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"Wie die ersten Amerikaner in unser Dorf kamen"

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Von: Stefan Dickmann

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Lydia Jung und Bernhard Rompel haben ihre Erinnerungen an den Krieg in Lindenholzhausen aufgeschrieben. Das Lindenholzhäuser Wappen aus Metall hat Rompel selbst entworfen.
Lydia Jung und Bernhard Rompel haben ihre Erinnerungen an den Krieg in Lindenholzhausen aufgeschrieben. Das Lindenholzhäuser Wappen aus Metall hat Rompel selbst entworfen. © Stefan Dickmann

Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Limburger Stadtteil Lindenholzhausen.

Limburg -Das nächste Dorfjubiläum in Lindenholzhausen steht erst wieder in 50 Jahren an. Doch wenn im Jahr 2072 an das 1300-jährige Bestehen erinnert wird, wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die berichten können, wie es war, den Zweiten Weltkrieg in Lindenholzhausen erleiden zu müssen.

Das Organisationskomitee für die diesjährige 1250-Jahr-Feier hat deshalb ältere Bürger in Lindenholzhausen gebeten, aufzuschreiben, was sie im Krieg erlebt haben. Durch den Krieg in der Ukraine bekommen diese Schilderungen eine zusätzliche Dramatik: Was zum Beispiel Lydia Jung im Jahr 1944 als Zwölfjährige in Lindenholzhausen erlebt hat, passiert heute in der Ukraine.

"Schon sahen wir die

ersten Bomben fallen"

"Den 25. November 1944 werde ich wohl nie vergessen", schreibt die 89-jährige Lydia Jung, geborene Dernbach. "Gegenüber der alten Schule in der Schulstraße war das Elternhaus meines Vaters, dort wohnten Oma und Opa Dernbach. Am 25. November gab es im Laufe des Vormittags Vollalarm. Alle Schüler stürmten aus der Schule. Dort traf ich eine meiner Schwestern, und wir fragten uns, bleiben wir bei der Oma oder laufen wir nach Hause? Wir sausten schnell nach Hause in die Frankfurter Straße.

Da unser damaliger Vermieter keinen Luftschutzkeller hatte, hielten wir uns in der ,Futterküche' ebenerdig auf. Von dort aus sahen wir die schweren Kampfverbände niedrig übers Dorf fliegen und schon sahen wir die ersten Bomben fallen."

Nach dem verheerenden Angriff folgt gleich der nächste Schock: "Es stellte sich heraus, dass unsere Großmutter begraben unter den Trümmern ihres Hauses in der Schulstraße lag und nicht mehr lebte. Rund um die Schule waren vier Häuser durch Sprengbomber getroffen worden und es gab noch weitere vier Tote, darunter auch ein fünfjähriges Kind.

Unser Großvater, der inzwischen zu Fuß vom Limburger Bahnausbesserungswerk nach Lindenholzhausen gelaufen war, nahmen wir, das heißt unsere Mutter und wir vier Kinder, bei uns auf. Er war so erschüttert, dass er in der folgenden Zeit bei Fliegeralarm nie mehr einen Keller aufgesucht hat.

Zur Beerdigung von Großmutter bekamen ihre drei Söhne Heimaturlaub. Für den jüngsten Sohn war das ein letztes Wiedersehen, denn er wurde an der russischen Front tödlich verletzt und hat seinen später geborenen Sohn nie gesehen."

An das Kriegsende und "wie die ersten Amerikaner auf der B 8 von Limburg aus in unser Dorf kamen" erinnert sich der 88-jährige Bernhard Rompel. Es war Dienstag, 27. März 1945, 18 Uhr: "Da die Panzer auf der Autobahn schon weiter rollten, gingen wir als Jugendliche zur Mensfelder Straße, dann ein Stück rechts ins Feld, um die Panzerkolonne zu sehen", schreibt er. "Kurze Zeit danach hörten wir, wie über einen Lautsprecher aus der Ferne gesprochen wurde. Wir liefen eiligst zur B 8 Richtung Kapellchen. Dort waren bereits fast alle Häuser mit weißen Bettlaken oder Bezügen behängt, als Zeichen zur kampflosen Aufgabe.

Wir sahen, wie ein offener Militärjeep langsam angefahren kam, worin ein Offizier ausrief: ,Ihr deutschen Landser, Soldaten, ergebt euch freiwillig und kommt heraus!' Der Jeep wurde von Soldaten begleitet mit Gewehren im Anschlag, um im Ernstfall zu schießen."

Die deutschen Soldaten seien früh genug abgezogen und verschwunden. Weiter schreibt Bernhard Rompel: "Kurz darauf besetzten die amerikanischen Truppen mit ihren Fahrzeugen die gesamte Wendelinusstraße. Vor unserem Hof bei Goldschmieds, Haus Nr. 15, stand ihr Küchenwagen und die Kochstelle, die für die Verpflegung der amerikanischen Soldaten sorgte.

Aber das erste, was die Soldaten machten: Sie liefen alle Häuser und Bauernhöfe, wo Hühner waren, ab und sammelten alle Eier ein, die sie finden konnten. Damit kamen sie zu uns und meine Mutter Gred holte die größte Pfanne, die wir hatten und backte darin die Eier. Dafür bekamen wir das helle amerikanische Weißbrot, das erste Weißbrot, das wir in unserem Leben gegessen haben. Wir hatten das Glück, dass die mobile Verpflegungsstelle vor unserem Hof stand.

Denn an einem Fischtag gab es Sardinen als Zwischenspeise. Hunderte von leeren Sardinenbüchsen landeten einfach in unserem Hof. Aber in vielen steckten noch Reste von den Sardinen. Diese waren für uns Buben eine Götterspeise, denn Ölsardinen hatten wir noch nie gegessen, nur Salzheringe aus dem Fass von Brums Gredas Tante-Emma-Laden in der Wendelinusstraße."

Buch zum Jubiläum

Diese und weitere Erinnerungen sowie Anekdoten von Lindenholzhäusern wird es in einem Jubiläumsband in Buchform zum Selbstkostenpreis geben, das rund zehn Euro kosten wird. Es wird während der Jubiläumsfeiern vom 26. bis 29. Mai in Lindenholzhausen verkauft. Über das Jubiläum gibt es weitere Infos im Internet unter www.Lindenholzhausen1250.de

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