Blick in den Passivsammler am Musikhaus Sandner an der Schiede in Limburg. Im vergangenen Jahr war der Passivsammler die einzige von sechs Messstellen in der Innenstadt, an der der Grenzwert für Stickstoffdioxid deutlich überschritten worden ist.
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Blick in den Passivsammler am Musikhaus Sandner an der Schiede in Limburg. Im vergangenen Jahr war der Passivsammler die einzige von sechs Messstellen in der Innenstadt, an der der Grenzwert für Stickstoffdioxid deutlich überschritten worden ist.

Stickoxide

Limburg braucht kein Dieselfahrverbot: Wie repräsentativ sind die Messungen wirklich?

  • Stefan Dickmann
    VonStefan Dickmann
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Industrie- und Handelskammer und FDP-Abgeordnete machen gegen Dieselfahrverbote in Limburg mobil.

Limburg – Die Diskussion über die vom Land Hessen geplanten Dieselfahrverbote auf der Hauptverkehrsachse in der Limburger Innenstadt vom Frühjahr 2022 an für ältere Diesel der Normen Euro-4 und -5 hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg zum Anlass genommen, darauf hinzuweisen, dass die „Luft in Limburg immer sauberer wird“. Das treffe auch auf die Autos zu.

Der Kern dieser Botschaft lautet: Limburg braucht keine Dieselfahrverbote. Das Land will diese nächstes Jahr umsetzen, wenn bis dahin der Grenzwert für das durch Dieselabgase entstehende Atemgift NO2 nicht an allen Messstellen in der Innenstadt eingehalten wird.

Hintergrund ist eine Auseinandersetzung mit der Deutschen Umwelthilfe vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel. Die Umwelthilfe pocht darauf, dass die bereits seit dem Jahr 2010 geltenden Grenzwerte für NO2 in Limburg eingehalten werden. In einer Sondersitzung zweier Ausschüsse wollen sich die Stadtverordneten am Montag, 30. August, mit diesem Verfahren und den befürchteten Konsequenzen erneut beschäftigen.

Dieselfahrverbot in Limburg: Einzige Messstelle sei nicht repräsentativ

Der Vorschlag des Landes, Dieselfahrverbote einzuführen, soll Bestandteil des neuen Luftreinhalteplans für Limburg werden, der nach dem Willen des zuständigen Umweltministeriums spätestens im November verbindlich gelten und umgesetzt werden soll.

Auch die FDP-Landtagsabgeordnete Marion Schardt-Sauer aus Limburg, die auch Fraktionsvorsitzende der Liberalen in der Stadtverordnetenversammlung ist, hat sich in die Diskussion eingeschaltet. „Die Landesregierung muss die Messstellen in Limburg dringend nachbessern“, fordert sie in einer Pressemitteilung. Mit Blick auf ein IHK-Gutachten hält sie den Passivsammler am Musikhaus Sandner für „nicht repräsentativ“, der im vergangenen Jahr die einzige von sechs Messstellen in Limburg war, an denen der seit dem Jahr 2010 verbindlich einzuhaltende NO2-Grenzwert noch immer nicht eingehalten wird.

An der vielbefahrenen Schiede in Limburg nähmen die gemessenen Stickstoffdioxidwerte weiter ab und lägen auch im ersten Halbjahr dieses Jahrs unter dem Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, teilt die IHK mit. „Die Luft in Limburg ist in den letzten Jahren immer sauberer geworden, der Anteil von Stickoxiden hat in dieser Zeit stetig abgenommen“, erklärt die IHK weiter. Für das erste Halbjahr 2021 habe die IHK Limburg auf Basis der vom hessischen Umweltamt veröffentlichten Monatsdaten der Messstation vor Karstadt einen Durchschnittswert von 33,4 Mikrogramm errechnet.

