Eigentlich ist sie Schriftstellerin, keine Lehrerin: Aber Katja Bohnet und ihre Tochter sind ein eingespieltes Team. Doch sie wissen, dass es auch anders geht.
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Eigentlich ist sie Schriftstellerin, keine Lehrerin: Aber Katja Bohnet und ihre Tochter sind ein eingespieltes Team. Doch sie wissen, dass es auch anders geht.

Schule im Landkreis Limburg-Weilburg

"Wir erleben viele verzweifelte Momente"

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Wer Eltern nach dem Distanzunterricht, wie das Zu-Hause-beschult-werden ja offiziell heißt, fragt, bekommt meist erst ein Stöhnen zur Antwort und dann jede Menge Schimpftiraden.

Limburg -Die Lage ist besser als im vergangenen Frühjahr, da sind sich alle Eltern einig. Damals, im ersten Lockdown, als sie noch ständig Arbeitsblätter ausdrucken mussten - wenn sie Glück hatten. Wenn sie Pech hatten, fand gar kein Unterricht statt, die Kinder mussten irgendwie schauen, wie sie sich beschäftigen, vielleicht sogar etwas lernen konnten, und die Eltern machten sich Sorgen um Bildungschancen - oder auch nicht.

Diesmal werden wenigstens die meisten Kinder irgendwie unterrichtet, auch wenn die Schulen dicht sind - manche immer mal wieder per Videokonferenz mit dem Lehrer, manche ohne Lehrer und mit jeder Menge Arbeitsanweisungen und Arbeitsblättern. Und ein paar Schüler haben richtig viel Glück: Sie bekommen regelmäßig Online-Unterricht vom Lehrer und Arbeitsblätter, die nicht einmal mehr ausgedruckt werden müssen. Das ist dann aber wirklich die Luxusversion.

Und offenbar eher die Ausnahme. Die meisten Schüler im Landkreis Limburg-Weilburg müssen auch diesmal schauen, wie sie klarkommen. Oder auf ihre Eltern hoffen. Dass sie die Administration übernehmen und immer genau wissen, welche Abgabefristen gelten, welcher Lehrer die Aufgaben abfotografiert und per Whatsapp geschickt haben möchte, wer eine PDF-Datei will, wer ein ODT-Format, wer die Arbeitsblätter per Post verlangt, und wer schon ganz auf Cloud-Arbeitsräume setzt. Schule ist eine logistische Herausforderung geworden und manchmal ein Fiasko. In vielen Familien spielen sich offenbar fast täglich apokalyptische Szenen ab, die meisten sind überfordert. Aber kaum jemand traut sich, offen darüber zu sprechen. Schließlich haben Eltern hohe Ansprüche an sich selbst, niemand will versagen.

Und kaum jemand traut sich, um Hilfe zu rufen. Manche Eltern haben resigniert, andere haben Angst, dass es ihren Kindern schaden könnte, wenn sie offen sprechen. Aber einige hoffen, dass sie auch im System Schule noch etwas bewegen können. Das hofft auch Björn Jung, der Vorsitzende des Kreiselternbeirats, sonst würde er sich nicht engagieren. Er sagt aber auch: "Man kann es im Moment gar nicht richtig machen. Man kann nur das Bestmögliche machen."

Verbindliche

Standards fehlen

Und wie das am Ende geht, hänge von der Schule ab, eigentlich sogar von jeder einzelnen Lehrkraft. Es gebe zwar Handlungsempfehlungen vom Schulamt, aber es gebe immer noch keine verbindlichen Standards - und keine Kontrolle. Er könne allen Eltern, die mit der Beschulung ihrer Kinder unzufrieden sind, nur raten, mit den Lehrern zu sprechen und, wenn das nicht hilft, mit dem Elternbeirat. "Es ist die Aufgabe des Pädagogen, zu fragen, was der Schüler zum Lernen braucht", sagt Björn Jung. "Und das sollte man auch einfordern."

Katja Bohnet und ihr Mann haben das immer mal wieder versucht. Ohne Erfolg. "Wir erleben viele verzweifelte Momente", sagt sie. Und immer wieder seien sie fassungslos. Fassungslos darüber, dass ihre drei Kinder, obwohl sie alle drei im Gymnasialzweig der Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar beschult werden, Schule derzeit so unterschiedlich erleben. Der große Sohn, elfte Klasse, hatte schon im vergangenen Jahr Erfahrungen mit Videokonferenzen gesammelt, inzwischen gehören sie zum Schulalltag. Die Tochter, 14 Jahre alt, kommt ebenfalls gut klar - auch sie hat längst regelmäßig Online-Unterricht.

