+
Die Luftmessstation an der Schiede in Limburg wird alle vier Wochen gewartet; ein Mitarbeiter des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie schaut nach dem Rechten.

Diesel-Fahrverbot

Viele Fragen offen rund um die unbeliebte Messstation vor Karstadt

  • schließen

Sie misst ein Atemgift. Dessen Konzentration in der Luft ist in der Limburger Innenstadt zu hoch. Viel zu hoch. Deshalb könnte es 2020 zu einem Diesel-Fahrverbot kommen. Doch warum steht die Luftmessstation ausgerechnet dort, wo immer wieder Autos vor einer roten Ampel stehen? Und warum ist der Grenzwert für das Atemgift Stickstoffdioxid am Arbeitsplatz viel höher als auf der Straße?

Limburg - Der Umgang mit dem Atemgift Stickstoffdioxid, das auch durch Dieselabgase entsteht, bewegt die Gemüter in Limburg. Die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Grenzwerte seien „völlig willkürlich“, sagte CDU-Fraktionschef Dr. Christopher Dietz vor Kurzem. Und SPD-Fraktionschef Peter Rompf sagte: „Ich frage mich, warum es in Europa eine solche Diskussion in Deutschland offensichtlich nur gibt und warum der EU-Grenzwert für die Stickstoffdioxidkonzentration in der Außenluft 40 beträgt und der Arbeitsplatzgrenzwert mit 950 angegeben ist.“

Der Unmut ist entstanden, weil der Stadt Limburg vom Jahr 2020 an ein Fahrverbot für ältere Diesel-Pkw (Euro 4 und 5) droht. Im September 2018 hat die Deutsche Umwelthilfe vor dem Verwaltungsgericht Kassel Klage gegen den vom Land Hessen aufgestellten Luftreinhalteplan für Limburg gestellt, mit einem Urteil wird Mitte 2019 gerechnet. Ein Dieselfahrverbot würde die Einkaufsstadt Limburg empfindlich treffen. In der Domstadt fahren nur Busse, und das eher selten. Es gibt keine S-Bahnen, keine Straßenbahnen, keine U-Bahnen, die eine Alternative zum Auto wären.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht derzeit die Luftmessstation an der Schiede-Kreuzung vor Karstadt. Sie steht dort seit Sommer 2015, erinnert in ihrer Form an eine zu groß geratene Telefonzelle und saugt die Luft in mehrere Messgeräte für verschiedene Schadstoffe, darunter Stickstoffdioxid. Etwa alle vier Wochen schauen Mitarbeiter des Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie nach dem Rechten, tauschen Filter aus und überprüfen die Messgeräte.

Tägliche Daten

Ein Blick ins Innere der Luftmessstation vor dem Karstadt.

Diese Messstation liefert täglich Daten, anders als die vier Passivsammler, die so klein sind, dass sie die meisten Passanten übersehen. Deren Filter werden ebenfalls alle vier Wochen ausgetauscht und liefern monatliche Mittelwerte. Einer dieser Passivsammler ist auch der Grund, warum die Messstation dort steht, wo sie steht.

Auf der anderen Straßenseite, in Höhe des Musikhauses Sandner, ermittelt der Passivsammler den höchsten Wert an Stickstoffdioxid in Limburg. 2014 waren es 63 Mikrogramm im Jahresdurchschnitt; erlaubt ist seit 2010 nur ein Wert von maximal 40 Mikrogramm. Es war also eine sehr bewusste Entscheidung, die Station in der Nähe der höchsten Belastung aufzustellen. Ursprünglich sollte die Luftmessstation auch genau dort aufgebaut werden, direkt am Musikhaus Sander. Aus Platzgründen musste sie jedoch auf die andere Straßenseite, wo sogar etwas niedrigere Werte ermittelt werden, die gleichwohl immer noch viel zu hoch sind.

Das Landesamt reagierte im Frühjahr 2015 auf Anweisung des Umweltministeriums in Wiesbaden, genauer gesagt von Dr. Marita Mang, die dort unter anderem für die Luftreinhaltung verantwortlich ist. Und sie reagierte mit ihrer Anweisung auf die über Jahre gemessene sehr hohe Luftbelastung in Limburg mit Stickstoffdioxid.

Der Staatssekretär im Umweltministerium, Karl-Winfried Seif, hatte der Stadt Limburg schon 2008 vorgeschlagen, Passivsammler zu installieren, um die Datenlage zur Luftqualität in Limburg zu verbessern. Zuvor soll es Beschwerden, auch von Bürgern, über die zu hohe Verkehrs- und Luftbelastung in Limburg gegeben haben. Auf Seifs Vorschlag hin wurden vier Passivsammler an starkbefahrenen Straßen installiert, zwei an der Schiede, darunter das Messröhrchen bei Musik Sandner, und jeweils einer an der Frankfurter und Diezer Straße, die seit dem Jahr 2009 betrieben werden.

Einheitliche Regelungen

Auch der Limburger Magistrat bemühte sich bis vor Kurzem noch um Erklärungen zum Standort. Wie Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) den Stadtverordneten jüngst mitteilte, beziehe sich das zuständige Landesamt auf die 39. Bundesimmissionsschutzverordnung, mit der die europäische Richtlinie über „Luftqualität und saubere Luft in Europa“ in deutsches Recht umgesetzt werde. Und diese Richtlinie beinhalte auch „einheitliche Regelungen“ zur bevorzugten Lage von Messstellen.

Auf gut Deutsch und ein bisschen polemisch formuliert: Wenn zum Beispiel Griechen und Italiener im Wald messen, und nur die Deutschen so doof sind, an der Straße zu messen, liegt das nicht an der bösen Europäischen Union.

Zurück zu Peter Rompf und seiner Frage zu den erstaunlichen Diskrepanzen bei der Grenzwerten auf der Straße (40 Mikrogramm) und im Büro (950 Mikrogramm): Denn er recherchierte auch die Antwort, von der er persönlich allerdings eher weniger überzeugt zu sein scheint: Der Grenzwert am Arbeitsplatz sei ein Wert „für die zeitlich begrenzte Belastung gesunder Arbeitender“, während von dem Wert in der Außenluft „auch empfindliche Personen rund um die Uhr betroffen sein können“.

Das Landesamt teilte dem Magistrat auch mit, dass der Schutzgedanke für die Bevölkerung nicht ausschließlich auf die Nähe reiner Wohngebiete oder Wohnungen beschränkt sei. Also: Auch wenn niemand an der Schiede-Kreuzung wohnen würde, würde die Luftmessstation dort trotzdem stehen bleiben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare