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Überraschender Austritt: SPD verliert eine Hoffnungsträgerin

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Von: Stefan Dickmann

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Gewerkschaftlich aktiv, aber nicht mehr bei den Sozialdemokraten: Viktoria Spiegelberg-Kamens.
Gewerkschaftlich aktiv, aber nicht mehr bei den Sozialdemokraten: Viktoria Spiegelberg-Kamens. © Johannes Koenig

Paukenschlag bei der SPD in Limburg: Viktoria Spiegelberg-Kamens ist aus der Partei ausgetreten. Nun äußert sie sich zu den Hintergründen ihrer Entscheidung.

Limburg - Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds Limburg-Weilburg, Personalratsvorsitzende der Stadtverwaltung Limburg, stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins Limburg, Schriftführerin des SPD-Unterbezirks Limburg-Weilburg, stellvertretende Bezirksvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen Hessen Süd und Beisitzerin im Bezirksvorstand der SPD Hessen-Süd: Es gibt schlechtere Voraussetzungen, um mit diesen Posten bei den Genossen Karriere zu machen, zumal als junge, engagierte Mutter zweier Kinder mit Migrationshintergrund. Doch Viktoria Spiegelberg-Kamens (39), die in Kasachstan geboren ist, ist aus der SPD ausgetreten und mit ihr verliert die Partei ein großes Talent.

Vor ihrem überraschenden Abschied schrieb sie unter anderem E-Mails an Tobias Eckert, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks, an Peter Rompf, Vorsitzender des Ortsvereins, und an Kaweh Mansoori, Vorsitzender des SPD-Bezirks Hessen Süd, erklärte darin ihren Austritt (sowie die Niederlegung ihres Kreistagsmandats für die SPD) und beklagte sich unter anderem über die Führungskultur in ihrem Ortsverein, was es ihr schwer mache, in der SPD zu bleiben. Aber tritt man deshalb gleich aus der Partei aus? "Ich trete ja auch nicht aus der Kirche aus, nur weil mir der Pfarrer nicht gefällt", pflegt ein bekannter Limburger Sozialdemokrat mitunter zu sagen.

Limburg: 2018 setzte sich Viktoria Spiegelberg-Kamens in Kampfkandidatur durch

Die Frau, die noch 2018 als SPD-Direktkandidatin bei der Landtagswahl im stahlbetonfesten CDU-Wahlkreis Limburg-Weilburg I, den noch nie ein SPD-Vertreter gewonnen hat, mit dem Slogan "Vicky wählen" für sich warb und damit bewusst die Nähe zu Willy Brandt suchte ("Willy wählen"), hat 2022 den Oskar (Lafontaine) gemacht, der plötzlich alle politischen Ämter hingeschmissen hat.

Nach den Austritt-Mails fuhr sie mit ihrer Familie in Urlaub und wollte nach Auskunft mehrerer Sozialdemokraten in dieser Zeit nicht erreichbar sein. Egal, mit wem man in der SPD spricht: Jeder sagt, ihr Austritt sei sehr schade. Und jeder sagt, er verstehe es nicht. Aber jeder sagt auch, er habe nicht das direkte Gespräch mit ihr gesucht - sie sei ja in Urlaub und wolle nicht gestört werden. Das ist schon bemerkenswert: Die Distanz einiger führender Genossen zu ihr ist mehr als spürbar.

Sie selbst hat es auch gespürt in ihrem Urlaub, in dem sie Pause von den sozialen Medien machen wollte, aber nicht vom Telefon. Natürlich hat sie registriert, dass sie niemand aus der männlichen Führungsriege angerufen hat. Sie sagt, sie hätte auf solche Anrufe sehr wohl reagiert, auch wenn dies an ihrem Parteiaustritt nichts geändert hätte - und fühlt sich nachträglich bestärkt.

Denkwürdige SPD-Sitzung als Auslöser für Spiegelberg-Kamens-Austritt in Limburg

Auslöser für ihren Rückzug aus der SPD war eine Vorstandssitzung am 21. Juli - einen Tag später erklärte sie ihren Austritt. Eigentlich wollte der Vorstand des SPD-Ortsvereins Limburg an diesem Tag eine Empfehlung abgeben, wer im Wahlkreis als Direktkandidat antreten sollte. Spiegelberg-Kamens galt zu diesem Zeitpunkt als gesetzt, und so sah sie es auch selbst: Sie wollte antreten.