Dem Jüngsten, sechste Klasse, ergeht es anders: Er hatte bis nach den Weihnachtsferien keine einzige Videokonferenz, inzwischen sind es ein paar pro Woche und dazu jede Menge Arbeitsblätter und Arbeitsaufträge. Das sei kein Unterricht, sagt Katja Bohnet. "Ich weigere mich zu akzeptieren, dass Aufgaben übersenden als Unterricht gilt." Unterricht brauche Kommunikation, "Unterricht braucht Dialektik." Und es sei ein Unding, dass die Pflicht, die Kinder zu unterrichten, einfach an die Eltern delegiert werde - und das ja nicht erst seit dem 11. Januar, sondern auch in den vergangenen Monaten, im Wechselmodell, als die Kinder noch wochen- oder tageweise in die Schule konnten. Und seitdem hat sich wenig getan.

Einheitliche Standards für alle Schulen und eine bessere Kommunikation - das ist es, was sich Katja Bohnet wünscht. "Wenn man mich den Unterricht machen lässt, muss man sich auch anhören, was ich besser machen würde", sagt sie. Und da fällt ihr ganz viel ein. Mehr kooperative Lernformen sowieso, nicht nur, weil es mehr Spaß macht, gemeinsam zu lernen. Außerdem müsse man den Lehrplan überdenken, "ausdünnen". Fast alle Unternehmen hätten inzwischen akzeptiert, dass die Pandemie Einbußen mit sich bringt, "nur die Schulen versuchen, den Standard aufrecht zu erhalten". Und dann gibt es die Lehrer, "die versuchen, den Stoff durchzuziehen, aber nicht bereit sind, ihn zu vermitteln".

Das sind die Lehrerinnen und Lehrer, die rund um die Uhr Mails mit Arbeitsaufträgen und Fristen schicken und keine Idee haben, was das für die Kinder und ihre Familien bedeutet. "Je kleiner die Kinder sind, desto mehr leide ich mit den Eltern", sagt Katja Bohnet. Denn die sind es ja, die sich kümmern müssen. Und eine Rolle übernehmen sollen, in der sie sich gar nicht gefalle, sagt Katja Bohnet. Sie sei weder eine Eintreiberin, noch habe sie Lust die Aufgaben ihrer Kinder zu machen, nur damit diese die Fristen wahren und trotzdem mal Zeit für was anderes als Schule haben.

Die Kinder

schützen

"Ich habe beschlossen, meine Kinder zu schützen" - vor zu viel Leistungsdruck und den eigenen Erwartungen, sagt Katja Bohnet. Und sie wundere sich, dass so viele Eltern schweigen - vor lauter Angst, dass ihre Kinder es ausbaden müssen. Und lieber Nachhilfe bezahlen, als mit dem Lehrer zu sprechen. Und ihn vielleicht noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Kinder ja nicht nur mit dem Stoff klarkommen müssen, sondern auch mit der ungewohnten Situation und den Kontaktbeschränkungen. Und darauf, dass die Mütter (denn die sind es ja in den meisten Fällen, die das "Homeschooling" übernehmen) in der Regel noch andere Jobs haben, mit denen sie Geld verdienen.

"Meinen Beruf kann ich nur noch in Fragmenten ausüben", sagt die Autorin Katja Bohnet. Fürs Schreiben fehlt die Zeit. Und die Energie. Schriftstellerei ist nichts für nebenbei. "Meine Tage dauern bis tief in die Nacht." Denn die Schule dauert ja jetzt den ganzen Tag und ist allgegenwärtig. Da kommt an Lehrerstunden ganz schön was zusammen.

"Es ist Zeit, noch mal darauf hinzuweisen, dass wir dafür nicht entlohnt werden." Und dass auch der Beifall für die Kinder fehlt: Sie hätten in Windeseile gelernt, Computer zu bedienen, mit neuen Lernformen klarzukommen. Leider gelte das nicht für alle Lehrer. Dabei hätten doch alle Kinder ein Recht auf Bildung, nicht nur die, deren Eltern auch Lehrer sein können. "Und alle Kinder haben das Recht, ermutigt zu werden."

