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Prozess

Das unfassbare Doppelleben eines Serien-Bankräubers

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Wie tickt ein Mensch, der seiner Familie fast 16 Jahre lang vorgaukelt, als Jurist bei Audi zu arbeiten, tatsächlich aber seinen Lebensunterhalt durch Banküberfälle „verdient“? Diese spannende Frage hat gestern im Prozess wegen erpresserischen Menschenraubs der Sachverständige beantwortet.

Maik I. hat sich darauf eingestellt, die nächsten Jahre im Gefängnis zu verbringen. Daran geht wohl kein Weg vorbei. Wenn es nach dem Sachverständigen geht, wird er aber „nur“ seine Haftstrafe verbüßen müssen und ihm die im Raum stehende Sicherungsverwahrung erspart bleiben.

Der 45-Jährige sei voll schuldfähig, sagt der Psychiater gestern vor der 5. großen Strafkammer des Limburger Landgerichts. Aufgrund des langen Zeitraums der Straftaten könne man zwar denken, dass der Angeklagte sich daran gewöhnt habe, seinen Lebensunterhalt durch Überfälle zu finanzieren. Von einem Hang dazu gehe er jedoch nicht aus, sagt Professor Dr. Henning Saß. Er glaube, dass der 45-Jährige diesen kriminellen Weg nach der Haft nicht weitergehen werde.

Der Aachener gilt als einer der renommiertesten Gerichtsmediziner Deutschlands. Er hat zuletzt im NSU-Prozess Beate Zschäpe begutachtet. Für den 73-Jährigen ist klar, dass Maik I. unter keinen psychischen Störungen leidet. Die Vermutung ist angesichts des Doppellebens des Angeklagten zumindest nicht abwegig. Seiner Partnerin und seiner Mutter gaukelte er vor, nach abgeschlossenem Jura-Studium als Jurist bei Audi zu arbeiten.

Stattdessen hatte er lediglich einen Schein gemacht, das Studium nach fünfeinhalb Jahren geschmissen und seinen Lebensunterhalt durch Banküberfälle bestritten. „Ich wusste keine andere Lösung, um an Geld zu kommen“, sagt I. gestern. 20 Straftaten zwischen Oktober 2002 und Januar 2018 in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mit einer Beute von 400 000 Euro hat der Mann aus dem Kreis Siegen Siegen-Wittgenstein gestanden. Darunter Überfälle auf die Kreissparkasse in Frickhofen (2006), Obertiefenbach (2010) und Lahr.

„Der Angeklagte wusste, was da abläuft und was es bedeutet“, erläutert der Psychiater. Saß spricht von einer „Doppel-Existenz“. Die Fähigkeit, einen Teil des Lebens abzuspalten, sei bei Maik I, sehr stark entwickelt. Unangenehmes und Belastendes verdränge er lieber. Er sei sehr egozentrisch, und bei seinem Bedauern spiele eine Spur Selbstmitleid mit. Der Sachverständige hält die Reue des Angeklagten für authentisch; die Straftaten würden nicht dessen sonstigem Wertegefühl entsprechen.

Dieses „tragfähige Wertegefühl“ nennt der Gutachter als einen der Gründe, die gegen eine Sicherungsverwahrung sprechen. Außerdem die enge Bindung an die Familie und die in der Haft angestrebte Ausbildung.

„Ich halte ihn für lernfähig“, sagt Saß auf die Frage des Verteidigers – mit dem Zusatz „. . .wenn er realistisch bleibt.“ Dies sei der Angeklagte wohl erst in der Hauptverhandlung geworden, sagt Saß. Bis dahin sei Maik I. auf sich selbst fokussiert gewesen. „Er hat vorher mehrfach betont, wie anstrengend, belastend, quälend und beängstigend das alles für ihn gewesen ist.“ Erst durch die direkte Konfrontation mit den Opfern sei ihm klar geworden, welches Leid er ihnen zugefügt habe.

Der Vorsitzende Richter Marco Scherer hakt wegen der kriminellen Energie des Angeklagten nach. Diese sei nicht zu leugnen, erklärt Saß. Der Bankräuber habe seine Überfälle sorgfältig geplant, dabei auf gute Fluchtwege und weit entfernte Polizeistationen geachtet. Das hänge mit der selektiven Wahrnehmung, Verdrängung und Abspaltung zusammen.

Der Psychiater hatte eingangs den Werdegang von I. beleuchtet, der sich von klein auf von seinem despotischen Vater bedroht gefühlt habe. Einen Suizidversuch wertet Saß als „unentschiedenes Probieren“. Das Jura-Studium sei „hoch gezielt“ gewesen, weil dafür das Geld gefehlt habe. Maik I. habe vor seinem ersten Überfall 20 000 Euro Schulden angesammelt und aus einer finanziellen und beruflichen Notsituation heraus die falschen Entscheidungen getroffen.

Der 45-Jährige berichtet unter Tränen und mit stockender Stimme über sein Leben. „Es tut mir für alle Betroffenen unheimlich leid“, sagt Maik I. „Ich habe alle enttäuscht.“ Seine Lebensgefährtin und seine zweijährige Tochter seien sein großer Rückhalt. Seine Mutter und seine Partnerin – selbst Bankangestellte – sitzen an jedem Verhandlungstag im Zuhörerraum.

Nächsten Freitag plädieren Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Wahrscheinlich fällt dann auch das Urteil.

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