IHK weist auf Corona-Effekt in Limburg hin: Stickstoffdioxidwerte liegen unter Grenzwert

Dieser Rückgang resultiert nach Einschätzung der IHK Limburg aus den für die Luftreinhaltung ergriffenen Maßnahmen der Stadt Limburg und vor allem aus der „kontinuierlichen Fahrzeugerneuerung mit einem immer höheren Anteil moderner Motoren“.

Noch im Jahr 2018 sei für die Messstation vor Karstadt ein Jahresdurchschnittswert von 49 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft festgestellt worden, 2019 noch 43 Mikrogramm und im vergangenen Jahr dann 34,5 Mikrogramm, wobei die IHK auf den Corona-Effekt in 2020 hinweist mit einem zum Teil deutlichen Rückgang des Verkehrs. Doch auch dieses Jahr gehe es weiter bergab.

Schon vor der Corona-Krise hätten die an der Messstation gemessenen Werte zwischen 2015 und 2019 Jahr für Jahr im Durchschnitt um drei Mikrogramm abgenommen. Angelehnt an die positive Entwicklung der Werte der Messstation und die Annahme einer weiter positiven Entwicklung gehe die IHK davon aus, dass auch nach Abflauen der Corona-Auswirkungen auf den Verkehr die repräsentativen Messwerte für den Schiede-Abschnitt nach dem Jahr 2020 auch dieses Jahr unter dem Grenzwert von 40 Mikrogramm liegen.

Landtagsabgeordnete Schardt-Sauer über Stickstoff-Messstellen in Limburg sehr unzufrieden

Ein von der IHK in Auftrag gegebenes technisches Gutachten habe zudem ergeben, dass die Messwerte der Messstation vor Karstadt die Schadstoffbelastung in dem Straßenabschnitt in etwa repräsentativ widerspiegelt. Im Unterschied dazu bildeten die Messwerte des Passivsammlers auf der anderen Straßenseite (vor dem Musikhaus Sandner) jedoch nur "den Umweltzustand von einem sehr kleinen Raum in unmittelbarer Nähe dieser Messstelle ab".

Die Landtagsabgeordnete Marion Schardt-Sauer, zeigt sich in ihrer Presseerklärung mit den Messstellen im Limburger Stadtgebiet sehr unzufrieden. "Die Verantwortlichen haben bei der Auswahl der Messplätze, bei der Überprüfung durch den TÜV-Rheinland und den daraus gezogenen Konsequenzen möglicherweise eklatante Fehler aufgewiesen", sagt sie. "Das kann nicht im Interesse der Bürger sein."

Die Messergebnisse seien die wesentliche Grundlage für die Beschränkung von Grundrechten, die mit einem Dieselfahrverbot in Limburg drohten. Schardt-Sauer hat daher eine weitere kleine Anfrage an die hessische Landesregierung gerichtet, die kritisch das Vorgehen der Verantwortlichen hinterfrage.

Dieselfahrverbote als Gefährdung des gesamten Wirtschaftsstandorts Limburg

Sie kritisiert, dass die Messstation und der Passivsammler sich an der gleichen Stelle zwar gegenüberstehen, aber „zu völlig verschiedenen Ergebnissen kommen“. Zudem schwankten die Messergebnisse in Limburg unabhängig von der Verkehrsstärke teilweise erheblich.

Der TÜV-Rheinland hätte sich schon vor langer Zeit darüber Klarheit verschaffen können - doch leider sei nie ein Mitarbeiter vor Ort gewesen, um sich selbst ein Bild über die Lage zu verschaffen. Die Bewertung der Messstellen sei ausschließlich "aus der Ferne mit Hilfe von Bildern und Dokumenten" erfolgt.

„Das macht einen sprachlos. Hier droht durch Fahrverbote in der Konsequenz nichts Geringeres als die Gefährdung des gesamten Wirtschaftsstandorts Limburg“, erklärt Marion Schardt-Sauer. „Die Landesregierung müsse sich die Frage gefallen lassen, ob sie das Leben der Bürger auf der Grundlage wissenschaftlicher Fakten oder aus „ideellen Überzeugungen“ beeinflussen möchte. (Stefan Dickmann)

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