Geschäftsführer Jürgen Kratzheller von der SES GmbH, Sanierungs- und Entsorgungssysteme, in Fussingen macht einen Selbsttest.
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Geschäftsführer Jürgen Kratzheller von der SES GmbH, Sanierungs- und Entsorgungssysteme, in Fussingen macht einen Selbsttest.

Corona-Pandemie

Unternehmen kritisieren Verpflichtung zu Coronatest-Angebot

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  • Anken Bohnhorst-Vollmer
  • Rolf Goeckel
    Rolf Goeckel
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Viele Unternehmen im Landkreis Limburg-Weilburg bieten Corona-Tests an, meist in Zentren während der Arbeitszeit. Vertreter der IHK zeigen sich von den Plänen der Politik enttäuscht.

Limburg - Kommt eine Corona-Testpflicht für Unternehmen? Das Bundeskabinett zumindest hat am Dienstag (13.04.2021) eine entsprechende Verordnung zum Arbeitsschutz beschlossen. „Diese Regelung gilt für alle Beschäftigten, die nicht dauerhaft im Homeoffice arbeiten können“, sagt Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Sie beinhaltet aber keine Testpflicht für Arbeitnehmer, sondern die Verpflichtung zu einem Testangebot pro Woche*.

Monika Sommer, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Limburg (IHK), zeigt sich enttäuscht darüber, dass insbesondere Bundesarbeitsminister Heil (SPD) trotz des bereits großen Engagements der Betriebe die Testpflicht geplant habe. „Eine staatliche Regulierung birgt aus unserer Sicht die Gefahr, dass das Engagement der Betriebe vor Ort mit ihrer Kreativität, ihrem Pragmatismus und ihrer Ergebnisorientierung erschwert wird“, sagt Sommer auf Anfrage dieser Zeitung. „Wir werben vielmehr für eine Unterstützung der Betriebe, um ihr Testangebot zu stabilisieren und ihren Beitrag zum Gesundheitsschutz noch weiter auszuweiten. Dabei sollte auch den unterschiedlichen Situationen vor Ort Rechnung getragen und sollten die Testaktivitäten mit dem Impfgeschehen verzahnt werden.“

IHK-Hauptgeschäftsführerin: Corona-Krise lässt sich nur miteinander bewältigen

Die Corona-Krise lasse sich nur mit großem Miteinander bewältigen, so Sommer. Dabei könnten die gemeinsamen Anstrengungen nur erfolgreich sein, wenn auch Politik und Verwaltung ihren Beitrag leisteten, um die in der Politik diskutierte Zielgröße von 90 Prozent zu erreichen. Die Industrie- und Handelskammern, so Sommer, unterstützten ihre Mitgliedsunternehmen bei den Corona-Tests mit vielfältigen Informationen wie Schulungen, Webinaren, Podcasts, Videofilmen, FAQs auf einer eigenen Website sowie einer breit angelegten Social-Media-Kampagne.

Die 50 Mitarbeiter des Mineralbrunnens in Oberselters können sich derzeit freiwillig im Testzentrum von Trobasept in der Limburger Straße in Bad Camberg testen lassen. Die Unternehmensleitung hatte sich Gedanken gemacht, eine geeignete Lösung zu finden. „Wir hatten zuerst die Idee, die Mitarbeiter im Rahmen der Erste-Hilfe-Unterweisung zu schulen, damit sie die Tests selbst machen können, aber das hat sich als zu schwierig erwiesen“, sagt Betriebsleiter Alexander Fritz. „Selbsttests wären so möglich, aber die Schnelltests nicht. Davon hat uns auch das DRK abgeraten.“

Kreis Limburg-Weilburg: Durchführung der Corona-Tests wird durch Schicht-Betrieb erschwert

Der nächste Gedanke war, das Rote Kreuz oder einen Apotheker in die Firma zu holen, um zu testen. Das scheiterte aber am Drei-Schichtbetrieb. Die Tester hätten zu häufig anrücken müssen, um alle zu erreichen. Alexander Fritz kontaktierte das Testzentrum, der Betriebsrat gab sein Okay, und so haben alle Mitarbeiter nun die Möglichkeit, sich einmal in der Woche dort testen zu lassen. „Das geht relativ schnell, es ist auch nicht sehr voll dort, in der Regel ist das Testergebnis nach zehn Minuten da.“