Bis vor der Sitzung hatte sich auch niemand anders gemeldet, trotz Aufforderung Peter Rompfs an die Mitglieder, doch bitte bis spätestens Ende Juni Bescheid zu geben, wer an einer Kandidatur Interesse hat. Doch in der Sitzung, bei der Rompf krankheitsbedingt fehlt, meldet sich überraschend Jens Fluck zu Wort. Er ist SPD-Stadtverordneter und Sohn des früheren Landrats Dr. Manfred Fluck. Zur Verblüffung aller erklärt er, eine Direktkandidatur anzustreben. Es gibt ein paar Nachfragen in der Sitzung, aber keine größere Diskussion, schließlich kann kein Beschluss gefasst werden, weil zu wenig Mitglieder anwesend sind.

"Art und Weise, die nicht okay ist": Spiegelberg-Kamens in Limburg bemängelt Kommunikation

Nachdem er sich zu Wort gemeldet habe, sei Viktoria Spiegelberg-Kamens mit Blick auf sein Interesse sehr "deutlich" geworden. "Sie wirkte getroffen", sagt Jens Fluck, der nach eigenen Angaben an diesem Abend vergeblich versucht hat, ihr seine Beweggründe deutlich zu machen. In der Kurzfassung lauten diese: Auch wenn er sich sehr kurzfristig entschlossen habe zu kandidieren, sei dies schon seit langer Zeit sein persönlicher Wunsch, zumal er bereits zwei Mal Ersatzkandidat für den damaligen Direktkandidaten Peter Rompf gewesen sei. "Mich erst in der Sitzung zu erklären, mag zwar formal korrekt sein, aber ich räume ein, ich hätte das im Vorfeld ankündigen sollen", sagt Fluck. Er habe erst wenige Stunden vor der Sitzung den Vorsitzenden über seine Absicht kandidieren zu wollen, informiert: Rompf habe das verwundert, aber neutral zur Kenntnis genommen.

Ein Ränkespiel weist Fluck zurück: Er schätze Spiegelberg-Kamens sehr, bedauere ihre Entscheidung, aus der Partei auszutreten, ausdrücklich, aber ja, er sehe sich inhaltlich durchaus als eine Alternative zu ihr. Sich selbst bezeichnet Fluck als Traditionssozialdemokraten, der vor allem Helmut Schmidt bewundert. Am Wochenende äußerte sich Spiegelberg-Kamens in den sozialen Medien über ihren Rücktritt, der "nichts mit den Werten der Sozialdemokratie zu tun hat, denen ich mich immer noch sehr verbunden fühle". Interessant ist vor allem diese Stelle: "Ich bin überzeugt, dass ich als Mensch mit meiner Geschichte und mit meinem Engagement die SPD in ihrer Vielfalt bereichert hätte", schreibt sie. "Nachdem aber nun zum zweiten Mal in Folge aus meinem eigenen Ortsverein eine Gegenbewerbung zu meiner Landtagsbewerbung aus der Führungsebene der Partei kam und mit einer Art und Weise, die nicht okay ist, hat mir das so was von unverblümt die Zukunft aufgezeigt, wie es immer und immer für mich in der SPD weiter gehen wird: Egal, wie sehr ich mich engagiere und um Zusammenhalt bemühe, ich werde unter der aktuellen Führung nicht ohne Schrammen beim Engagement davon kommen."

Limburg: SPD-Hoffnungsträgerin zieht sich zurück

Die Distanz scheint also im Laufe ihrer zehnjährigen Mitgliedschaft beidseitig geworden zu sein. Das bestätigte sie gestern in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Das Problem für sie sei nicht die Gegenkandidatur an sich gewesen, sondern dass man sie nicht vorher darüber informiert habe. Weder ein Peter Rompf noch ein Jens Fluck hätten ihr als Mitglied dieses Gremiums vor der Sitzung gesagt, dass es einen Gegenkandidaten geben werde. "Niemand ist auf mich vorher zugegangen", sagt sie. "Das war dann in der Sitzung eine schlimme Situation."

Sie brauche einen Ortsverein, eine Parteiführung in diesem Gremium, die wirklich hinter ihr stehe und sich an Absprachen halte. "Ich brauche einen sicheren Hafen." Den fand sie im Ortsverein nicht mehr. (Stefan Dickmann)

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