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Sie waren Mitbürger, die unter uns lebten

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Von: Petra Hackert

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Dr. Manfred Diefenbach stellt vor sehr interessierten Schülern in der Freiherr-vom-Stein-Schule in Dauborn das neue Buch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vor: "Jüdische Friedhöfe im Kreis Limburg-Weilburg".
Dr. Manfred Diefenbach stellt vor sehr interessierten Schülern in der Freiherr-vom-Stein-Schule in Dauborn das neue Buch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vor: "Jüdische Friedhöfe im Kreis Limburg-Weilburg". © Petra Hackert

Dauborner Schüler lernen das neue Buch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit kennenVor dem Terror der Nationalsozialisten gab es ein vielfältiges und reichhaltiges Leben mit jüdischen Mitbürgern im Kreisgebiet. Davon zeugen unter anderem 20 Friedhöfe in 19 Kommunen (zwei in Bad Camberg), die jetzt in einem neuen Buch beschrieben sind.

Dauborn -"Die Langgasse 44 in Dauborn. Da habe ich jetzt schon ein ganz komisches Gefühl. Das ist ja fast vor meiner Haustür." Paulina stutzt. Die 18-Jährige hat sich gerade das neue Buch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit angeschaut, das in der Schulbibliothek durch die Reihen geht, während Vorstandsmitglied Dr. Manfred Diefenbach es vorstellt. Bis zu ihrem Tod im Dezember 1933 wohnte dort Settchen Simon. "Laut den Erinnerungen von Ernst Rosenthal soll Settchen immer, wenn sie einen Bleistift an ein Kind verkauft hat, einen Radiergummi dazugeschenkt haben", schreibt Markus Streb über die Geschäftsfrau. Und schon hat sie ein Gesicht. Man nähert sich den Menschen, die dort einmal gelebt haben, liest etwas über die Familie mit dem Dorfnamen "Schloumes" und dass "Haus Schloumes" sogar einmal zum Motiv einer Dauborner Postkarte wurde.

1939 sind die letzten gegangen

Das ist lange her. 1939 haben die letzten Jüdinnen und Juden Dauborn, Heringen, Kirberg und Mensfelden verlassen, schreibt Markus Streb. Er kommt selbst aus Hünfelden, arbeitet zurzeit in Leipzig, hat aber immer noch regen Kontakt zum örtlichen Arbeitskreis "Spuren jüdischen Lebens". So war er schon öfter in der Freiherr-vom-Stein Schule in Dauborn, hat gemeinsam mit Lehrerin Patricia Birkenfeld besondere Projekte vorbereitet, zu denen auch Besuche auf dem alten jüdischen Friedhof gehören, der zwischen Dauborn und Kirberg an der Landstraße 3022 liegt.

Die Klasse 10 C R, die gerade den Erklärungen von Dr. Diefenbach folgt, war noch nicht bei einer solchen Führung. Doch den Friedhof kennen die meisten. Geschichtslehrer Dietmar Langusch hat sie außerdem gut auf die Buchpräsentation vorbereitet. Sie wissen, dass das Konzentrationslager Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Sie haben Bilder gesehen, kennen Gräueltaten und das systematische Morden mit Gas, wie es auch in der Tötungsanstalt in Hadamar war. Und das Verbrennen. "Die Leute wussten damals Bescheid", erzählt Dr. Diefenbach. Aus vielen Gesprächen hat er seine Informationen zusammengetragen. Die Frage bleibt: Wie konnte es so weit kommen?

Ein Buch, in dem es der Überschrift nach um Friedhöfe geht, ist vielleicht nicht die spannendste Lektüre für Jugendliche - mag man denken. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Keiner der Schüler hält den Band nur kurz in der Hand. Alle schauen intensiv, finden Begebenheiten, die zu ihren eigenen Erfahrungen passen, nur eben viele, viele Jahre früher. Und ihnen ist klar, wie Ausgrenzung funktioniert. So etwas gibt es auch heute. Sie lernen gerade, welchen Mechanismen man sich entgegenstellen kann und muss.

Deshalb ist dieser Band kein Buch "nur" über Friedhöfe geworden. Er setzt eine Reihe fort, die mit dem Buch von Willi Bode "Juden in Balduinstein" begann und unter dem Oberbegriff "Juden im Nassauer Land" fortgesetzt werden soll. 17 heimische Autoren haben dieses Mal mitgewirkt. Das nächste Buch über die Synagogen als jüdische Kultstätten in den Kreisen Limburg-Weilburg, Rhein-Lahn und Westerwald mit rund 40 Autoren ist bereits in Vorbereitung. "Es war uns wichtig, dass möglichst Leute über die Themen schreiben, die selbst von dort kommen", sagt. Dr. Diefenbach.

