Seit gut drei Monaten ist der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
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Seit gut drei Monaten ist der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing im Interview zur Corona-Krise

"Wir brauchen andere Wege, den Gläubigen nahe zu sein"

Vorsichtig bleiben und verantwortlich handeln

Limburg Bischof Dr. Georg Bätzing, auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, spricht im Interview mit Peter Hanack über die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die Zukunft des synodalen Weges und warum er die Kirche trotz allem als Gewinnerin in der Corona-Krise sieht.

Bischof Bätzing, was lernt die katholische Kirche aus der Corona-Krise?

Wir haben einen Schub im Lernen gemacht. Über Ostern hat sich im Bistum zum Beispiel über eine Videoplattform eine interaktive Gottesdienstgemeinschaft gebildet, die noch immer wächst. Das gab es vorher nicht und scheint mir gerade für junge Menschen attraktiv zu sein. Wir haben auch gesehen, dass in ganz vielen Feldern Homeoffice funktioniert. Das kann in normalen Zeiten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern helfen und wird sicher auch künftig auf der Agenda stehen.

Es gab in der Tat viel Kreativität in den Gemeinden, weit über das Streaming hinaus, etwa Hinterhofgottesdienste, Open-Air-Konzerte vor der Kirchentür, Sonder-Pfarrbriefe zum Mitsingen oder das Corona-Läuten um 19.30 Uhr und vieles mehr. Verschwindet das nun wieder?

Im Moment gehen wir zweigleisig vor. Gerade die Menschen, die zu Risikogruppen gehören, sollen frei entscheiden können, ob sie zur Kirche gehen oder zu Hause bleiben. Ich selbst feiere Gottesdienste, die wir live übertragen. Die Zahl derer, die an diesem Streaming intensiv beteiligt sind, hat auch nach der Lockerung der Gottesdiensteinschränkungen nicht abgenommen. Noch feiern wir nicht Gottesdienst in der gewohnten Weise, und den wird es vermutlich auch noch lange nicht geben. Gerade deshalb brauchen wir andere Wege, den Gläubigen nahe zu sein.

Jetzt gibt es wieder Gottesdienste, und das scheint ja auch unter den gegebenen Bedingungen wie Abstandsregeln und Singverbot zu funktionieren. Hat die Kirche im März zu klaglos darauf verzichtet, Gottesdienste feiern zu können? Ostern ohne gemeinsamen Gottesdienst - das gab es doch wahrscheinlich in 2000 Jahren noch nicht.

Wir mussten im Zuge des Lockdown eine Entscheidung treffen und haben auf die Empfehlungen von Wissenschaft und Politik reagiert. Es gab und gibt ein großes Einvernehmen unter den Gläubigen, die Gottesdienste für sieben lange Wochen auszusetzen, um Menschenleben zu schützen. Das war aber sehr schmerzlich, gerade über Ostern.

Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz hat im Interview beklagt, es habe zu viel Willfährigkeit gegeben, man hätte die Schließungen diskutieren müssen.

Was daran richtig ist, wie auch an den öffentlichen Protesten, die wir gerade erleben, ist, dass jeder Eingriff in die Grundrechte und die Freiheiten, auf denen unsere Gesellschaft beruht, gut begründet und immer wieder überprüft werden muss. Das Recht auf freie Religionsausübung ist kein Zugeständnis an die Gläubigen, sondern gehört zu den Grundsäulen unserer freien Gesellschaft. Ich sehe dieses Recht aber nicht gefährdet.

Fürchten Sie den Ausbruch einer Infektionskette wie im Zusammenhang mit einem Gottesdienst der Baptistengemeinde in Frankfurt?

Wir sehen das mit Sorge. Dieser Ausbruch im Kontext eines Gottesdienstes stand aber doch unter sehr anderen Bedingungen als denen, unter denen wir Gottesdienst feiern. Das beruhigt mich ein wenig. Wir müssen dennoch vorsichtig bleiben und verantwortlich handeln. Abstand bleibt das Gebot der Nächstenliebe.

Gleichzeitig mit diesen neuen Kommunikationswegen ist die Distanz zu den Gläubigen an vielen Stellen größer geworden. Wie sieht Ihre Bilanz aus: Ist die Kirche eher Gewinner oder Verlierer der Krise?

