückmeldung - aber auch gerne ein Lob - der jeweiligen Person selbst zu geben, damit diese ihr Verhalten hinterfragen und ändern kann. Bei Problemen sollte das Gespräch mit der Schulleitung gesucht werden.

Wie sind Sie im Schulamt mit Krise umgegangen?

Wir haben alles getan, um den Schulen den Rücken frei zu halten. Dazu gehörte beispielsweise, dass wir die Kommunikation deutlich erhöht haben und die Schulen - zum Teil am späten Abend und am Wochenende - jederzeit auf den aktuellen Stand bezüglich der Umsetzungen der Corona-Verordnungen gebracht haben. Da auch an den Schulen Lehrkräfte ausgefallen sind, galt es zudem, vielfach über Nacht neues Personal zu gewinnen oder Abordnungen von benachbarten Schulen vorzunehmen. Und wir haben die Schulen in den Fällen, in denen Quarantänemaßnahmen erforderlich waren, zusammen mit dem Gesundheitsamt eng begleitet und bei allen Maßnahmen unterstützt. Darüber hinaus stehen wir bis heute fast täglich mit dem Schulträger in Kontakt, um aufkommende Fragen beispielsweise zu Bustransporten, der Mittagsverpflegung oder der Raumsituation schnell und direkt klären zu können. Auch der Kreiselternbeirat ist eng in unsere Kommunikation eingebunden.

Wie geht es mit digitalem Unterricht weiter?

Zweifelsohne hat die Digitalisierung durch die Pandemie einen Schub bekommen. Es war beeindruckend zu sehen, wie schnell innerschulische Fortbildungen auf die Beine gestellt worden sind, um möglichst vielen Lehrkräften den Einsatz digitaler Elemente zu ermöglichen. In den kommenden Monaten werden die Schulen die Mittel aus dem Digitalpakt abrufen können - und das Sofortprogramm bezüglich der Ausstattung mit mobilen Endgeräten soll noch in den Sommerferien an den Start gehen. Damit werden auch die Rahmenbedingungen für digitale Unterrichtselemente deutlich verbessert. Diese werden zukünftig eine stärkere Rolle im Unterricht spielen - auch, weil wir Lehrkräfte in den kommenden Monaten weiter entsprechend fortbilden werden.

Im Falle einer je nach Verlauf der Pandemie erneut erforderlichen häuslichen Beschulung sollte es zukünftig leichter fallen, mit den Schülern zumindest digital in Kontakt zu bleiben. Übrigens werden Schüler, die zur Risikogruppe gehören und damit auch im nächsten Schuljahr nicht am Präsenzunterricht teilnehmen können, zukünftig die Möglichkeit haben, möglichst per Video am Unterricht teilzunehmen.

Die Bildungsungleichheit wird durch Homeschooling noch größer. Sehen Sie das auch so?

Aufgrund der Kürze der Zeit gibt es hierzu natürlich noch keine verlässlichen Daten. Aber in einigen Fällen haben uns Schulen berichtet, dass einzelne Schüler in der Zeit der häuslichen Beschulung nicht erreichbar waren. Selbst wenn Lehrkräfte ihnen Material nach Hause gebracht haben, wurde dieses nicht bearbeitet. Das mag mitunter auch daran gelegen haben, dass die häuslichen Rahmenbedingungen nicht dazu beigetragen haben, dass sich diese Kinder den Aufgaben ausreichend widmen konnten. Das macht uns natürlich Sorge - und die Schulen haben seit der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts natürlich versucht, dies aufzufangen. Das ist übrigens einer der Gründe, warum das Land Hessen alles daran setzt, nach den Sommerferien so viel regulären Unterricht, wie es der Pandemieverlauf zulässt, anzubieten.

Wie laufen die Planungen für das neue Schuljahr?

Aus heutiger Sicht sollen alle Schüler an fünf Tagen pro Woche beschult und die Stundentafel möglichst vollumfänglich erfüllt werden. Deshalb wird das Abstandsgebot in den Klassen aufgehoben, die Hygieneregeln bleiben aber selbstverständlich bestehen. Allerdings weiß heute noch niemand, wie sich die Pandemie nach den Sommerferien oder im Herbst weiterentwickelt. Deshalb sind die Schulen dazu aufgerufen, die Pläne so zu gestalten, dass sie relativ einfach in ein System mit Teilgruppen oder gar häuslicher Beschulung zurückkehren können. Dazu gehört beispielsweise, den Stundenplan schon heute so zu gestalten, dass die Klassen möglichst wenig durchmischt werden.

Heute gibt es Zeugnisse - und alle werden versetzt. Was bedeutet das für die Kinder?

In diesem Jahr dürfen aufgrund der Pandemie auch die Schüler in die nächsthöhere Jahrgangsstufe aufrücken, die unter normalen Bedingungen nicht versetzt worden wären. In den Fällen, in denen es aus Sicht der Lehrkräfte besser wäre, das Schuljahr zu wiederholen, haben in den letzten Tagen Gespräche zwischen Schule und Eltern stattgefunden. Keinem Kind ist es zu wünschen, dass es zwar versetzt wird, aber bereits nach wenigen Wochen im neuen Schuljahr völlig abgehängt ist und keine Chance hat. Das demotiviert und kann sich schnell negativ auf die seelische Verfassung auswirken. Dennoch: Die Entscheidung, ob das Schuljahr freiwillig wiederholt wird, treffen letztlich die Eltern.

Welche Unterstützung bekommen Schüler, die Lücken haben?

Während der Sommerferien gibt es drei Programme, die dazu beitragen können, das eine oder andere nachzuarbeiten: Bei "Ferdi" handelt es sich um ein digitales Förderangebot für Kinder der Klassen 1 bis 5, die Nachholbedarfe im Lesen, Schreiben oder Rechnen haben und in den Ferien von zu Hause aus Lernstoff nachholen wollen. Etliche Schulen bieten unabhängig davon ein Sommercamp an, das sich an Schüler sämtlicher Schulformen richtet und an mindestens drei Tagen während der Sommerferien stattfindet. Bis zum kommenden Sonntag sind noch Anmeldungen für die Ferienakademie möglich. Dabei handelt es sich um ein kostenloses Angebot an Jungen und Mädchen der Klassen 1 bis 8. Auf dem "Stundenplan" stehen die Fächer Deutsch, Mathematik und ggf. Englisch. Das Programm findet in der 5. und 6. Ferienwoche jeweils von montags bis donnerstags statt. Die Anmeldung erfolgt online auf der Seite des Kultusministeriums.

Welche Tipps geben Sie für die Ferien?

Die letzten Monate haben alle Familien vor große Herausforderungen gestellt. Insofern sollten sie die Ferien auf jeden Fall dazu nutzen, sich zu erholen und auch etwas Abstand von Schule zu gewinnen. Wenn Lücken aufgeholt werden müssen, ist die Teilnahme an der Ferienakademie oder einem der beiden anderen Angebote auf jeden Fall sinnvoll, ansonsten darf das schulische Lernen aber auch für ein paar Wochen Pause machen. Auf jeden Fall sollten sich alle spätestens in der letzten Ferienwoche über die Homepage ihrer Schule über die aktuellen Bedingungen zum Schulstart informieren. Und leider gilt auch in den Ferien: Die Pandemie ist noch nicht vorbei, insofern halten Sie bitte Abstand, achten Sie auf Hygiene - und bleiben Sie gesund!

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