Selbsthilfegruppe "Smily Kids"

Wenn Papa (oder Mama) trinken . . .

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„Alkohol? Weniger ist besser“, lautet das Motto. Mit einer Aktionswoche wollen Verbände, Institutionen und Selbsthilfegruppen die Menschen dazu bringen, über ihren Alkoholkonsum nachzudenken. Wir stellen in einer Serie Hilfsangebote vor – und Menschen, für die Alkohol ein Problem ist. Heute geht es um die „Smily Kids“, eine Selbsthilfegruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Wenn Alkoholiker trocken werden wollen, können sie eine Entgiftung machen, einen Entzug und dann eine Therapie, ambulant oder stationär. Es gibt jede Menge Hilfsangebote. Die Ehepartner werden natürlich einbezogen, schließlich werden einige irgendwann selbst krank. Aber die Kinder, an die wird nicht gedacht. Sigrid Hoffmann spricht von den „vergessenen Kindern“. Dabei sind sie wohl am meisten überfordert mit den Problemen ihrer Eltern – und bekommen am wenigsten Aufmerksamkeit. Schließlich denkt der Trinker vor allem an Alkohol, die Gedanken des Partners drehen sich um den Süchtigen. Und an die Kinder denkt niemand.

„Kinder leiden in einem von Sucht geprägten Umfeld am meisten, weil sie niemanden finden, der ihnen zuhört“, sagt Sigrid Hoffmann. Sie will das ändern. Deshalb hat sie im Oktober vergangenen Jahres die „Smily Kids“ in Limburg gegründet, eine Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes für Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Alle vier Wochen treffen sich die Kinder, um in der Gruppe über ihre Probleme und Ängste zu sprechen, aber auch um gemeinsam zu lachen, zu spielen und zu basteln. Ganz das, was Kinder gerne tun, aber eben auch das, was man in Selbsthilfegruppen so tut. Die Kinder erzählen, wie es ihnen in den vergangenen Wochen ergangen ist, und sie erfahren, dass es noch andere Kinder mit den gleichen Erfahrungen und Problemen gibt. „Die Kinder helfen sich gegenseitig, sie profitieren von den Erfahrungen der anderen“, sagt Sigrid Hoffmann. Das Ziel sei es, die Kinder stark zu machen. Denn schließlich wisse man heute, dass viele Kinder von Suchtkranken später selbst süchtig werden. Und wenn Vater oder Mutter oder sogar beide trinken, haben die Kinder meist eine Menge Nachholbedarf in Sachen Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein.

Viele Kinder hätten Schuldgefühle, sagt Sigrid Hoffmann. Sie glaubten, sie seien schuld daran, dass Papa oder Mama wieder betrunken sind – weil sie schlecht in der Schule sind, ungehorsam waren oder ganz allgemein nicht die Erwartungen der Eltern erfüllen. Dazu kommen noch die Ängste: Die Angst, dass sie ins Heim müssen, wenn es irgendwann rauskommt, dass ihr Zuhause keine heile Welt ist. Und so würden viele Kinder zu co-Abhängigen. Versuchen, die Alkoholkrankheit ihrer Eltern zu verbergen, räumen die Flaschen weg, lügen, um Mama oder Papa zu schützen. Und sie leisten eine Menge: Schließlich müssen sie sich selbst versorgen, wenn die Mutter es morgens nicht schafft aufzustehen. Sie müssen damit leben, dass ihr Taschengeld für Alkohol ausgegeben wird. Und sie können eigentlich nie Freunde mit nach Hause nehmen, weil sie ja nie wissen, in welchem Zustand der Vater gerade ist. Und sie müssen ständig auf der Hut sein: Viele Kinder können schon an der Art, wie die Mutter die Tür öffnet, hören, ob sie getrunken hat oder nicht, ob sie mit ihr reden können oder besser nicht. Und natürlich erleben viele Kinder von alkoholkranken Eltern Gewalt, auch sexuelle Gewalt. Und die Sorgen hören nicht auf, wenn Vater oder Mutter trocken sind: Auch nach Jahren können sie nachts nicht ruhig schlafen, weil sie immer Angst vor einem Rückfall haben. Sie suchen immer nach Flaschen und riechen ständig an Mama oder Papa. „Diesen Geruch haben sie immer in der Nase“, sagt Sigrid Hoffmann. „Und diese Angst werden sie nie so richtig los.“

Das hört sie jedes Mal wieder aus den Gesprächen der Kinder, die in die Smily-Kids-Gruppe kommen. Dabei sind ihre Eltern schon auf einem guten Weg. Sie sind trocken, denn ansonsten könnten sie es sich nicht eingestehen, dass die häusliche Situation nicht in Ordnung ist, sagt Sigrid Hoffmann. Und sie hätten vermutlich auch viel zu viel Angst, dass die Kinder von zu Hause erzählen.

Dabei sei das Reden so wichtig. „Es ist wichtig, dass meine Tochter auch über Sachen spricht, die sie mit mir nicht besprechen kann“, sagt Claudia Schmidt, die natürlich nicht so heißt, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch wenn sie heute mit ihrer Tochter offen über das Thema Alkohol und ihre Sucht sprechen könne, jeder müsse es nicht wissen. „Alkoholsucht ist immer noch ein Makel, der einem anhaftet.“

„In der Familie gehen wir heute offen miteinander um“, sagt Claudia Schmidt. Und das habe sie auch ihrer Tochter und den Smily Kids zu verdanken. Aber es sei gar nicht so einfach gewesen, miteinander zu reden. „Wir mussten Stück für Stück ein Vertrauensverhältnis aufbauen.“ Viele Jahre habe sie sich eingeredet, dass das nicht nötig sei, dass ihre Tochter nichts von ihrer Alkoholsucht merke. Vermutlich habe ihre Tochter lange gedacht, dass es ganz normal ist, wenn Mama abends trinkt. Sie habe ihrem Kind jede Menge zugemutet, oftmals sei ihre „Große“ auch für die jüngeren Geschwister verantwortlich gewesen. Auch heute noch versuche ihre Tochter, die kleineren Geschwister zu versorgen. „Man nimmt den Kindern ihre Kindheit“, sagt Claudia Schmidt. Heute habe sie ein tolles Verhältnis zu ihrer Tochter. Sie könnten wieder gemeinsam lachen und Spaß haben. „Und sie hat ihre Mama wieder.“

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