Mit dem "Tübinger Tagesticket", das es nach einem negativen Schnelltests gibt, kann man Kultureinrichtungen und Außengastronomie in der baden-württembergischen Stadt nutzen.
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Mit dem "Tübinger Tagesticket", das es nach einem negativen Schnelltests gibt, kann man Kultureinrichtungen und Außengastronomie in der baden-württembergischen Stadt nutzen.

Öffnungen in der Corona-Pandemie

Tübingen als Vorbild?

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  • Stefan Dickmann
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Grüne fordern Öffnung mit Tests - Kreis Limburg-Weilburg und Kommunen wollen prüfen.

Limburg -Können sich Limburg oder gleich der ganze Landkreis Limburg-Weilburg am "Tübinger Modell" orientieren und so dank Tests wieder deutlich mehr öffentliches Leben ermöglichen? Zumindest will auch das Land Hessen solche Modellregionen zulassen - und einige Städte haben sich auch schon beworben, darunter Frankfurt, Fulda, Alsfeld, Bad Homburg, Bad Nauheim Büdingen und Rüdesheim. Die Stadt Limburg und der Landkreis sind da allerdings noch zurückhaltender, sprechen lediglich davon, dies zu prüfen.

Die Limburger Grünen und die Kreistagsfraktion der Grünen fordern dagegen Limburgs Bürgermeister Marius Hahn (SPD) und Landrat Michael Köberle (CDU) auf, das "Tübinger Modell" für mehr Corona-Öffnungsschritte zu übernehmen. Dazu solle Bürgermeister Hahn umgehend Kontakt mit dem hessischen Gesundheitsminister aufnehmen mit dem Ziel durch kreative Lösungen mehr Öffnungen zu ermöglichen, fordern die Grünen.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) will mit demModell belegen, dass Restaurants und Theater während der Pandemie wieder sicher geöffnet werden können. Dafür vergibt die Stadt Tübingen nach einen negativen Corona-Test eine personalisierte Bescheinigung. Dieses sogenannte "Tübinger Tagesticket" berechtigt zum Besuch von Kultureinrichtungen und Außengastronomie.

"Dieses kluge Öffnungskonzept sollten wir in Limburg umsetzen", sagt Sebastian Schaub, Mitglied des Limburger Ortsvorstandes. "Wir wollen sowohl den Branchen, die besonders vom Lockdown betroffen sind, als auch den Bürgerinnen und Bürgern neue Perspektiven eröffnen, und zwar ohne Abstriche bei der Sicherheit machen zu müssen. Das ,Tübinger Modell' ist für uns in diesem Kontext eine echte Möglichkeit" erklärt die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Sabine Häuser-Eltgen, und richtet an Landrat Köberle den dringenden Appell, sich auf Landesebene ebenfalls für ein Modellprojekt Limburg stark zu machen. Durch die Schnellteststationen bei Globus, in der Werkstatt, der Markthalle sowie mehreren Arztpraxen/Apotheken sehen die Grünen die Grundlage für ein effektives Testkonzept gegeben. Nur ein negativer Test könne eine Rückkehr zur Normalität, einen Besuch von Geschäften, Gastronomie, Theatern, Kinos oder Sportstudios ermöglichen.

Gespräche mit Verbänden

und Institutionen

Wie Kreissprecher Jan Kieserg mitteilt, prüfe der Landkreis Limburg-Weilburg "intern eine mögliche Umsetzung eines solchen Modells. Gegebenenfalls - insbesondere vor dem Hintergrund des lokalen Infektionsgeschehens im Landkreis, der Einbeziehung der Antigen-Testzentren, IT-gestützter Prozesse zur Kontaktnachverfolgung, einer engen Rückkopplung an das Gesundheitsdienst und verlässlicher Impfstofflieferungen - wären gewisse Öffnungsschritte auf Basis einer Allgemeinverfügung nach vorherigem negativen Antigen-Test ab einem gewissen Zeitpunkt möglich", so Kieserg. Dazu sollten auch Gespräche mit Institutionen und Verbänden stattfinden. Ansonsten wollten sich weder Landrat Köberle noch Erster Kreisbeigeordneter Jörg Sauer (SPD) zu dem Thema äußern.

Die Stadt Limburg begrüße grundsätzlich Möglichkeiten, um gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben in der Innenstadt zu stärken und zu beleben, wie der Sprecher der Stadt, Johannes Laubach, auf Anfrage mitteilt. "Das ,Tübinger Modell' steht bei uns bereits auf der Agenda." Seit der vergangenen Stadtverordnetenversammlung habe der Magistrat einen klar umrissenen Auftrag, fußend auf einem Antrag der SPD-Fraktion, der mit deutlicher Mehrheit bei einer Gegenstimme der Grünen angenommen worden sei. Der Auftrag laute, ein Konzept zur Umsetzung des "Tübinger Modells", angepasst an die Limburger Verhältnisse, vorzulegen und dies in Abstimmung mit dem Landkreis zu tun. "Das ist auch zwingend notwendig, denn zu dem ,Tübinger Modell' gehört ganz entscheidend, dass der Zugang zur Stadt mit Einkaufen und Besuch von gastronomischen Betrieben an Schnelltests gebunden ist", sagt Laubach. "Das geht nur mit Einbindung des Kreisgesundheitsamts, gegebenenfalls dieses sogar nur als Zwischenstation zur Landesregierung." Aufgrund der vielfältigen Schnelltest-Möglichkeiten in Limburg sehe die Stadt Limburg jedoch sehr gute Voraussetzungen. Welche Vorstellungen der Bürgermeister dabei hat, erläuterte er gestern auch bei einem Besuch des ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck in Limburg (siehe Seite 11).

