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Hans-Martin G. auf der Anklagebank

Zeugenaussagen im Prozess

Vorstand der Volksbank Langendernbach betrog 78 Geldanleger

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Im Prozess gegen den langjährigen Vorstand der Volksbank Langendernbach wegen Untreue in 176 Fällen haben gestern die ersten Zeugen ausgesagt. Der Angeklagte entschuldigte sich bei allen – und einer zitierte aus der Bibel.

Mehrere Kunden von Hans-Martin G. berichteten gestern jeweils gut eine Stunde lang über ihre Geldanlagen und die Abwicklung. Am Ende wurde es dann immer theatralisch: Nachdem Richter, Staatsanwalt und Verteidiger mit der Befragung fertig waren, stand der Angeklagte von seinem Platz auf und entschuldigte sich bei jedem. 

„Es fällt mir schwer, Ihnen hier zu begegnen“, sagte er an einen 76-Jährigen gerichtet, den er 24 Jahre lang betreut hatte. „Wir hatten ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Das habe ich missbraucht und das bedauere ich.“ Einem 61-jährigen Kaufmann, der keinen Groll gegen den Ex-Volksbank-Chef hegte, sagte G.: „Sie fühlen sich zwar nicht betrogen, aber ich habe Sie betrogen, Unwahrheiten gesagt und falsche Angaben gemacht. Das tut mir leid – und noch mehr, dass das alles in der Öffentlichkeit ausgetragen wird und in der Zeitung steht.“ Der Zeuge bedankte sich für diese Geste des langjährigen Gemeindeältesten der Freien evangelischen Gemeinde und zitierte aus der Bibel: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ 

Es gibt viel zu sehen und zu hören bei Gericht

Da schluckten manche der zahlreichen Zuhörer, die meisten aus Langendernbach und Umgebung. Sie bekamen am dritten Verhandlungstag vor der 1. großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts viel zu sehen und hören. Die meisten Belege und Schriftstücke wurden auf einem Monitor gezeigt. Bei dem Kaufmann ging es etwa um Geldanlagen seiner Frau in Höhe von 431 000 Euro in zweieinhalb Jahren. Der 61-Jährige schien keine Probleme mit der Präsentation und seiner Rolle zu haben – ganz anders der 76-jährige Pensionär. 

„Ich finde das nicht in Ordnung, dass solche Zahlen in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Das sind Dinge, die dem Bankgeheimnis unterliegen. Daran sollte das Gericht sich halten“, sagte der Pensionär. Der Vorsitzende Richter Peter Scherer belehrte ihn: „Wir befinden uns in einem Strafverfahren. Die Unterlagen sind von der Volksbank zur Verfügung gestellt worden – sonst wären sie beschlagnahmt worden. Es ist erforderlich, dass diese Zahlen diskutiert werden. Da kommen wir nicht dran vorbei.“ In der Sache bestätigten die Zeugen die Anklagevorwürfe und die Einlassungen von Hans-Martin G. Der 63-Jährige zeigte sich erneut kooperativ und klärte auf, wo es etwas zu klären gab. 

Er versucht nicht, etwas zu verschleiern oder zu beschönigen. Die betrogenen Kunden erklärten übereinstimmend, dass sie dem Bankvorstand voll vertraut und das Geld bei ihm wegen der guten Konditionen (inklusive nicht erhobener Wertdepotgebühren) angelegt hatten – zu Zinssätzen zwischen 2,75 und 4,5 Prozent. Die Begründung für die Vorteile erschien ihnen plausibel: Es handele sich um Anleihen, die andere an die Volksbank zurückgegeben hätten und deshalb nun im Direktgeschäft zum Nominalpreis weitervermittelt würden. 

Für Notfälle immer eine sechsstellige Reserve zu Hause

Da alle Dokumente auf Original-Briefpapier und -Formularen der Bank ausgestellt und mit zwei Unterschriften versehen waren, schöpfte keiner Verdacht, zumal auch die vereinbarten Zinsen pünktlich eingingen. Hans-Martin G. bediente die Kunden korrekt und zuverlässig aus seiner eigenen Bank, der „G.-Bank“, wie er erläuterte. Selten musste er größere Summen auszahlen, weil die Anlagen, wenn sie fällig waren, in neue fingierte Wertpapiergeschäfte flossen. Und für Notfälle hatte der Siegerländer immer eine sechsstellige Reserve zu Hause. 

So war er auch flüssig, als der Kaufmann aus dem Westerwald kurzfristig 75 000 Euro für eine Sondertilgung für einen Immobilienkauf brauchte. „Dadurch haben wir uns in Sicherheit gewogen“, sagte er. Die Kammer konnte bohren, so oft und so tief sie wollte: Keiner der Zeugen hatte Zweifel, dass irgendetwas faul sein könnte. Die zunächst hintergangenen und dann großzügig entschädigten Kunden berichteten, dass sie die vereinbarten Zinsen bis zum Tag der Auszahlung des eingezahlten Betrages vergütet bekommen haben. Dass die Laufzeit länger gewesen wäre, konnten sie am glücklichen Ende verschmerzen. „Ich wollte deswegen vor Gericht kein Theater machen“, sagte der 61-Jährige. „Wir haben bei der Aktion ein gutes Geschäft gemacht.“ Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr fortgesetzt.

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