Schweißen gehört bei einigen handwerklichen Ausbildungen zur Lehre dazu. Die Kreishandwerkerschaft rechnet damit, dass in diesem Ausbildungsjahr rund zehn Prozent der ausgeschriebenen Stellen nicht besetzt werden können.
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Schweißen gehört bei einigen handwerklichen Ausbildungen zur Lehre dazu. Die Kreishandwerkerschaft rechnet damit, dass in diesem Ausbildungsjahr rund zehn Prozent der ausgeschriebenen Stellen nicht besetzt werden können.

Weniger Verträge wegen Pandemie

Trotz Corona-Krise: Es gibt noch freie Lehrstellen in und um Limburg

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Die duale Ausbildung kämpft mit Imageproblemen. Auch das Coronavirus verhindert Werbung für die Handwerksberufe.

Limburg -Verlässliche Zahlen gibt es noch nicht. Das neue Ausbildungsjahr hat zwar am 1. August begonnen, aber erst Ende September, Anfang Oktober, vielleicht auch noch später, wird sich zählen lassen, welche Auswirkungen das Coronavirus auf den Ausbildungsmarkt hat. Dass es Auswirkungen hat, steht aber längst fest. Dass es zum Beispiel einen Trend verstärkt, den Handwerk und Industrie schon lange verzeichnen: Dass Ausbildungsverträge immer später abgeschlossen werden. "Das ist ein schnelles Geschäft geworden", sagt Stefan Laßmann, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Dass die Pandemie das größte Problem der Betriebe noch größer macht, ist ebenfalls klar: Es gibt zu wenig Bewerber. "Immer mehr Unternehmen in der Region klagen, dass es zunehmende schwerer fällt, offene Ausbildungsplätze mit passenden Bewerberinnen und Bewerbern zu besetzen", sagt Jutta Golinski. Sie muss es wissen, sie ist Leiterin des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg.

395 Ausbildungsverträge in Limburg unterschrieben

Zwar hätten einige Unternehmen aus der Gastronomie, dem Handel, der Tourismus- oder Veranstaltungsbranche keine Ausbildungsstellen ausgeschrieben, weil sie nicht wüssten, wie sie die Pandemie überstehen, "aber die meisten Betriebe setzen weiterhin auf die Ausbildung", um Fachkräfte zu bekommen, sagt Golinski. Bei der IHK Limburg seien bis Ende Juli 395 neue Ausbildungsverträge eingetragen worden, zwar 8,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor, aber immer noch mehr als im Hessen-Durchschnitt: Da ist ein Minus von 21,7 Prozent ausgerechnet worden. "Aber wir rechnen noch mit einem deutlichen Zuwachs in den nächsten Wochen und Monaten." Dass das Minus vor der Zahl ganz verschwindet, glaube sie allerdings nicht, sagt Jutta Golinski. Es gebe auf alle Fälle noch freie Stellen, "auch sehr attraktive".

Er rechne damit, dass rund zehn Prozent der ausgeschriebenen Stellen am Ende nicht besetzt werden können, sagt Stefan Laßmann. Und das habe auch mit dem Virus zu tun, genauer: damit, dass das Handwerk keine Werbung für sich machen konnte. Berufsmessen, Praktika, Berufsorientierungsmaßnahmen - alles fiel in diesem Jahr dem Virus zum Opfer. Und das Handwerk habe nach wie vor ein Image-Problem: Wer intellektuell begabt sei, der gehe aufs Gymnasium - und wer nicht, der bekomme eben Nachhilfe, damit er Abitur machen kann. Für viele Eltern kommt eine Lehre für ihr Kind gar nicht in Frage.

"Der Trend der Akademisierung ist anhaltend und ein zentrales Problem für die Anerkennung der Dualen Ausbildung in unserer Gesellschaft", sagt Jutta Golinski. Stefan Laßmann formuliert es so: "Wir nehmen auch Abiturienten." Denn ein Handwerker müsse vieles können - auch Betriebswirtschaft. Und die Zahlen sprächen doch für sich: "Eine Handwerksausbildung ist die beste Versicherung geben Arbeitslosigkeit." Auch in Zeiten wie diesen. Die Baubranche boomt, was fehlt sind die Handwerker. Dabei hätten sie gute Perspektiven. Wie das so ist in der Marktwirtschaft: "Ein knappes Gut wird teurer."

Handwerk in Limburg: Gute Verdienstmöglichkeiten

Die Verdienstmöglichkeiten im Handwerk seien gut - das habe sich aber noch immer nicht herumgesprochen. Genauso wenig wie die Ergebnisse der Studien, die besagen, dass die Arbeitszufriedenheit im Handwerk deutlich höher sei als in klassischen Bürojobs. "Denn man sieht, was man gemacht hat." Selbstwirksamkeit ist das Stichwort. Und es könne doch nicht sein, dass handwerkliche Begabungen in einer Gesellschaft nichts wert sind. "Bei uns kann man Karriere machen", sagt Laßmann. Mit und ohne Abitur.

Die Ausbildungsprämie sei das richtige Signal, sagt Jutta Golinski. Alle Betriebe, die bestimmte Kriterien erfüllen, bekommen Geld für jeden neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag: 2000 Euro, wenn sie nicht weniger Azubis einstellen als in den Jahren zuvor; 3000 Euro, wenn sie sogar mehr Auszubildende nehmen.

Aber erst einmal welche finden: Die Einen wollen nicht, weil sie sich mit Abitur zu anderem berufen fühlen, manch anderer trifft die falsche Wahl, weil er gar nicht weiß, was er kann. Deshalb sei es wichtig, dass die Berufsorientierung schon in den Schulen stattfinde, sagt die Leiterin des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung. Und dass Jugendliche auch mal selbstständig in den Ferien ein Praktikum absolvieren. "Denn nur wer ausprobieren darf, was ihm Spaß macht und wo seine Stärken liegen, wird eine erfolgreiche Berufswahl treffen."

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