15 000 Schüler

im Distanzunterricht

Wo es geht, sollen die Schüler zu Hause bleiben, so hatte es das Hessische Kultusministerium angeregt. Offenbar geht das in vielen Familien: Insgesamt 15 000 Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden Schulen im Landkreis Limburg-Weilburg werden seit dem 11. Januar zu Hause beschult, "nehmen am Distanzunterricht teil", wie es offiziell heißt. Der Rest geht in die Schule - weil sich zu Hause niemand kümmern kann oder weil der Abschluss bald ansteht. Keine einzige Schule sei derzeit geschlossen, teilte Dirk Fredl, der Sprecher des Schulamtes mit. Weil die Schule auch in diesen Zeiten verwaltet werden muss, weil ein paar Schüler der Klassen eins bis sechs da sind oder weil Lehrer ihren Distanzunterricht von der Schule aus geben.

Wie dieser aussehen kann, können die Lehrer im einen Leitfaden "Schulbetrieb im Schuljahr 2020/2021" des Hessischen Kultusministeriums nachlesen. Darin sei unter anderem geregelt, "dass der Distanzunterricht an der jeweils geltenden Stundentafel orientiert ist und sich nach dem bisherigen Stundenplan der Klasse richten sollte", um so eine Tagesstruktur zu schaffen. Vor allem in den weiterführenden Schulen könne der Distanzunterricht "in Teilen per Videokonferenz-Systemen erfolgen", schreibt der Sprecher des Schulamtes. "Unabhängig davon bereiten Lehrkräfte Unterrichts- und Übungsmaterialien didaktisch so auf, dass die Einführung neuer Lerngegenstände auch im Distanzunterricht erfolgen kann."

Wie die Materialien zu den Schülern kommen, ist nicht geregelt. Das könne auf digitalem Weg passieren oder auch per Post. Geregelt ist aber, dass die Lehrkräfte ihren Schülern "zu individuell festgelegten Besprechungs- und Beratungszeiten zur Klärung von inhaltlichen Fragen sowie zum Austausch von Unterrichtsmaterialen und Übungen kontaktlos zur Verfügung" stehen sollen. Wie das passiert, regele aber jede Schule für sich - "anhand der lokalen Gegebenheiten", aber in Abstimmung mit den Schülern und Eltern. "Insofern können hier selbstverständlich von Schule zu Schule unterschiedliche Regelungen bestehen, die davon abhängen, für welche Kommunikationswege sich die Schulgemeinde entschieden hat", so Fredl. Das gelte auch für die Vermittlung der Inhalte, "die jede Lehrkraft auf ihre Lerngruppen individuell abstimmt".

Ein "schulischer

Lernprozess"

Dass die Schulen verpflichtet sind, den Schülern "Lernangebote in Form von Distanzunterricht zu unterbreiten", ist klar. Das regelt das "Gesetz zur Anpassung des Hessischen Schulgesetzes und weiterer Vorschriften an die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus", das der Hessische Landtag am 16. Juni 2020 beschlossen hatte. "Dieses ist weiterhin gültig und gibt einen schulrechtlichen Rahmen auch für die Gestaltung des Distanzunterrichts", berichtet der Sprecher des Schulamtes.

Dazu gehört auch, dass die Eltern beim Distanzlernen "keine klassischen Aufgaben von Lehrkräften übernehmen" sollen, "denn auch hierbei handelt es sich um eine Form eines schulischen Lernprozesses, der - wie auch der herkömmliche Unterricht - regelmäßig und planmäßig durch die Lehrkraft gesteuert wird". Die Lehrkraft müsse die zum Unterricht gehörenden Steuerungsaufgaben im Distanzunterricht, der an die Stelle des Präsenzunterrichts tritt, in vergleichbarer Weise wahrnehmen. "Das gilt selbstverständlich auch für die Vermittlung neuer Lerninhalte und die damit verbundene Erstellung angemessener Materialien."

Und dann hat der Sprecher des Schulamtes noch einen Rat: "Sollten Eltern das Gefühl haben, dass sie selbst die Lehrerrolle übernehmen müssen, wäre es wichtig, direkt Kontakt mit der jeweiligen Fachlehrkraft aufzunehmen und das anzusprechen." Auch wenn zu viel oder zu wenig Material bei den Schülern ankommt, sollten die Eltern das Gespräch suchen: Damit die Lehrer ihren Distanzunterricht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder einstellen können. Und: "Wenn Eltern merken, dass ihr Kind mit dem Distanzlernen nicht klar kommt, sollten Eltern frühzeitig Kontakt mit der Schule aufnehmen und um Unterstützung bitten."

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