"So wirkt es über Jahre hinweg"

Die Nähe: Das fällt auch den Jugendlichen auf. "Ich wusste nicht, dass das alles so nah bei uns war", sagt die 16-Jährige Leonie am Schluss. Chiara (15) findet es erschreckend, wie unwürdig man einige Menschen sogar im Tod noch behandelt hat. "Manchmal gibt es noch nicht einmal ein Grab", bestätigt Dr. Diefenbach. Der Nazi-Terror hat nicht bloß Leben zerstört. Als ob das nicht schon genug wäre. Er wirkte weiter. Christoph (17) hält es gerade deshalb für wichtig, ein solches Buch zu lesen. "Man denkt direkt zweimal darüber nach", sagt er. Franziska (16), die das Buch in Händen gehalten hat, misst ihm ebenfalls eine größere Bedeutung bei. "Es ist eine sehr gute Idee, und man kann es weitergeben. So wirkt es über Jahre hinweg."

Die Jugendlichen befassen sich jetzt damit, lernen im Schulunterricht aus einer Zeit, zu der es noch Dokumente, Film- und Tonaufnahmen gibt, aber immer weniger Zeitzeugen. Diese Gespräche werden fehlen. Dafür beschreiten die Schulen neue Wege, setzen im Unterricht, szenisch in Theaterprojekte oder im Austausch mit anderen das fort, dessen Grundstein hier gelegt ist. Denn Ausgrenzung, Rassismus, Vorurteile - das sind keine Fragen, die nur die Vergangenheit betreffen. Aus der heutigen Zeit gibt es Menschen, mit denen man über diese Themen reden kann. Auf einer anderen Ebene ist dies für den Mai geplant: Der Berliner Rapper Ben Salomo wird die Freiherr-von-Stein-Schule in Dauborn besuchen. Die Jugendlichen in der kooperativen Gesamtschule, Europaschule, die den Titel "Schule gegen Rassismus und Schule für Zivilcourage" trägt, können sich dann mit ihm darüber unterhalten, ob Deutschland aus Auschwitz gelernt hat.

Das Buch "Jüdische Friedhöfe im Kreis Limburg-Weilburg"

17 Autoren haben mitgewirkt. Die 220-seitige Aufsatzsammlung "Jüdische Friedhöfe im Kreis Limburg-Weilburg" der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit will eine Lücke schließen und eine Serie fortsetzen. Deshalb ist es nahe liegend, dass Dr. Manfred Diefenbach, katholischer Vorsitzender der Gesellschaft, den jetzigen zweiten Band der Reihe in der Freiherr-von-Stein-Schule in Dauborn vorgestellt hat. Band I präsentierte er in der Leo-Sternberg-Schule in Limburg. Im Handapparat in der Schulbibliothek wird das Werk einen Platz finden. Außerdem hat die Gesellschaft es weiteren 50 Schulen geschenkt. Die Schüler in Dauborn kannten schon einige Autoren. Markus Streb zum Beispiel, der über den jüdischen Friedhof zwischen Kirberg und Dauborn schreibt. Hermann Becker, Manfred Diefenbach, Isabelle Faust, Franz Gölzenleuchter (+), Martina Hartmann-Menz, Hubert Hecker, Hartmut Heinemann, Johannes Laubach, Peter-Josef Mink, Peter Schäfer, Dr. Peter Schmidt, Peter-Paul Schweitzer, Arnold Strieder, der Leiter des Limburger Stadtarchivs Dr. Christoph Waldecker, Joachim Warlies und Klaus Werner gehören noch dazu. In dem reich bebilderten, 220 Seiten starken Werk, beschreiben sie, welche Richtlinien zur Betreuung und Pflege der jüdischen Friedhöfe es heute gibt, sie zeichnen Entwicklungen nach und machen deutlich, wie das Leben damals war. Man erfährt zum Beispiel, dass Jette Salomony, geborene Bamberger, in ihrem Testament vom 2. Juni 1857 der Israelitischen Kultusgemeinde in Hadamar 200 Gulden vermacht hatte "für die Einfriedung und Herstellung des Friedhofes". Grabsteine im Gras, unter Bäumen, auf denen man teilweise noch Geburts -und Sterbedaten legen kann, sind auf dem jüdischen Friedhof in Laubuseschbach zu finden. Der älteste lesbare ist der des am 8. Juni 1798 geborenen und am 2. Mai 1860 verstorbenen Salomon Zaduk Mastbaum.

Das Buch kostet zehn Euro (ISBN 978-3-00-070990-6) und kann unter der E-Mail-Adresse gcjz-limburg@web.de bestellt werden. pp

Dr. Manfred Diefenbach gibt das Buch dem stellvertretenden Klassensprecher Lukas Hofmann. Links Patricia Birkenfeld, rechts Schulleiterin Judith Lehnert.
Dr. Manfred Diefenbach gibt das Buch dem stellvertretenden Klassensprecher Lukas Hofmann. Links Patricia Birkenfeld, rechts Schulleiterin Judith Lehnert. © Petra Hackert

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