Zudem gebe es zwischen der Limburger Stadtverwaltung und dem City Ring bereits erarbeitete Modelle einer Zusammenarbeit, um Einkaufsformen wie "click and meet" möglichst breit, also mit möglichst vielen Beteiligten aus dem Einzelhandel und der Gastronomie, aufzustellen und einheitlich über eine gemeinsame Plattform anzubieten. "Innerhalb der Verwaltung sind in der kommenden Woche Arbeitsgespräche terminiert, um all das zusammenzutragen, was schon angestoßen ist und um Problemfelder zu definieren", sagt Laubach, "Das Ziel ist es, möglichst zügig zu umsetzbaren Vorschlägen zu kommen."

Das "Tübinger Modell" sei grundsätzlich die zweitbeste Lösung im Kampf gegen die Corona-Pandemie, sagt Jens-Peter Vogel (SPD), Bürgermeister von Bad Camberg. "Nur die Impfung ist eine noch bessere Option." Laut dem Verwaltungschef der Kurstadt müsse man den "ausgehungerten Leuten" die Möglichkeit geben, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. "Das würde dann auch dazu führen, dass die Menschen die geltenden Corona-Regeln eher akzeptieren und sich an diese halten", so Vogel.

Zunächst in

ausgewählten Regionen

Der Bürgermeister von Bad Camberg hat allerdings auch Bedenken. "Sollte das ,Tübinger Modell' in vielen Kommunen gleichzeitig angewendet werden, könnten die Test- und Personalkapazitäten nicht ausreichen", sagt er. Deshalb sei es sinnvoll, das Modell zunächst nur in einigen ausgewählten Regionen anzuwenden. Damit es flächendeckend genutzt werden könne, benötige es eine gewisse Vorlaufzeit. "Das geht sicher nicht kurzfristig", so der Bürgermeister. Für die Stadt Bad Camberg sei das Konzept aus Tübingen sicher ein interessanter Ansatz. "Wir testen bereits jetzt verstärkt", sagt Vogel.

Die Entscheidung über die Durchführung solcher Modellprojekte liege bei der Landesregierung, sagt Weilburgs Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch (CDU). Erst wenn diese durch eine Verordnung die Umsetzung erlaube, werde man das auch in Weilburg in Betracht ziehen. Hanisch fügt hinzu, dass er solchen Projekten, wie dem "Tübinger Modell", generell offen gegenüber stehe. Aber er habe nicht die rechtliche Grundlage, darüber zu entscheiden. Die liegen beim Land oder zumindest beim Landkreis.

Dennoch könne man Weilburg nicht mit Tübingen vergleichen. Das sei wie Äpfel und Birnen zu vergleichen, so der Rathauschef der Residenzstadt. Denn die Stadt befinde sich in einem anderen Bundesland mit einer anderen Verordnung und anderen Voraussetzungen. "Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir mit einer Test- und Impfstrategie mehr Lockerungen erreichen können", fügt er hinzu. Welche Konzepte sich auch durchsetzen werden, sie müssen sicher sein.

Liberale antworten

den Gastronomen

Während Rheinland-Pfalz zumindest die Außengastronomie für negative Getestete öffnet, bleibt in Hessen weiterhin Gastronomie und Handel weitgehend geschlossen. Dass den Gastronomen inzwischen die wirtschaftliche Situation so stark zusetzt, dass sie sich kaum noch zu helfen wissen und darüberhinaus auch die finanziellen Hilfen nur schleppend laufen, kritisieren die heimischen FDP-Wahlkreisabgeordneten aus Land, Marion Schardt-Sauer, und Bund, Alexander Müller, ausdrücklich. Entsprechend haben sie den Gastronomen aus dem Landkreis Limburg-Weilburg geantwortet, die an die heimischen Politiker einen offenen Brief geschrieben und auf ihre Notlage hingewiesen haben. Diese hatte darin auf Initiative von Christoph Herzberg eine Öffnung bis spätestens Ostern gefordert.

"Auch nach mehr als zwölf Monaten Pandemie fällt Bund und Ländern nichts anderes ein als Lockdown. Dabei zeigt ein Blick nach Tübingen und Rostock, wie man Öffnungen von Gastronomie, Kultur und Handel verantwortungsvoll mit einer Teststrategie ermöglichen kann", so Schardt-Sauer und Müller. Es bedürfe endlich einer Teststrategie, die festlegt, was man mit einem negativen Test darf. Dazu berge eine digitale Kontaktnachverfolgung große Chancen. Beide Abgeordnete bekräftigen: "Die Politik des ewigen Lockdowns muss durch Impfen und Testen endlich durchbrochen werden. Nur Öffnungen können die betroffenen Wirtschaftszweige noch retten."

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