Jeder Getestete bekomme ein Zertifikat, mit dem er sich in der Firma eine halbe Stunde Arbeitszeit gutschreiben lassen könne. „Eine gute Reglung“, so Fritz. Die Belegschaft sei zufrieden. „Es ist ein Angebot, denn jeder entscheidet freiwillig.“ Für Dieter Grötsch, Geschäftsführer der Muttergesellschaft Frankenbrunnen, ist das eine sehr gute Lösung, weil sie praktikabel ist und Akzeptanz findet. Zur gesetzlichen Vorschrift der Test stellt Grötsch fest: „Ich bin ein Verfechter der freiwilligen Tests. Jedes Unternehmen, das ein bisschen mit der Zeit geht, wird das recht offensiv machen. Schließlich geht es um die Gesundheit der Mitarbeiter.“ Wer dieses System unterlaufen wolle, werde auch bei gesetzlichen Vorgaben sicher einen Weg dazu finden.

Seit mehr als zwei Wochen bietet die SES GmbH, Sanierungs- und Entsorgungssysteme, aus Waldbrunn ihren Mitarbeitern regelmäßige Covid-19-Tests an. Zweimal wöchentlich könnten die 26 Beschäftigen dieses Angebot nutzen, sagt Stefan Neuß, zuständig für die Betriebsleitung. Sollten die Mitarbeiter das Bedürfnis nach einer feinmaschigeren Überprüfung haben, könnten sie die Mund-Nasen-Tests auch häufiger durchführen. Damit trage man dem Sicherheitsgefühl und der Gesundheit Rechnung, sagt Neuß. Den Mitarbeitern werden die Tests ebenso wie die medizinischen Masken kostenlos zur Verfügung gestellt. Zu den Kosten, die dem Unternehmen durch diese Maßnahme entstehen, machte der Betriebsleiter keine Angaben.

Corona-Testangebote: Betriebe in Limburg arbeiten mit Roten Kreuz zusammen

Regelmäßig getestet wird auch bei der Sterntaler GmbH in Dornburg. Seit drei Wochen arbeite man mit dem Roten Kreuz Limburg zusammen, berichtet Philipp Stahl, zuständig bei Sterntaler für das Finanz- und Personalwesen. Den rund 240 Mitarbeitern werden an zwei Tagen in der Woche Test-Termine im Zwei-Minuten-Rhythmus angeboten. Platz, um den nötigen Mindestabstand einzuhalten, habe man reichlich. Die Spuck-Untersuchung findet im Ausstellungsraum statt. "Es läuft reibungslos." Rund 95 Prozent der Beschäftigten nehmen die Möglichkeit wahr, sagt Stahl. Einen positiv getesteten Mitarbeiter gab es bei Sterntaler bislang nicht.

Die Limburger Blechwarenfabrik bietet seit Montag allen 320 Mitarbeitern Corona-Tests an. Allerdings nicht alleine im Unternehmen, sondern auch in einem der Testzentren in Limburg, wie Annika Trappmann, Mitglied der Geschäftsführung, erklärt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich außerhalb testen lassen, erhielten eine Zeitgutschrift, so Trappmann. Bereits in den zurückliegenden Wochen habe die Blechwarenfabrik Testangebote gemacht - allerdings nur, wenn es einen Verdachtsfall gegeben habe. Die Pläne der Bundesregierung, das Testen für Unternehmen verpflichtend zu machen, beurteilt sie positiv. Die große Frage sei allerdings, ob das Angebot auch wahrgenommen werde, so Annika Trappmann.

Unternehmer aus Limburg äußern Kritik an Corona-Testpflicht: Hohe Kosten

Bei Orth Automobile in Beselich werden seit zwei Wochen alle Mitarbeiter einmal pro Woche getestet, so Geschäftsführerin Anja Orth. Von den 90 Mitarbeitern würden im Schnitt 60 Personen getestet. Gleichwohl sieht Orth die Testpflicht kritisch. „Da hängen auch hohe Kosten dran, und viele Autohäuser leiden schon jetzt unter der Krise.“ Deshalb plädiere sie für eine freiwillige Regelung.

Elring Klinger in Runkel bietet seinen 380 Beschäftigten, davon 230 in der Produktion, schon seit längerem einen Test pro Woche an, so Firmensprecher Peter Renz. Jeweils dienstags hätten die Mitarbeiter die Möglichkeit, sich in einem von der Firma beauftragten Corona-Testbus, der Station auf dem Werksgelände macht, einem Schnelltest zu unterziehen. „Das funktioniert sehr gut“, sagt Renz mit Blick auf eine große Akzeptanz bei den Beschäftigten. Dennoch sehe Elring Klinger die Testpflicht „total skeptisch“. Zum einen fielen hohe Kosten an, zum anderen gebe es derzeit keine Möglichkeit, die Mitarbeiter zu einem Corona-Test zu zwingen. Letzteres ist in der Verordnung allerdings auch nicht vorgesehen.

