Auf dieser Luftaufnahme der Ostseite des Neumarkts wird das Ausmaß des Gebäudes ersichtlich, das die ehemalige Zuckerfabrik, später eine Schule und dann das Kreisgericht beherbergte. Davor stand später das Denkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71.
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Auf dieser Luftaufnahme der Ostseite des Neumarkts wird das Ausmaß des Gebäudes ersichtlich, das die ehemalige Zuckerfabrik, später eine Schule und dann das Kreisgericht beherbergte. Davor stand später das Denkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71.

Vergessene Plätze

Zuckerfabrik, Schulhaus, Kreisgericht und Warenhaus

Das erste Haus am Neumarkt in Limburg diente in seiner Geschichte vielen Zwecken.

Limburg -Wer sich heute den von zahlreichen Läden umgebenen Neumarkt betrachtet, käme wohl kaum auf die Idee, dass sich dort einmal eine Zuckerfabrik, eine Schule und Behörden befanden. Sie standen nicht nebeneinander, sondern fristeten ihr Dasein nacheinander im gleichen Gebäude, das es heute in dieser Form nicht mehr gibt. An seiner Stelle befinden sich heute vornehmlich Geschäfte und Arztpraxen.

Die Limburger Historiker und Chronisten Johann Georg Fuchs, Friedel Kloos und Franz-Karl Nieder haben sich in verschiedenen Publikationen mit der Entwicklung an dieser dominanten Ostseite des Neumarkts befasst, der 1850 nach Öffnung der Grabenstraße allmählich Gestalt annahm und damals auch "Neue Anlage" genannt wurde. Es wird berichtet, dass der damalige Domdekan Hubert Arnold Corden 1837 für 550 Gulden einen Garten an den Kaufmann Heinrich Trombetta verkaufte, der mit seinen Brüdern Josef und Jakob auf dem Grundstück eine Zucker-Raffinerie errichtete, die dort um 1840 als Limburger Zucker-Aktienfabrik ihre Produktion aufnahm.

Der Absatz verlief aber nicht so, wie es sich die Betreiber gedacht hatten, so dass schon 1853 mit der Versteigerung von Fabrikgeräten begonnen wurde. 1860 war die Firma pleite, so dass die Stadt im folgenden Jahr den maroden Betrieb für 12 500 Gulden erwarb, um dort nach entsprechenden Umbaumaßnahmen eine Elementarschule (eine Form der Volksschule, heute Grundschule) und eine neue Bürgermeisterei einzurichten, wozu die Genehmigung der Herzoglichen Regierung eingeholt worden war.

Schulherrlichkeit nach

vier Jahren vorbei

Franz-Karl Nieder schreibt: "Am 28. 10. 1863 wurde die Schule eingeweiht. Morgens 8 Uhr Hochamt in der Stadtkirche. Um 9 Uhr Festzug in die neue Schule. Versammlung im großen Schulsaale, Gesang, Festrede, Declamation und Einführung in die Schulsäle. Schulkinder, Eltern und Freunde der Schule waren zum Fest eingeladen." Doch schon nach vier Jahren ging die Schulherrlichkeit zu Ende. Die Kinder mussten zurück in ihre alten Quartiere, in die Aula am Rossmarkt, dem ehemaligen Gymnasium der Franziskaner. Der Bürgermeister zog wieder auf den Fischmarkt um.

Anlass war, dass das stattliche Gebäude, das den Neumarkt lange dominierte, 1867 dem Kreisgericht zugesprochen wurde. Die Stadt stellte der Behörde das Haus, das sie für viel Geld für die neue Schule mit vielen Räumen eingerichtet hatte, zur Verfügung. Doch auch diese Nutzung war nicht von Dauer. Mit dem Gesetz zur Errichtung der Oberlandesgerichte und der Landgerichte vom 4. März 1878 wurde das Kreisgericht zum 1. Oktober 1879 aufgelöst. Neuer Sitz wurde das heutige Postgebäude an der Frankfurter Straße, das aber nur ein Provisorium sein sollte, bis die Stadt das heute noch bestehende Gerichtsgebäude an der Schiede erbaute, das am 29. März 1882 seiner Bestimmung übergeben wurde.

Das bisher der Stadt gehörende ehemalige Kreisgerichtsgebäude wurde 1882 für 80 000 Mark von einem Investor aus Bad Ems gekauft. Es wurde aufgeteilt und im folgenden Jahr zu einem Geschäftshaus um- und angebaut. Den Quellen des Limburger Stadtarchivs ist zu entnehmen, dass 1904 der linke Seitenflügel (Neumarkt 12) von den Geschwistern Mayer erworben und für das vom Inhaber Hugo Putziger geführt Warenhaus umgestaltet worden ist. Dabei wurde die klassizistische Fassade durch eine neue Glas-Gusseisenkonstruktion ersetzt. Die Familie Mayer stammte aus dem badischen Billigheim.

Das zweigeschossige Kaufhaus war mit 100 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber im Dienstleistungsbereich der Stadt und bildete das Zentrum des Konsumlebens für den Einzelhandel. Dort gab es praktisch alles, was das Herz begehrte. Das Geschäft verfügte zwischen dem Haus der Firma Diener und dem Schuhhaus Unkelbach über eine große Ladenfront und wurde von Einheimischen auch "Geschwister Dorschenanner" genannt.

Jüdische Familie

zum Verkauf gezwungen

Darüber und über die Familiengeschichte der jüdischen Inhaberfamilie schreibt Dorothea Putziger, eine Urenkelin der Mitinhaberin Eva Mayer, dass seit April 1933 das Warenhaus ständig boykottiert und zum Spielball der politischen Kräfte in der Stadt wurde. Schließlich hätten sich Mayer-Putziger seit 1933/34 zum Verkauf des Geschäfts genötigt gesehen, was während der Diktatur aber unmöglich gewesen sei. Die "Deutsche Arbeiterfront" brachte das Haus 1935 in ihre Gewalt. Die Familie Putziger, der Hausverbot erteilt wurde, musste das Haus weit unter Wert verkaufen und Limburg innerhalb von 24 Stunden verlassen.

Der Kernbau Neumarkt 8/10 und das Nachbarhaus firmierten nach der "Arisierung" der Firma Mayer ab November 1935 als "Kaufhaus Johann Schostek". Dessen Geschäftsführer war Wilhelm Kinker, der es von Schostek ab 1944 ganz übernahm und bis zur Schließung 1970 weiterführte. Weitere gewerbliche Nutzungen und die Eröffnung von Arztpraxen folgten. Zuletzt wurde im Juni 1998 der linke Gebäudeteil für die Errichtung eines neuen viergeschossigen Geschäftshauses abgebrochen und nach rekordverdächtiger Bauzeit im November desselben Jahres dort das neue Geschäftshaus Inter-Sport V & M, heute "Intersport Begro", eröffnet. Dieter Fluck

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