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Mit Hilfe einer Dolmetscherin spricht die Holocaust-Überlebende Irena Szczurek (links) über ihre Erlebnisse.

Holocaust

Zeitzeugin Irena Szczurek berichtet: Vom Kindermädchen gerettet

„Fragt uns, wir sind die letzten...“ Über ihre Erfahrungen berichtete jetzt Irena Szczurek im Limburger Priesterseminar. Sie hat als einiges Mitglied ihrer Familie den Holocaust überlebt.

Jeder Zeitzeuge ist anders und oft erfordert der Umgang mit ihnen ein gewisses Fingerspitzengefühl: Wann sind sie erschöpft und sagen es nur aus Höflichkeit nicht? Welche Auftritte kann man ihnen zumuten und wann gönnt man ihnen besser eine Ruhepause? Fragen wie diese galt es in den vergangenen Tagen beim Besuch von vier polnischen Zeitzeugen des Holocausts zu beachten. Schließlich standen sie tagsüber vor rund 600 Schülern aus dem ganzen Bistum.

So kam es, dass der Organisator des Zeitzeugenprojekts, Dr. Marc Fachinger vom Amt für katholische Religionspädagogik im Bistum Limburg, bei der Infoveranstaltung im Priesterseminar nur eine Zeitzeugin den Zuhörern vorstellen konnte. Mit Hilfe einer Dolmetscherin berichtete die 1938 im zentralpolnischen Radomsko geborene Irena Szczurek von ihrem Leben.

Ein Leben, das sie mit verschiedenen Identitäten lebte: „Ich bin Jüdin und hieß ursprünglich Renata“, erzählte sie. Sie betrachtet es als ein Wunder, dass sie als Einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt hat. Ihr Vater Izydor Präminger hatte in Radomsko eine Anwaltskanzlei. „Wir waren eine glückliche Familie, in der es viel Liebe gab“, sagte sie, während im Hintergrund alte Familienfotos von ihrem Vater, Bruder Bronus und dem ukrainischen Kindermädchen Maria Hromiak zu sehen waren.

Je weiter die Erzählung fortschritt, desto mehr rückte die Rolle Marias in den Vordergrund. So war sie es, die Irena Szczurek später mit Erzählungen über Details ihrer frühen Kindheit versorgte. Details, an die sich die Zeitzeugin selbst nicht erinnern kann.

Als Reaktion auf die beginnenden Kriegswirren verließ die Familie bald Radomsko und zog nach Brody in der Nähe der ukrainischen Grenze. „Brody galt als das polnische Jerusalem, die Bevölkerung bestand dort 70 Prozent aus Juden.“

1942 verfügten die deutschen Besatzungsbehörden die Errichtung eines Ghettos. Innerhalb kürzester Zeit wurde die jüdische Bevölkerung in einen kleinen Stadtteil eingepfercht. Dorthin mitnehmen durften sie nur wenige Habseligkeiten. Das unerlaubte Verlassen des Viertels wurde mit der Todesstrafe geahndet. Diese drohte auch Personen, die Juden Unterschlupf gewährten. – Mit der weiteren Zuspitzung der Lage fiel der Entschluss, dass Maria Hromiak das Kind an die Hand nehmen und sie als ihre eigene Tochter an einem bestochenen Wächter vorbei aus dem Ghetto schmuggeln sollte. Der Plan gelang. Um die Tarnung aufrechtzuerhalten, musste Irena ihre Lebensretterin fortan Mutter nennen. Um an offizielle Dokumente zu kommen, wurde sie mit Einverständnis des Vaters getauft. „Zu Christus bin ich unter Zwang gekommen. Er ist aber zu meiner Wahl geworden und ich bin auch heute noch katholisch“, betonte die Zeitzeugin.

Ihre leibliche Mutter wurde in der Folgezeit ins Vernichtungslager Belzec deportiert, wo sie ermordet wurde. Vater und Bruder gelang erst die Flucht. Gegen Bezahlung versteckte sie ein Bauer im Heuschober. Als Anfang 1944 Maria Hromiak dem Bauern die nächste Zahlung brachte, stellte sich heraus, dass die beiden verschwunden waren.

Nach dem Tod ihrer Ziehmutter im Jahr 1991 setze sich Irena Szczurek dafür ein, dass diese als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde. Diesen Ehrentitel erhalten nichtjüdische Einzelpersonen, die Juden vor der Ermordung retteten. Bei der feierlichen Ehrung bekannte sich die Zeitzeugin erstmals öffentlich zu ihrem jüdischen Erbe. Reagierten Freunde und Bekannte danach anders auf sie? „Nein, viele Freundschaften sind noch enger geworden.“

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