Auch Verwaltungen in Limburg müssen Mitarbeiter auf Coronavirus testen lassen

Nicht nur die Betriebe sind in der Corona-Pandemie herausgefordert, sondern auch die Verwaltungen. Eine eigene Teststation hat dabei aber bisher keine Kommune aufgebaut, in der Arbeitszeit darf aber zum Testen gefahren werden.

In der Kreisverwaltung Limburg-Weilburg sind seit 1. April alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgefordert, regelmäßig die Bürgertestzentren zu nutzen, teilte Sprecher Jan Kieserg mit. Ob dieses Verfahren beibehalten werden kann, müsse im Zuge der derzeit laufenden Gesetzgebung bewertet werden. Zuvor war den Beschäftigten der Kreisverwaltung die Möglichkeit eingeräumt worden, sich regelmäßig in einer eigens von der Kreisverwaltung eingerichteten Teststelle einem Antigen-Test zu unterziehen, so Kieserg.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung Limburg sind seit Mitte März gebeten, sich wöchentlich testen zu lassen, teilte Sprecher Johannes Laubach mit. Dazu können sie während ihrer Arbeitszeit ein Testzentrum, zum Beispiel beim Globus-Markt in direkter Nähe des Stadthauses oder in der Innenstadt, aufsuchen, um sich kostenfrei testen zu lassen. Die Teststation sollte dabei möglichst nah am Arbeitsplatz liegen. Darüber hinaus gibt es in der Stadtverwaltung bisher keine weiteren Regelungen zum Testen, so Laubach.

Verwaltungen im Landkreis Limburg organisieren Corona-Teststellen

„Die Stadtverwaltung Hadamar ist augenblicklich im Begriff, eine regelmäßige Corona-Testung für ihr Personal zu organisieren“, teilt Peter Martin-Pietsch, Sprecher der Stadt, mit. Hierzu befinde sich die Verwaltung im direkten Austausch mit einer Apotheke und vier Arztpraxen für Allgemeinmedizin. Angestrebt werde, den 75 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Stadt anzubieten, sich „einmal in der Woche kostenlos in Zehnergruppen testen zu lassen“, sagt Martin-Pietsch. Die Beschäftigten hätten „bereits ihr Interesse an einem Testangebot bekundet“. Bis spätestens Ende April soll die Planung umgesetzt werden.

In der Stadtverwaltung Runkel erhält jeder Mitarbeiter einen Selbsttest pro Woche, um sich testen zu können, teilte Bürgermeister Michel Kremer (parteilos) mit. Darüber hinaus habe jeder Mitarbeiter einmal pro Woche die Möglichkeit, während der Arbeitszeit in ein Testzentrum zu fahren, um sich dort einem Test zu unterziehen, so der Verwaltungschef.

Coronavirus: Selbsttests, Tests in Arztpraxen und in Testzentren

Die Gemeindeverwaltung Hünfelden hat Selbsttests bestellt, erläutert Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer (parteilos). „Wir wollen damit jetzt starten. Und natürlich können die Mitarbeiter auch zu den Ärzten und Testzentren gehen.“ Das Ganze ist freiwillig. „Es wird niemand gezwungen, das ist eine Frage der Eigenverantwortung.“ Wenn zweimal die Woche getestet werde, stärke dies das Sicherheitsgefühl für sich selbst und andere. „Alle Hygienemaßnahmen wie Maske tragen bleiben natürlich bestehen, viele arbeiten weiter im Homeoffice, dann gibt es mehr Abstand. Außerdem sind in den Kitas viele Mitarbeiterinnen schon geimpft.“

Die Tests seien eine weitere wichtige, flankierende Maßnahme. Das betrifft zum Beispiel auch die Parlamentssitzungen und die Feuerwehren. „Wir werden die Tests gezielt verteilen, so dass der Übungsbetrieb laufen kann. Denn trainieren müssen sie ja“, sagt die Bürgermeisterin. (Anken Bohnhorst-Vollmer, Rolf Goeckel, Petra Hackert) *merkur.de ist Angebot von IPPEN.MEDIA.

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