Eindeutig Gewinner, weil wir Erfahrungen machen konnten, die wir anders nicht gemacht hätten. Aber das hat seinen Preis. Wie vielen anderen fehlt auch mir seit mittlerweile zehn Wochen der persönliche Kontakt zu Gläubigen. Ich vermisse die Menschen sehr. Und so geht es vielen Gläubigen, sie vermissen einander, nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im Gemeindeleben.

Wenn Sie sagen, die Kirche sei insgesamt eher Gewinner, dann kommt das dicke Ende aber noch, spätestens wenn die Kirchensteuern wegen der vielen Kurzarbeit einbrechen.

Das wird so sein. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die vielen Existenzen, die Familien, die Arbeitnehmer sind ja noch gar nicht zu greifen. Das sieht nach einem erheblichen Einbruch aus, uns werden weniger Ressourcen zur Verfügung stehen. Das betrifft Schulen, Kindergärten, die Einrichtungen der paritätischen Hilfe genauso wie die vielen Seelsorgeangebote.

Könnte Corona die Zahl von Kirchenaustritten noch vergrößern, weil Menschen die Kirchensteuer sparen wollen?

Es gab bereits im vergangenen Jahr eine erhebliche Steigerung der Austritte, obwohl das Jahr nicht durch besondere Skandale geprägt war ...

Meinen Sie damit etwa den Missbrauchsskandal oder die Aufregung über den Bau des Limburger Bischofshauses, bei dem man Ihrem Vorgänger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst Geldverschwendung und Prunksucht vorgeworfen hat?

Genau. Das vergangene Jahr zeigt ganz klar, Menschen fragen nach, wofür sie ihre Kirchensteuern zahlen und wo ihre Berührungspunkte mit der Kirche sind. Sie fragen, ist es mir das wert? Ich kann das verstehen, gerade wenn eine Familie vor existenziellen Nöten steht, Miete zahlen muss oder die Kinderbetreuung finanzieren. Für uns muss das Anlass sein, zu fragen, wie wir mit diesen Menschen in Kontakt kommen, wo unsere guten Angebote für diese Menschen sind. Ich denke da gerade an Schulen, Kitas und andere soziale Angebote.

Sind solche Einrichtungen angesichts wegbrechender Einnahmen gefährdet?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir da leichtfertig etwas aufgeben.

Stehen Entlassungen von Mitarbeitern im Raum? Oder können Sie das ausschließen?

In einigen Bistümern gibt es Einstellungsstopps, aber keine Entlassungen. Die Kirche ist ein sicherer Arbeitgeber. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auch unsere wertvollste Ressource, und wir sind uns unserer Verantwortung sehr bewusst.

Gibt es dafür eine Garantie auf ewig?

Ich bin kein Prophet. Bislang habe ich es aber immer so erlebt, dass bei der Schließung bestimmter Bereiche die Arbeitnehmer an anderer Stelle einen Arbeitsplatz erhalten. Die Sicherheit von Arbeitsverhältnissen ist ein hohes Ethos in der Kirche. Das wird von Dienstgebern und Mitarbeitern gemeinsam getragen.

Die Corona-Krise trifft auch die Reformbemühungen des Synodalen Wegs, bei dem Geistliche und Laien, ausgelöst durch den Missbrauchsskandal, gemeinsam über die Zukunft der Kirche beraten. Im September soll in Frankfurt die nächste Vollversammlung stattfinden. Ist dieser Termin zu halten?

Der Synodale Weg geht weiter, kraftvoll und mit Elan. Die Themen sind wichtig und das Interesse ist groß. Die Krise selbst wird dort thematisiert werden, etwa im Forum zu Macht und Partizipation. Wenn ich höre, dass Frauen die Verlierer der Corona-Krise sind, wirtschaftlich und in ihrer Position in der Gesellschaft, dann berührt das unser Frauenforum. Häusliche Gewalt, Gewalt gegen Kinder, wie haben wir uns selbst als Kirche erlebt, als Gewinner oder Verlierer, das sind Fragen, die wir austauschen müssen. Doch niemand kann sich vorstellen, dass wir im September zu einer Großveranstaltung mit zahlreichen Teilnehmern wie beim ersten Treffen zusammen kommen. Nur digital wird es aber auch nicht funktionieren. Deshalb werden wir fünf über das Bundesgebiet verteilte regionale Treffen veranstalten. Wir werden dann allerdings im Frühjahr 2022 eine weitere Synodalversammlung brauchen, um mit dem Programm gut und sachgerecht durchzukommen.

