Boris Palmer
+
Boris Palmer

Prominenter Gast

"Von Tübingen kann man viel lernen"

  • vonRobin Klöppel
    schließen

Limburger Grüne sprechen mit Boris Palmer über Corona-Management und Klimaschutz.

Limburg -Über "Corona-Management und Städtischer Klimaschutz - Das Tübinger Erfolgsmodell" haben die Limburger Grünen am Dienstagabend mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer gesprochen. Unter dem seit 2007 amtierenden Tübinger Verwaltungschef konnte die 90 000 Einwohner zählende baden-württembergische Universitätsstadt am Neckar den CO2-Ausstoß innerhalb von sieben Jahren um 32 Prozent verringern, während das im bundesweiten Schnitt nur um acht Prozent gelang. Ebenfalls konnte Tübingen unter anderem durch Schutz der Risikogruppen und frühes Testen die Corona-Inzidenzwerte niedrig halten. Seit vier Wochen liegen sie unter 35, so dass Tübingen Einzelhandelsgeschäfte wieder öffnen konnte.

"Das sind zwei Themen, mit denen wir uns auch im Limburger Stadtparlament sehr stark beschäftigen", betonte der Limburger Grünen-Fraktionssprecher Dr. Sebastian Schaub. Die Bürgermeisterkandidatin der Grünen, Birgit Geis, glaubt, das Thema Corona werde "uns noch lange beschäftigen". Es sei nicht nur ein gesundheitliches Problem, sondern führe bei Menschen auch zu finanziellen Problemen, Überlastung und Vereinsamung.

Geis sagte, dass der volkswirtschaftliche Schaden riesig sein werde, wenn nicht konsequent genauso die Klimakrise bekämpft werde. Diese führe aktuell schon zu stärkeren Unwettern und trockenen Böden, die zu einem Absterben der Wälder führten. Birgit Geis möchte dazu beitragen, dass das anspruchsvolle Ziel Tübingens -eine klimaneutrale Stadt bis 2030 zu erreichen - ebenso in Limburg Realität werden kann.

Präventives und

engmaschiges Testen

Boris Palmer versprach, Limburg nach Ende der Corona-Pandemie mal zu besuchen, das er bisher nur vom Vorbeifahren mit dem Schnellzug kenne. Erstaunt war der bekannte Grünen-Politiker darüber, dass im Grünen-Videotalk auch Geis' Mitbewerber Dr. Marius Hahn (SPD) als Gast dabei war. "So etwas habe ich ja noch nie erlebt. In Limburg geht es offenbar unter den Bewerbern sehr sportlich zu", sagte Palmer.

Wie er die Corona-Zahlen in Tübingen niedrig halten konnte? "Wir haben von Anfang an präventiv und so engmaschig wie möglich die Bewohner in den Seniorenheimen sowie die Mitarbeiter getestet", erläuterte der 48-Jährige. Auch die Besucher seien zu Schnelltests animiert worden. Somit habe es, wie Palmer berichtete, lange in den Tübinger Seniorenheimen gar keine Infektionen gegeben.

Zudem habe es in den Tübinger Geschäften, wie der Bürgermeister berichtete, morgens eine Einkaufsstunde nur für Senioren gegeben. Und den älteren Mitbürgern seien vergünstigte Taxifahrten angeboten worden, damit sie morgens nicht zusammen mit Schülern in überfüllten Bussen hätten in die Stadt fahren müssen. Seit November könnten laut Palmer die Bürger in der Stadt kostenfreie Corona-Schnelltests machen. Dadurch seien 350 positive Fälle frühzeitig bekannt und weitere Ansteckungen verhindert worden.

In der Stadt gebe es aktuell drei und ab kommendem Wochenende sogar sechs Schnellteststationen. Wenn Bürger von auswärts nach Tübingen zum Einkaufen kommen wollten, müssten sie vorher einen Schnelltest machen, um nicht Corona in die Stadt einzuschleppen.

Grünen-Stadtverordneter Cornelius Dehm lobte Palmer für dessen Initiativen, von denen einige vom Bund übernommen worden seien. Wie er dafür Akzeptanz in seiner Stadt geschaffen habe, wollte Dehm wissen. Palmer sagte, dass das kein Problem gewesen sei, da Gemeinderat, Uniklinik, Deutsches Rote Kreuz und Seniorenbeirat von Anfang an dahinter gestanden hätten.

Corona-Vorsorge

kostete 500 000 Euro

Auf Marius Hahns Frage, was das alles gekostet habe, sagte Palmer: "Wir haben für die Corona-Vorsorge 500 000 Euro ausgegeben. Wenn wir das aber nicht getan hätten, wäre der volkswirtschaftliche Schaden viel größer gewesen." Birgit Geis lobte: "Ihr habt einfach angefangen. So sollte es in der Politik sein." Palmer sagte, bis 2030 eine klimaneutrale Kommune zu werden, sei ein hochgestecktes aber erreichbares Ziel. Tübingen habe alle städtischen Gebäude und Wohnungen energetisch auf den neuesten Stand gebracht, als erste Stadt Carsharing eingeführt und massiv das Radwegenetz ausgebaut. Denn mit keinem anderen Verkehrsmittel sei man in der Stadt schneller unterwegs. Samstags sei das Busfahren in Tübingen bereits für die Bürger kostenfrei, künftig solle es prinzipiell nichts mehr kosten.

Zudem gebe es keine kostenfreien Autoparkplätze mehr. So bekomme man die Menschen zum Umstieg, meinte Palmer. Beispielsweise seien die Bürger in Neubaugebieten verpflichtet, auf erneuerbare Energien zu setzen, was kein Problem sei, wenn diese dafür nicht höhere als marktübliche Preise zahlten. Auch die größten Firmen der Stadt zögen mit.

Birgit Geis forderte, die Stelle des Klimaschutzbeauftragten in Limburg müsse unbedingt wieder besetzt werden. Ihr Fazit: "Von Tübingen kann man viel lernen." Es reiche aber nicht, zu sagen, dass man etwas gegen den Klimawandel tun will. Man müsse solche Worte dann auch wirklich ernst meinen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare