Komödie

„Troll dich, alter Fuchs“

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Eine Komödie der besseren Art: Mit „Volpone“ von Ben Johnson – in der Bearbeitung von Stefan Zweig – hatte die Kulturvereinigung ein Stück über die menschliche Gier auf die Bühne der Stadthalle geholt.

Gibt es ein besseres Komödien-Thema als das Begehren? Und da ist es schon fast egal, was das Objekt der Begierde ist – ein Mann, eine Frau, ein neues Auto oder Geld. Niemals gibt der Mensch mehr von sich preis, als wenn er irgendetwas unbedingt haben will. Das weiß natürlich auch Volpone, denn er ist ein Fuchs – und deshalb nutzt er das Verlangen der anderen für seine bösen Spielchen. Und bereitet damit denen, die ihm im Theater dabei zuschauen können, große Freude.

In der Realität natürlich nicht, denn da hat die Niedertracht, mit der Volpone die Menschen manipuliert, um sich an ihnen zu bereichern, fatale Folgen. Aber die wollte Stefan Zimmermann in seiner Version der Komödie „Volpone“ gar nicht zeigen. Milliardenpleiten, Bankenkrisen und Staatsbankrotte sind kein Thema. Die Besucher der Stadthalle sahen eine Komödie über die Typen, die für die Probleme verantwortlich sind.

Stefan Zimmermanns Inszenierung verzichtet auf modernistische Regieeinfälle, die Kostüme könnten Männer und Frauen irgendwie immer tragen, zumindest seit der Zeit, in der Stefan Zweig seine Bearbeitung des Ben-Johnson-Volpone geschrieben hat, und das Bühnenbild sieht ein bisschen nach Venedig aus, der Spitzbögen wegen. Dieser Volpone will vor allem eine gute alte Komödie sein, ein bisschen Commedia dell’arte, ein bisschen Moral und viel Spaß an der Freude – mit einem zeitlosen Thema.

Es geht um Volpone, einen alternden Mann, der eine ziemlich sinnliche Beziehung zum Geld hat. Weil er davon gar nicht genug bekommen kann, überlegen er und sein Diener Mosca, wo noch mehr zu holen wäre: bei den habgierigen Venezianern. Also stellt sich Volpone todkrank und wartet auf Geschenke.

„Die Männer geben mir Geld, die Weiber ihre offenen Beine“ – immer in der Hoffnung, dass sie dann Volpones Vermögen erben. Das Stöhnen und Husten lohnt sich, Volpone bekommt noch mehr Gold – und wer selbst nichts hat, bezahlt mit Sex. Das böse Spiel fällt erst auf, als ihm jemand widersteht: Colomba, die Naive. Wegen versuchter Vergewaltigung muss Volpone vor Gericht – aber auch das ist nicht sein Ende. Weil alle die Blamage fürchten.

Nur Volpone hat immer noch nicht genug: Um sich an der Wut der Betrogenen zu ergötzen, stellt er sich tot, setzt seinen Diener als Alleinerben ein und lädt zur Testamentseröffnung in sein Haus. Doch am Ende ist Volpone der Geprellte: Mosca erweist sich als gelehriger Schüler seines Herrn: „Troll dich, alter Fuchs“, ruft er und schmeißt ihn raus. Zum Schluss tritt Mosca an den Bühnenrand und spricht zum Publikum: „Kein Wort mehr von Geld. Wir wollen lachen über Narren und Geldnarren, und dann gehen wir nach Hause, und jeder schläft mit seiner eigenen Frau.“

Mosca (die Schmeißfliege) ist der eigentliche Held dieser Komödie. Weil er der Gerissenste ist von allen, weil er am Ende doch so etwas wie Moral zeigt, und weil Markus Völlenklee ihn so wunderbar spielt. Er schwirrt tatsächlich fast wie eine Fliege über die Bühne, ist überall und nirgends, biedert sich hier an, stiftet dort Verwirrung. Und in seinem Gesicht ist all das zu lesen, was ihn bewegt.

Markus Völlenklee ist an diesem Abend auch der Einzige mit einer größeren Rolle, der von der Ursprungsbesetzung übrig blieb. Michael Roll ist als Volpone zu sehen, weil die erste Besetzung krank ist. Er kann ganz wunderbar todkrank röcheln, stöhnen und husten, aber er ist einfach zu freundlich für einen bösartigen, gierigen alten Mann. Ganz spontan musste an diesem Abend der Regisseur einspringen: Stefan Zimmermann war auf der Bühne als Voltore (der Geier) zu sehen – und er machte seine Sache auch in dieser Rolle gut. Dass er vor Gericht seinen Text zum Teil ablesen musste, macht gar nichts – schließlich gehören Schriftsätze zu allen Zeiten vor Gericht dazu. Dass auch die tugendhafte Colomba (Stefanie Schuster), die promiskuitive Canina (Juliane Fechner) die zweite Besetzung waren, schadet ebenfalls nicht. Das Ensemble hatte Freude am Spiel und Freude am Überzeichnen. Was will man mehr bei einer Komödie?

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