Was soll mit den Ergebnissen geschehen?

Ich bin sehr dafür, die Erkenntnisse und Entschlüsse, die wir auf dem Synodalen Weg sammeln, nach Rom zu transportieren, auf die Ebene der Gesamtkirche. Was synodal entsteht, muss auch synodal geklärt und beantwortet werden. Da vertraue ich sehr drauf. Papst Franziskus stärkt diesen Weg, und Synodalität ist ihm sehr wichtig.

Fürchten Sie um den Ökumenischen Kirchentag, der im Mai 2021 ebenfalls in Frankfurt stattfinden soll und bei dem Sie gemeinsam mit der evangelischen Kirche gastgebendes Bistum sind?

Der Ökumenische Kirchentag wird stattfinden, das ist die momentane Entscheidungslage. Gerade jetzt braucht es dieses große Dialogforum, um die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialen und weltweiten Auswirkungen von Corona diskutieren zu können.

Sie sind nach Limburg gekommen, jedenfalls in der Wahrnehmung vieler Beobachter, als ein Gegenentwurf zu Ihrem Vorgänger Tebartz-van Elst. Gerade was Transparenz in Finanzdingen angeht oder Ihren kollegialen Führungsstil. Sie waren auch hier schon Krisenmanager. Und Sie sind es in Ihrer neuen Rolle als Vorsitzender der Bischofskonferenz auch.

Da kommt viel Arbeit, und ich scheue sie nicht. Ich habe mich aber immer vernetzt und habe Verantwortung delegiert. Nur so lassen sich Krisen bewältigen. Das ist meine Natur. Sie sagen Gegenentwurf? Ich habe mich nicht neu entworfen, aber offenbar scheint es einen Bedarf zu geben, dass man im Team agiert und auf die Vergemeinschaftung von Entscheidungen hin denkt und Diskussionen und Argumente ernst nimmt. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz leitet die Sitzungen und vertritt die Konferenz nach außen. So steht es im Statut. Das ist schon ein erheblicher Aufwand. Aber er ist nicht der oberste Katholik in Deutschland oder ein Oberbischof. Das sind mediale Vereinfachungen, die Erwartungen wecken, die ein Vorsitzender niemals wird einlösen können. Ich will es auch nicht.

Glauben Sie, Sie können sich diesen Erwartungen entziehen? Die Medienwirksamkeit des Wortes des Vorsitzenden der Bischofskonferenz ist doch gewaltig. Das ist etwas mehr als der Klassensprecher, als den Sie sich einmal bezeichnet haben. Wenn also nicht oberster Katholik, dann doch vorderster Krisenmanager der katholischen Kirche?

Dieser Verantwortung will ich mich nicht entziehen. Aber man muss etwas gegensteuern. Die Bischofskonferenz hat eine hohe Professionalität bei ihren Mitgliedern. Mir ist es wichtig zu zeigen, die Konferenz ist stark und es gibt viele, die öffentlich unsere Anliegen vortragen. Und ich möchte auch mal sagen, dass die katholische Kirche in Deutschland weit mehr zu bieten hat als Krisen.

Was ist Ihr kirchliches Angebot an den modernen Menschen von heute? Die Monstranz in einer Solo-Prozession über den Limburger Domberg zu tragen, wie geschehen, mutet doch eher barock an.

Menschen brauchen Orientierung und suchen Halt, und das ist das Angebot, das die katholische Kirche mit einem personalen Angebot, einem personalen Gott geben kann. Die Menschen wählen selbst aus, was für sie Halt und Orientierung bedeutet. Da kann der Rückgriff auf die barocke Monstranz und den Segen genauso hilfreich sein wie der interaktive Gottesdienst im Netz. Hauptvorzeichen unserer Gesellschaft ist ja Freiheit, und die ist immer ungesichert. Christ sein ist frei sein. Wie soll ich sonst Erlösung deutlich machen? Die Freiheit hat Gefährdungen, aber sie ist ein grundlegender Wert. Ich will doch selbst nichts von der Freiheit im Glauben und im Leben aufgeben, die ich genieße.

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